[Triggerwarnung: Platzangst, Panikattacke]
Übergänge, Teil 7: Wie sich Trauma-Arbeit anfühlt
Vor ein paar Tagen wurde ich von einer Freundin gefragt, wie es sich für mich anfühlt, meine schlimmsten Erinnerungen zu verarbeiten. Ich wollte kein Kindheitserlebnis beschreiben, das war mir zu persönlich. Stattdessen erzählte ich ihr diese metaphorische Geschichte. Sie beschreibt das, was ich bei meine Trauma-Arbeit empfinde:
Stell Dir vor, Du bist mit dem Rucksack auf Wandertour unterwegs und gelangst in eine Stadt, die Du bisher noch nie besucht hast. Du flanierst durch die Straßen, biegst mal hier mal da ab und erfreust Dich an den Gerüchen, den Obstmärkten und der ungewöhnlichen Architektur.
Du verlierst Dich völlig im Staunen und bemerkst auf einmal, dass Du inmitten einer riesigen Menschenmenge stehst und es weder vor noch zurückgeht. Der Schweiß steht Dir im Gesicht, Du bekommst Durst, kannst aber den Rucksack nicht absetzen, zu eng.
In Dir wächst das leichte Gefühl der Panik, Dein Puls steigt an und Du merkst, dass Dir langsam aber sicher alles zu viel wird. Die Sonne sticht, Du hast Deine Mütze nicht dabei und die Hitze drückt.
Doch dann erblickst Du, gefĂĽhlt 500 Meter Luftlinie, eine Kathedrale und Dir wird sofort klar: Wenn Du das hier ĂĽberstehen willst, musst Du in die Kathedrale. Als nimmst Du allen Mut zusammen und bewegst Dich langsam, aber gefĂĽhlt nicht schnell genug durch die Menge.
Dein Herz wird immer schwerer, als ob tausend Steine es nach unten ziehen. Alles ist viel zu laut, es sind viel zu viele Menschen um Dich herum, das Weinen von Babys, das Gezeter eines zerstrittenen Pärchens, alles prasselt auf Dich ein.
Zwischendurch verlierst Du die Kathedrale aus dem Blick, bekommst leichte Panik, irgendwann erblickst Du wieder einen Turm. Dein Durst wird immer stärker, Dein Herzklopfen auch und zwischendurch denkst Du: Fuck, das schaffe ich nicht.
Nach gefühlt tagelangem Gedränge findest Du Dich irgendwann vor der Eingangstür. Bin ich hier richtig? Ist sie das wirklich? Du bemerkst, dass alle Touristen sich die Kathedrale von außen ansehen, aber niemand hineingeht. Es trifft Dich der Schreckensgedanke, die Kathedrale könnte geschlossen sein. Bitte, bitte nicht.
Du drückst die schwere Klinke nach unten und die Tür fällt nach innen auf, Du stolperst in das riesige Gebäude und hinter Dir fällt die Tür ins Schloss. Du legst den Rucksack ab, ziehst Deine Wasserflasche heraus und trinkst und trinkst und trinkst … Bis Dir auf einmal klar wird, dass das Gluckern der Flasche das einzige Geräusch ist, das Du hören kannst.
Niemand spricht, weil niemand da ist, und es ist absolute Totenstille – aber keine schlimme, feindselige, sondern die friedlichste Stille, die Du bisher in Deinem Leben erlebt hast. Du blickst auf und bemerkst erst jetzt, wie viel Platz um Dich herum ist, so viel Leere, so viel friedliche, guttuende Leere.
Kein Mensch sieht Dich an, kein Mensch spricht Du Dir und Dir fallen auf einmal alle Steine vom Herzen, die Du durch die Menschenmenge innerlich getragen hast. Du setzt Dich auf eine Bank, und das Sitzkissen ist so schön weich, dass Du Dich auf die Bank legst, es ist sowieso niemand da.
Alles in Dir kommt zur Ruhe, und Du weinst vor lauter Erleichterung. Die Kühle der Kathedrale tut Deinem Körper gut und Dein Herz beruhigt sich, das Pochen wird langsamer. Und so überkommt Dich eine nie dagewesene, sanfte Erleichterung.
Der Satz „Alles ist gut“ taucht aus Deinem inneren auf und Du spürst, wie Du einen lauten, erleichterten Seufzer von Dir gibst. Wie schön ist es doch, hier zu sein. Du bist stolz darauf, Deinem Impuls gefolgt zu sein. Du hast nicht aufgegeben, Du hast Dich nicht aufgegeben – und so bleibst Du eine Weile liegen. Ein paar Minuten, ein paar Stunden, wen kümmert das schon. Jetzt und hier sein, das ist alles, was Du willst.
P.S.: Ich habe die Kathedrale als Ort der Ruhe gewählt, diese Gebäude (für mich) etwas weites, sicheres ausstrahlen und ihre Architektur oft wunderschön ist. Kein Bezug zum christlichen Glauben meinerseits.