deutschlandplan, also der deutschlandplan
(normale schrift: auf band gesprochener text; kursive schrift: später per tastatur ergänzter text)
die sozialdemokraten deutschlands hatten einen plan. sie nannten ihn deutschlandplan. aus "du bist deutschland", "sei berlin", wurde ein deutscher plan. angefangen hatte das alles erst so richtig mit der fuĂballweltmeisterschaft 2006, auch wenn die ersten neuen 'germanisierungsversuche' gleich zur wendezeit liefen: vietnamesen "ausräuchern" in rostock ...
wenn ich fĂźr das deutsche vlna, also fĂźr die german welle, also fĂźr die deutsche welle schreibe - ich soll was schreiben, also schreib ich, ja, ich schreib was, fĂźr die deutsche welle, die auslandsnachrichten aus deutschland:
kultur ist noch was anderes als dekoriertes leben, sagte nietzsche, nein, er schrieb es. "das Cultur noch was Anderes sein kann als Dekoration des Lebens"- das hat er tatsächlich geschrieben.
es wäre mir frĂźher Ăźberhaupt nie eingefallen, das wort deutsch in den mund zu nehmen - deutsch, was ist das? das war was, was in irgendwelchen formularen stand, wenn man irgendwelche angaben machen muĂte - staatsangehĂśrigkeit - na ja, was ist das?
das wort hatte eher etwas mit dem blick durch die ddr zu tun, die das deutlicher im namen hatte und wenn man dann auf der transitstrecke nach berlin gefahren ist oder freunde besuchen in ostberlin, arbeiten in ostberlin - das deutsch-deutsche verhältnis, an solchen punkten da tauchte deutsch, das wort deutsch auf.Â
wenn man mich fragte, woher ich komme, sagte ich nicht "aus deutschland", sondern z.b. ich käme aus mßnchen oder wßrde in berlin wohnen. erst ßbers englische aber, mit dem ich mich in anderen ländern verständigte, z.b. in der slowakei, bekam ich ein etwas unverkrampfteres verhältnis zu dem wort.
nach der sogenannten wende (das wort 'sogenannt' hat etwas sehr deutsches, manche leute benutzen dieses wort 'sogenannt' ganz oft, ich selbst frĂźher auch, man sagt etwas und man sagts nicht, weil andere das gesagt haben und deswegen wĂźrde man das 'sogenannt' nennen, damit der andere, also der zuhĂśrer versteht, worĂźber man spricht, aber man wĂźrde eigentlich lieber was anderes sagen, aber es hat sich so eingebĂźrgert) also, nach der 'sogenannte' wende dann ...
das sogenannte - ja so war das, das so genannte deutsch, das 'sogenannte' deutsch: es fiel auf im zusammenhang mit sprachen, die ich einsetzte, daĂ ich viel mit sprache umging (in der theaterarbeit, ja, spielt das natĂźrlich eine rolle, tĂśne, worte, wie setzt man welche worte ein - viel wichtiger als das wort ist oft der gestus), da konnte ich dann auch anfangen in anderen sprachen zu denken oder zu hĂśren, mich damit auseinanderzusetzen und durch die andere sprache wieder die eigene sprache, also die muttersprache besser zu verstehen.
so war das also erstmal eine 'zeichnung', dieses wort 'deutsch', einfach eine sprachbezeichnung, aber eine eigenschaft?
dann tauchten die ersten versuche auf, sich wieder irgendwie, also innerhalb der sogenannten bundesrepublik (die auf seltsame weise, nicht ganz juristisch legal oder besser gesagt, juristisch nicht legal, sich das gebiet der deutschen demokratischen republik einverleibte - das wäre sicher ein zeitpunkt gewesen, wo nicht nur die bßrger der ddr, sondern auch die bßrger der frßheren brd -oder von west- wie ostberliner als westdeutschland bezeichnet- vielleicht eine wahlmÜglichkeit gehabt hätten fßr eine ganz andere politische form - aber das nur am rande -) national zu verhalten, ein nationalismus trat hervor, der vorher, zumindest in der Üffentlichen wahrnehmung, nur so ganz am rande, an den rändern stattgefunden hatte - als phänomen in der ddr-jugendkultur z.b. , leute, die gesagt haben, sie sind nazis, weil das was war, womit man gegen den sich selbst so bezeichnenden antifaschistischen staat am heftigsten auftreten konnte (natßrlich gab es nationalismus auch im westen! aber nach der studentenbewegung schien das vorallem den aus der nazizeit ßbriggebliebenen zuzugehÜren und die deutschsprachigen skins konnten oft nicht genau unterscheiden, ob sie jetzt einer linken oder rechten jugendbewegung anhingen), ja, da wurden dann auf einmal nationalismen Üffentlich laut! die rassistischen, nationalistischen ausfälle von hoyerswerda (1991), rostock (1992) und später weiteren orten im westen wurden zwar als 'anschlag auf die republik' gekennzeichnet und verurteilt - aber es folgten dann eine entsprechend rigide asylbewerber-gesetzgebung und die in verschiedenen medien diskutierten fragen 'darf man wieder deutsch sagen und darauf stolz sein?' wurde von namensveränderungen ßberrollt: die bundespost wurde zur deutschen post, die bundesbahn zur deutschen bahn, die bundesrepublik deutschland wird eigentlich nur noch deutschland genannt, obwohl es nach wie vor eine bundesrepublik ist.
ich fing zu dieser zeit an, nach stĂźcken Ăźber autoren (ionesco, majakowski), maler (picasso, hodler, hrdlicka) und ihre themen, mich in meinen theaterprojekten mehr mit deutschsprachigen autoren (mĂźller, lessing) zu beschäftigen, Ăźber das thema 'arbeit' (journalisten muĂte man da noch erklären, warum man unbedingt das thema 'arbeit' auf der bĂźhne verhandeln wollte) gings dann zuÂ
BETON DEUTSCHLAND, wo die themen deutschland und arbeit aufeinandertrafen (auf einer bĂźhne wurde ein beton-labyrinth von schauspielern live betoniert, eine foto-ausstellung zeigte dann den aufbau des potsdamer platzes in berlin von seiner grasnarbe bis zu den richtfesten der jeweiligen gebäude-ensembles im innern des labyrinthes, vorträge Ăźber das bauen, das arbeiten, den werkstoff ergänzten die siebentägige, vierundsechzig stunden währende theateraktion), Ăźber FRAU MAKBET (eine frau, die in ihrer videoĂźberwachten villa am berliner wannsee sitzt und das sterben ihres mannes und seiner auseinandersetzungen mit der gesellschaft revue passieren läĂt - nach shakespeares macbeth), INTOURIST (eine virtuelle, eine videobusfahrt durch die slowakei nach polen mit der ehemaligen intertouristik, ein stĂźck Ăźbers reisen) ging es zu ZWANGSSTERILISIERT (ein stĂźck Ăźber die zwangssterilisation eines adoptierten sinto-jungen in der stadt halle zur nazizeit, seine entfĂźhrung durch eine widerstandsgruppe und seine rettung durch den einmarsch der amerikaner).
INTERVENTIONEN (im Ăśffentlichen und semi-Ăśffentlichen raum, wie kinos, theater, galerien, festivals) folgten, die auf den phänomenen des gepäppelten nationalverständnisses und einer plakataktion, die 1000 fragen hieĂ, (diese auf plakaten und im internet stellte und manchmal durch experten beantwortete) aufbauten. ich fing mit den DEUTSCHLAND TAPES an (dabei sammle ich familiengeschichten aus ost und west) und nach einer REISE NACH GUANTANAMO (in der das publikum ins dunkel der container versetzt wurde, mit denen die gefangenen durch afghanistan zu verschiedenen us-sammellagern und dann per flugzeug nach kuba gebracht wurden) konzentrierte ich mich darauf, was wir in europa (als täter-nationen) machen, wenn wir mit diesen dingen in den anderen teilen der welt zu tun bekommen: lager einrichten - bei GITMO.TV (wachschutzmänner fĂźhren durch ein eben geräumtes nato-lager und präsentiert zurĂźckgelassene relikte des lagerlebens).
ROMATRANSPORT nahm sich das gedenken zum anlaĂ, um mit einer demonstration unter heutigen bedingungen auf die ausgrenzung (und vernichtung) von minderheiten damals wie heute im Ăśffentlichen raum der fuĂgängerzonen aufmerksam zu machen. AN-GELA.DE hatte die regierungsarbeit der letzten regierung zum thema fĂźr jugendliche, etwas, was nun unter der regierung bestimmt weiter thema sein wird, vor ein paar tagen hieĂ es, nun hätten die kĂźnstler wieder etwas, wogegen sie sein kĂśnnten.
ein stĂźck aber, das es dann etwas später auch in einer ganz slowakischen version gab (NOVINKA CHUDOBA im studio12 in bratislava, aber auch an anderen orten in der slowakei gezeigt - das stĂźck wurde auch in vlna nr ... verĂśffentlicht), ARMUT NEU beschäftigte sich mit den damals neu strukturierenden sozialgesetzgebung und darĂźber hinaus mit den themen reichtum, wirtschaft, arbeit und den dazugehĂśrigen ansichten verschiedenster sozialer schichten. diese neue sozialgesetzgebung, mit dem nachnamen des damaligen 'erfinders' peter hartz bezeichnet ('hartz4') entstand auf der grundlage von erhebungen eines institutes aus gĂźtersloh, das zum weit verzweigten firmenimperium eines der weltweit grĂśĂten medienkonzerne, 'bertelsmann' (ehemals ein evangelischer liederbuchverlag und später die dt. soldaten des zweiten weltkriegs mit lesestoff versorgend), gehĂśrt. dieses institut lieferte die 'genauen' daten fĂźr das alltägliche leben eines menschen, der in deutschland lebt, brav getrennt in erwachsene, kinder, ost und west (nach dieser maĂgabe steht 'sozial bedĂźrftigten' u.a. der wert einer halben kinokarte pro monat und einer viertel theaterkarte pro quartal zu), und eben die grundlage fĂźr unser stĂźck. besonders die 'deutschland ag', ein schon länger existierender zusammenschluĂ von groĂen firmen und konzernen unter der fĂźhrung von deutscher bank und allianz, ein netzwerk von managern, gewerkschaftlern und politikern, hieĂ die neuen gesetzgebungen gut, die auch unter dem namen agenda 2010 bekannt wurden. diese agenda wurde von der sozialdemokratenischen partei deutschlands durchgesetzt, unterstĂźtzt von den beratern aus der 'bertelsmann ag'.
dann kam die fuĂballweltmeisterschaft 2006 in die brd und endlich durfte, konnte, wollte (fast) jeder deutsche fahnen: aus dem fenster, im garten, am auto. etwas später hoben die gerade neu gegrĂźndeten 'partner fĂźr innovation' (24 wichtige medienunternehmen unter der koordination der bertelsmann ag) eine kampagne aus der taufe: 'du bist deutschland'. diese kampagne sollte zwar die Ăśffentliche meinung auf notwendige investionen im hightech-bereich vorbereiten, aber zielten vor allem auf die herstellung von 'aufbruchstimmung'. ein jahr später sagte die damalige und aktuell wieder neu gewählte kanzlerin angela merkel: 'dies war eine initiative, die aus meiner sicht meinungsprägend und mentalitätsverändernd in deutschland etwas zustande gebracht hat. das klima fĂźr innovation, die akzeptanz von innovation haben sich verändert. dazu haben sowohl die konkreten projekte als auch die kampagne 'du bist deutschland' beigetragen, die aus meiner sicht weit Ăźber den engen innovationsbereich hinaus ein stĂźck stolz und selbstbewusstsein geformt hat, was ja die voraussetzung dafĂźr ist, dass man Ăźberhaupt vorankommt.'
vorangekommen sind seither die umwertungen der erinnerungen z.b. an die achtundsechziger (die damals die auseinandersetzungen mit der nazi-vergangenheit und diverser traditionen erst wirklich in gang setzen), das 'geraderĂźcken' der ansichten zu dieser zeit durch verschiedene bĂźcher, berichte, filme ('baader meinhoff komplex'). nun soll, in einem land, wo es Ăźbrigens kein ministerium fĂźr kultur, sondern nur einen 'bereich kultur' gibt, der dem bundeskanzleramt zugeordnet ist und dessen chef der abteilung den titel 'kulturstaatsminister' trägt, wenn schon nicht der passus 'der staat schĂźtzt und fĂśrdert die kultur' ins grundgesetz aufgenommen werden kann (wie seit längerem diskutiert und gefordert wird von unterschiedlichen politikern, um damit eine verläĂliche finanzierung von kultur sicherzustellen in zeiten von sparmaĂnahmen), endlich die sprache, die gesprochen wird, eingang in selbiges gesetz finden: 'die sprache der bundesrepublik ist deutsch.' das wollen die koalitionäre der neuen regierung.Â
 der 'deutschlandplan' ist jetzt eine danebengegangene wahlkampagne der spd aus dem wahlkampf 2009, der am 27. september sein ende fand. aber die beratende, dahinterstehende bertelsmann ag ist sicher dabei, neue strategien zu ersinnen. eine schon bestehende initiative trägt z.b. den titel 'deutschland - land der ideen'.
wer waren wir, wer sind wir, wer wollen wir sein?
marold langer-philippsen, oktober 2009Â
 http://ml-philippsen.orgÂ