Eines ist klar: Zum Spaß haben ist niemand hier. Sonntagnachmittag, Stadion des Zweitligisten VfL Bochum. Letztes Heimspiel der Saison, das mal wieder krachend in die Hose geht. Die Bilanz, eigentlich wie immer. Mal wieder nicht aufgestiegen, mal wieder nach eigener Führung verloren – diesmal sogar mit zwei kläglich vergebenen Elfmetern, ausgerechnet durch den Top-Torjäger, der – und da halten sich die Gerüchte leider grausam – zur nächsten Saison auch noch die Flatter machen könnte. So wie eigentlich immer.
Lieber Gott, lass die Spieler in Bochum gut spielen, aber nicht zu gut, sonst sind sie weg. […]
Hier ist es anders, ganz anders als bei den großen Klubs des bezahlten Fußballs. In diesem kleinen Stadion, mitten im Ruhrgebiet, fast buchstäblich im Schatten der großen Pötte auf Schalke und in Dortmund. Hier, wo noch mit Bargeld bezahlt wird, nicht mit Chipkarte. Hier, wo die “Edelfans” auf der kleinen VIP-Tribüne aussehen wie in die Jahre gekommene Schlagersänger mit Solariums-Abo. Hier, wo man keine Nationalspieler zu sehen bekommt – und wenn doch, kommen sie aus Island, Slowenien und manchmal immerhin Griechenland.
Und doch ist die “graue Maus” ein Faszinosum. Würde man im Blut der Fans die Zufriedenheit feststellen können, der Glückspegel wäre nicht niedriger als beim gerade erneut zum Meister gekürten FC Bayern. Wie ist das möglich? […]
1988, Pokalfinale in Berlin, steht da. Und man muss schlucken. Genau, gegen Frankfurt. Reguläres Tor aberkannt bekommen, dann Traumtor für Frankfurt durch Lajos Detari. Das war’s mal wieder. Die anderen gewinnen. Bochum – da sind sich alle einig – hat gut gekämpft. Wer das als Beispiel für gute Zeiten vorweisen muss, dessen schlechte will man eigentlich gar nicht kennenlernen. […]
Und irgendwie sind es diese Anekdoten, die das Geheimnis auszuflüstern scheinen, warum man doch nicht loskommt von diesem Verein, der in treuer Verlässlichkeit so richtig schlechten Fußball zeigt, der niemals etwas geholt hat und – Leicester ist eben nicht überall – wohl auch niemals etwas holen wird. Wer das nicht aushält, kann ja nach Dortmund gehen.
In der Halbzeitpause werden “Legenden” geehrt; Spieler und Trainer, von den Fans zu einer Art Jahrhundertelf des VfL gekürt. Ihre Erfolge, stolz verkündet vom Stadionsprecher: Einer hat drei Länderspiele, einer wurde Torschützenkönig der Zweiten Liga, einer ist Co-Trainer beim FC Bayern und so weiter. Trotzdem viele feuchte Augen, bei den harten Jungs in der Ostkurve: “Dat sind eben unsere Männer, unsere Tradition, unser Stolz. Die haben sich noch den Arsch aufgerissen und dat isset, wat zählt!”
In einer Stadt, die von Malochern groß gemacht wurde, bevor der Strukturwandel ihr fast alles nahm, die sich neu erfand, wieder verlor (Nokia, Opel), sich immer wieder irgendwie aufrappelte, ist Kampf, aufstehen, nicht aufgeben genau das, womit sich die Menschen identifizieren.
Ist es auch ein Sichgefallen im Underdogsein? Ja, ist es, aber irgendwoher muss man seine Identität ja beziehen und diese fußt zumindest auf einer ehrlichen Einschätzung der Lage. In einem Umfeld, in dem der Begriff “Unique selling Point” niemals fallen würde, ist es genau das: Underdog qua Amt. Und von den Underdogs einer der ganz großen. Mit Tradition, Geschichte und eben echten Originalen. […]
Das ist es, was die Leute immer wieder in diese Folterkammer für Fußball-Ästheten an der Castroper Straße zieht: Tradition. Dinge bleiben – und sind sie auch meist nicht angenehm, sie bleiben. Immerhin. Woanders hat sich der Geruch im Laufe der Jahre verändert. Hier nicht. Bratwurst, Zigarettenrauch, billiges Herrenduftwasser und – wenn man weit genug unten steht – frisch gemähter Rasen. Eine Kombination, die es so nur hier gibt, und die einen hormonellen Glückscocktail hervorruft, wie man ihn sonst nur bei der Sache produziert, die mit all dem hier um den Titel “schönste Sache der Welt” konkurriert.
Kein Titel, kein Prestige – und nicht mal aus praktischen Gründen lohnt es sich, das kleine Stadion direkt neben dem Gefängnis am Rande der Innenstadt aufzusuchen – die großen Tempel in Gelsenkirchen und Dortmund sind selbst mit Bus und Bahn bequem und schnell zu erreichen. Warum also Bochum? Warum der ständige Ärger, Frust, die Angst vor dem nächsten sportlichen Tiefpunkt? Weil es Liebe ist, so tiefe Liebe! Das sucht man sich nicht aus.
“Beim letzten Abstieg”, sagt Thomas, “nach dem Abpfiff, um mich herum Randale, Tränengas, Polizei. Ich stand am Rand und habe es kaum registriert. Da bricht ne Welt zusammen, dat hältste nicht aus. Da biste leer, so leer.” Nein, eine freie Entscheidung ist es nicht. Ein Unglück aber offenbar auch nicht, es ist eben so, du bist für diesen Verein, mit Haut und Haaren, “da machse nix!” Klar, das ist ja überall so, nur gibt es hier wirklich keinen sportlichen Grund.
Kurz vor Abpfiff ein Flitzer. Oben ohne, sichtbar beleibt und hörbar beliebt. Man lässt ihn, niemand macht sich die Mühe, ihm zu folgen. Er rennt über den Platz, genießt den Jubel beider Fangruppen, kniet sich vor Bochums Torjäger Terodde, verlässt das Feld und wird vom Ordner in Empfang – und in den Arm genommen. Stadionverbot, Junge. War es das wert? Och, irgendwie schon.
Danach gurken sie auf dem Platz dem Abpfiff entgegen. Wahnsinn, zumindest aus dem Fernsehen weiß man doch, wie Fußball eigentlich aussieht, warum kriegen die das mal wieder nicht hin? Dann bekommt Bochum, 2:3 zurückliegend, eine Minute vor Schluss einen Elfer zugesprochen. Terodde, der vorhin schon mal einen vergeben hat, läuft an und zimmert den Ball in den Bochumer Frühlingshimmel. Pfiff, Ende, verloren.
Ein älterer Mann im Anorak ruft heiser: “Zwei Elfmeter in einem Spiel – und beide versemmelt, dat habe ich überhaupt noch nicht erlebt, so was!” Und Dinge, die man überhaupt noch nicht erlebt hat, passieren hier ständig, allerdings nie, nie, nie mit gutem Ausgang. Nie! Wenn die schwarz-gelben Nachbarn mal wieder in letzter Sekunde den triumphalen Volleytreffer bejubeln, der sie in irgendein tolles Finale bringt, dann muss es ja auch immer die andere Mannschaft geben, die Verlierer. Und darauf hat man hier ein Abo. Ein Supertreue-Abo in Gold, weil man in diesem Punkt so schön verlässlich ist. Aber Liebe auf der blühenden Sommerwiese wäre auch zu einfach, kann jeder. Liebe im Sumpf, die ist es, die ist besonders! […]
Denn was nützen den Bayern 100 Titel, den Schalkern noch mehr millionenschwere Superstars, den Dortmundern eine Rekord-Fanbase, wie es in diesem Geschäft heißt? Nein, man kann diesen kleinen, grauen Verein nicht mögen. Man kann ihn nur lieben!