von Antonia Hodgson, 2025 bei Hodderscape
After twenty-four years on the throne, it is time for Bersun the Brusque, emperor of Orrun, to bring his reign to an end. In the dizzying heat of mid-summer, seven contenders will compete to replace him. Trained at rival monasteries, each contender is inspired by a sacred animal – Fox, Raven, Tiger, Ox, Bear, Monkey, and Hound. An eighth – the Dragon proxy – will be revealed only once the trials have begun. Eight exceptional warriors, thinkers, strategists – the best of the best. Then one of them is murdered.
It falls to the brilliant but idiosyncratic Neema Kraa to investigate. But as she hunts for a killer, darker forces are gathering. If Neema succeeds, she could win the throne – whether she wants it or not. But if she fails, she will sentence herself to death – and set in motion a sequence of events that could doom the empire.
Ah, das Gefühl, endlich mal wieder eins von den Fantasybüchern in der Hand zu halten, bei denen einfach alles stimmt. Der Einstieg ist packend: Ein Geschwisterpaar, dessen Vater als Verräter gilt, wird vom Imperator vor eine grausame Wahl gestellt, die Schockierendes über die familiären Bande enthüllt. Gerade davon erholt, wechselt das Buch überraschend zur eigentlichen Protagonistin, die wir den Rest des Romans begleiten – aber keine Sorge, wir kommen auf unser Geschwisterpaar noch mal zurück.
Dass das Buch 650 Seiten lang ist, habe ich null gespürt, denn die Kapitel fliegen nur so dahin. Nach dem dramatischen Einstieg nehmen Tempo und Wendungen kaum ab. Kennt ihr das, wenn in Romanen anklingt, dass etwas Schlimmes passieren könnte, weil dies oder jenes ziemlich heikel ist? Und dann erhöht das die Spannung, aber das Schlimmste tritt nie ein? Nun ja, The Raven Scholar hat es sich zur Aufgabe gemacht, all diese Befürchtungen im Seitenumdrehen wahr zu machen. Und dann müssen die Charaktere mit dem Schlamassel umgehen und es ist natürlich schlimm, aber auch fantastisch, weil insgeheim habe ich mir vom Plot schon gewünscht, dass genau das passieren wird.
In dieser Art treten auch die unerwarteten Wendungen auf. Sie sind vielleicht nicht die raffiniertesten und überraschendsten, die ich je gelesen habe, aber sie sind juicy und treiben die Geschichte voran. Die Autorin versteht es, mit Geheimnissen und Enthüllungen zu arbeiten, so dass Lesende stets neugierig bleiben, aber auch immer wieder kleine Informationshäppchen bekommen, die sie am Ball halten. Generell revolutioniert Hodgson das Genre mit ihren Ideen nicht, aber sie setzt sie extrem gut in Szene und reißt beim Lesen mit. Da fällt auch nicht ins Gewicht, dass der sonst so geschliffene Schreibstil hier und da auch ein paar Stolperfallen bietet: Momente, in den unklar ist, auf wen sich ein Pronomen bezieht, wer demnach gerade redet oder handelt; Schilderungen, die zu subtil sind oder einfach unerwartet und durch diese Unkonventionalität eigentlich schon wieder cool, aber eben manchmal auch verwirrend.
Der rasante Plot ist gebettet in einen vorzüglich ausgesponnenen Weltenbau, der genau wie die reizvollen Geheimnisse in Häppchen verabreicht wird. So lernen Lesenden nach und nach mehr über die acht Häuser, in die Orrun aufgeteilt ist. Jedes Haus folgt einer eigenen tierischen Gottheit und hat seine eigenen Grüße, Gesten, Wappen und Ideale, z. B. die schönen Künste, akademische Forschung oder Gemeinschaft. Diese gestreuten Informationen erleichtern das Verarbeiten, aber haben mich auch nach mehr lechzen lassen, denn es gibt noch so viel zu entdecken. Orte wie die Insel des Drachen oder der Dolrun Forrest wurden nur angerissen, klangen dabei aber so spannend!
Der Ton des Buches, und sicher auch ein Grund, warum es sich so schnell lesen lässt, erinnert mich an Six of Crows. Dabei liest sich der Text nicht wie ein Jugendbuch, hat aber auch keinen typischen Erwachsenen-Ton, obwohl die Hauptcharaktere um die 30 sind. Die Handlung bietet regelmäßig Action, z. B. in Form der Turniere. Die Charaktere schäkern und streiten schlagfertig und humorvoll miteinander und ganz nebenher werden ja auch noch ein Murder Mystery aufgeklärt, eine Liebesgeschichte entsponnen (in der es ordentlich knistert!) und politische Intrigen entworren.
Auch bei den Figuren setzt Hodgson auf die Häppchen-Methode und führt sie in Bravur aus. Nach den ersten drei Kapiteln bleiben wir zwar größtenteils unserer Protagonistin Neema treu, lernen aber durch ihre Perspektive auch die anderen Anwärter*innen auf den Thron kennen sowie weitere wichtige Spieler*innen am Imperial Court. Da kommen ganz schön viele Figuren zusammen, aber die Autorin führt sie so geschickt ein und gibt ihnen so markante Charakterzüge und Schlüsselszenen, dass es leichtfällt, alle auseinanderzuhalten und sich an sie zu erinnern. Kurzum: Fesselnde Charaktere zum Lieben, Lachen, Verabscheuen und mehr wissen Wollen.
Aber so gerne ich Neema als Protagonistin auch mochte, so muss ich doch eine kleine Dissonanz anmerken: Obwohl sie aus dem Haus der Gelehrten kommt und selbst als schlau und gebildet gilt, ermittelt sie im Mordfall unheimlich naiv. Klar, ist das nicht ihr Spezialgebiet, aber ein bisschen mehr Menschenkenntnis hätte besser zu ihrer Persönlichkeit gepasst. Stattdessen führt sie Befragungen aus, um den*die Täter*in zu finden und glaubt dabei anstandslos alles, was ihr erzählt wird. Nie stellt sie infrage, ob jemand sie anlügen könnte. Warum denn auch? Um einen Mord zu vertuschen? Ach, iwo! Außerdem braucht sie manchmal zu lange, um eins und eins zusammenzuzählen.
Die Gottheiten bekommen ebenfalls den ein oder anderen Auftritt und sind dabei herrlich amüsant, weil sie sich wie die verzogensten Kinder der Welt verhalten, egoistisch und aufbrausend, dabei frech und schlagfertig (um nicht zu sagen erheiternd unverschämt).
Ich hoffe, mein Enthusiasmus für das Buch ist auf euch übergesprungen. Für mich gehört Teil 2 zu den am sehnlichsten erwarteten Fortsetzungen. Ich muss wissen, wie es nach diesem Ende politisch weitergeht, was mit den Figuren geschieht und wie es an all den anderen Orten in Orrun aussieht.