Sightseeing in Augsburg - Startpunkt: Die Kiste

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Ein Besuch bei der Augsburger Puppenkiste - Museum und Puppentheater
Dramen auf der Filmleinwand â Fiktion und RealitĂ€t im Spielfilm und dem Biopic
An dieser Stelle sollen zwei in nahezu allen Betrachtungsaspekten kaum bis nicht vergleichbaren Produktionen im Fokus stehen: das fiktive Beziehungsdrama The Drama â Alles auf Anfang und das nach langen Streitigkeiten und spĂ€ten Ănderungen nun einsichtbare (wie sehr erfolgreich in den Kinos gestartete) Biopic ĂŒber den âKing of Popâ mit dem knappen Titel Michael. Ein Bindeglied ist der Star-Faktor, die BeschĂ€ftigung mit der Bedeutung von Wahrheit und das Medium Film â weiter reicht die Verwandtschaft nicht. Was die beiden Filme allerdings sinnbildlich aufzeigen, ist der flieĂende Ăbergang zwischen RealitĂ€t und Fiktion. WĂ€hrend das âschwarzhumorigeâ Beziehungsdrama mit Robert Pattinson und Zendaya klar der Fiktion zuzuordnen ist (ohne eine zufĂ€llige Koinzidenz von reellen menschlichen AbgrĂŒnden und der Fantasie von Drehbuchautoren ausschlieĂen zu wollen) steht das Biopic ebenso wie seine verwandten Formen - die schriftliche (Auto-)Biografie und die per defitionem der ObjektivitĂ€t verpflichtete Form der KĂŒnstlerdokumentation - an der Schwelle zwischen Fakt und Fiktion.
Im Falle von Michael haben die Differenzen zwischen den verschiedenen WahrnehmungsrealitĂ€ten von Beobachtern, der Familie und der interessierten Ăffentlichkeit sich in einer öffentlichen Debatte gezeigt, welche schon im Zuge des erfolgreichen Biopics ĂŒber Freddie Mercury und Queen in entsprechender Form debattiert worden ist. Lange stand das Projekt als Mythos im Raum, nach Produktionsstart war das Team dahinter unstetig, der Veröffentlichungstermin rĂŒckte immer weiter in die Ferne und zuletzt wurde nach Forderungen der Jackson-Familie und damit einem Teil des Produktionsteams das Material neu geschnitten â ergo einige Szenen wieder herausgezogen. Dieser Vorgang war auch bei Bohemian Rhapsody zu beobachten, allerdings wollten da die (ebenfalls in die Produktion eingebundenen) WeggefĂ€hrten Mercurys sich selbst als brave EhemĂ€nner skizziert sehen und nicht in die Darstellung der vorrangig portrĂ€tierten Gestalt eingreifen. Kritische Momente sind damit auf dem Schnitttisch noch reduziert, das Bild des groĂen KĂŒnstlers aber umstrittenen Menschen abgeflacht und zur Legende geglĂ€ttet worden. Jacksons Gesangstalent wird zudem in einen spirituellen Zusammenhang gerĂŒckt und die Narration lĂ€uft damit Gefahr, die menschlichen Verfehlungen entschuldbar machen zu wollen, indem seiner Kunst eine existentielle Bedeutung fĂŒr die Menschheit zugerechnet wird. In solchen Momenten ist die Trennung von Kunst und KĂŒnstler besonders wichtig und unumgĂ€nglich, um diese WidersprĂŒche im Wesen eines Menschen zeigen zu können. Nicht, um die menschlichen SchwĂ€chen von der Kunst zu entkoppeln, sondern sie in der angemessenen Verbindung zu sehen.
An Biopics wird an dieser Stelle nicht die Anforderung der absoluten Faktentreue und AuthentizitĂ€t gestellt, aber idealerweise fangen sie den Geist der zentralen Figuren und/oder ihrer Wirkungszeit ein und liegen dabei mit Daten und Abfolgen möglichst nahe an den belegbaren Fakten â oder aber sie Ă€ndern eine GrundprĂ€misse ganz offen und zeigen damit durch Fiktionalisierung, Verfremdung oder Spiegelung Aspekte des realen Lebens auf. Eine reine LegendenprĂ€sentation ist nur ein Fanservice und zudem auch RealitĂ€tsverzerrung, da leider die Hollywood-Interpretation der Biografie auf Dauer die wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Breitenwahrnehmung des Publikums ĂŒberstrahlen wird. Popkultur ist in dieser Hinsicht entschieden mĂ€chtiger als der akademische Mikrokosmos â insbesondere im Bereich der Kunst (und dazu gehört auch die Kinematographie und Filmwissenschaft.)
In Zeiten der ZerrĂŒttung der Bedeutung und MĂ€chtigkeit objektiv messbarer Fakten sind solche Verschiebungen nicht einfach abzutun. Bei Musiker-Biopics wiederum ist sicher auch der Umgang mit der Musik entscheidend und ganz besonders die Frage, ob diese im Film praktiziert oder Playback abgespielt wird. Denn auch dies ist ein Aspekt der âRealitĂ€tsdarstellungâ und die Basis der GlaubwĂŒrdigkeit des Films sowie der dort dargestellten Figuren. Und damit gelangt man schon zum zweiten Problem des Biopics ĂŒber Michael Jackson. Die Original-Tonspuren sind die Grundlage des Films, welcher sich daher ab einem gewissen Punkt wie ein langes Musikvideo anfĂŒhlt. Es wird sich gar nicht erst darum bemĂŒht die Illusion aufrecht zu erhalten, dass die Musik von den Darstellern ausgefĂŒhrt wird. Die Jacksons verbeugen sich am Ende schon wĂ€hrend das StĂŒck weiterlĂ€uft. TĂ€nzerisch weiĂ Michael Jacksons Neffe in die gut dokumentierten FuĂstapfen seines Onkels zu treten, aber es sieht immer nach einem Playbackauftritt aus. Als Musikvideo ist diese Kompilation mitreiĂend und die Musik bleibt nach wie vor ĂŒberragend gut, aber eine gewisse Distanz zu der Produktion ist nicht zu ĂŒberwinden.Â
Im Bob Dylan-Biopic aus dem letzten Jahr findet sich hier ein akkurates Gegenbeispiel. Timothee Chalamet gibt sein Bestes dem groĂen Dylan zu Ă€hneln, aber letztlich ĂŒberzeugt diese Darstellung nicht wegen ĂuĂerlichkeiten, sondern aufgrund der musikalischen wie zeitgeistlichen Akkuratesse und der Tiefe der voll ausgespielten Songs. Dass es sich hier um eine Lesart des Musikers handelt und faktenbasierte Wahrheit nicht das Ziel des Narrativs ist, wird nie in Frage gestellt. In Michael wiederum wird die Erfolgsgeschichte eines groĂen Kindes erzĂ€hlt. Ein Kind, welches aus dem Armenviertel in den Reichtum katapultiert wird, vom Vater zum Erfolg gezwungen und damit in die Isolation getrieben wird sowie eine beinahe krankhafte Sehnsucht nach der UnberĂŒhrtheit der Kindheit und dem âNeverlandâ Peter Pans entwickelt. Ein Zoo ersetzt die Freunde und der krankhafte Ehrgeiz und Perfektionismus in der musikalischen Arbeit ist die Krönung der Arbeit des Vaters, welcher einen perfekten Superstar erschaffen hat. Sein âvon Gott gegebenesâ Talent macht ihn zu einem einmaligen PhĂ€nomen, weswegen âer nie sein wird, wie alle anderenâ und das Licht in ihm muss (wie das in jedem Einzelnen) nach drauĂen getragen werden. Diese an Zeilen aus Rudolph, the red nosed reindeer gemahnende Philosophie verleiht âMichaelâ einen spirituellen Nimbus â wĂ€hrend er sich aus Selbstzweifeln die Nase schmĂ€lern lĂ€sst. Daher geht man auch nach Verbrennungen dritten Grades am Hinterkopf inklusive massiver NervenschĂ€den sofort wieder auf Tour, denn die geschenkte zweite Chance zeigt ja die Verpflichtung dieses Licht mit anderen zu teilen.
Die problematische Beziehung des Vaters zu seiner Familie â also die Ausbeutung der minderjĂ€hrigen Söhne als Kapitalanlage und der Verkauf dieses Missbrauchs als sozialen Aufstieg gipfelt in unfreiwillig komischen Versuchen des erwachsenen Michael Jackson von der Familie loszukommen. Im Film gelingt ihm das nur in der Sicherheit des Scheinwerferlichts auf der BĂŒhne, alle vorherigen Ablösungsschritte werden vom Label und dem (heimlich engagierten) eigenen Manager ĂŒbernommen. Und natĂŒrlich beschrĂ€nkt sich der Konflikt auf Michael und den Vater, wĂ€hrend seine (vermutlich weniger talentierten) BrĂŒder nie im Streit mit Joe gezeigt werden und er diesen am Ende seinen Dank ausspricht fĂŒr die langen zwanzig Jahre. Andererseits wird deren Mitwirkung an den ersten Demos zu Off the Wall nicht thematisiert. Die ĂŒbrigen Jacksons sind stets bereit breit grinsend und in perfekt abgestimmter Choreografie ans Mikro zu treten, nur das Genie Michael macht mit Widerworten und MĂŒdigkeit Probleme. Die Karriere Janet Jacksons bleibt gĂ€nzlich unerwĂ€hnt, trotz ihrer erfolgreichen Solokarriere.
All diese Aspekte zeigen, dass Michael die Erwartungen an ein gelungenes Biopic an keiner Stelle erfĂŒllt â aber ein erstklassiges Musikvideo zu einer stereotypen Starkarriere liefert. Falls der angekĂŒndigte zweite Teil folgt, wird es schwieriger werden diese saubere Karriere weiter zu zeichnen, da nach 1988 und der Tour mit dem ersten ganz freien Alben Thriller und Bad durchwachsene Jahre und viele Skandale folgen. VorwĂŒrfe des Kindesmissbrauches, zunehmende Exzentrik, der Aufbau der Farm Neverland, Bilder in Oxidationskammern und eine starke SchmerzmittelabhĂ€ngigkeit sind hier nur die Begleiterscheinungen einer abnehmenden Prominenz. Der âKing of Popâ blieb ein PhĂ€nomen â aber ein berĂŒchtigtes und zunehmend umstrittenes. Wie hier die Glorifizierung fortgefĂŒhrt werden soll, wĂ€re sicher spannend zu beobachten.
AbschlieĂend lĂ€sst sich also vermerken das auch hier eine Fiktion betrieben wird: die fiktive Biographie eines Musikgottes, dessen Talent alles um ihn herum rechtfertigt. Die âWahrheitâ ĂŒber Michael Jackson lĂ€sst sich schwer ermitteln â auch 15 Jahre nach seinem Tod. Es bleiben seine Songs und ein Superstar-Image der Sonderklasse welches die Nachzeichnung des Menschen hinter dem Image beinahe unerheblich machen. Damit kommen wir an dieser Stelle zu glasklarer Fiktion â welche in der Konklusion mehr Wahrheit und Wahrhaftigkeit in seiner erfundenen Geschichte aufweist als das Nachfilmen eines real gewesenen Lebens im Rampenlicht.       Â
The Drama ist gewissermaĂen eine Blackbox, da das Plakat wie der Titel eine andere Geschichte erwarten lassen als man zu sehen bekommt. Zendaya und Robert Pattinson sind da in Hochzeitskleid und Anzug zu sehen und die Vermutung liegt nahe, dass das Drama am groĂen Tag eintritt â wie in so vielen platten Liebeskomödien. Aber weit gefehlt. Das hier thematisierte Drama ist von grundlegendem wie philosophisch interessantem AusmaĂ und lĂ€sst grundsĂ€tzliche Fragen darĂŒber aufkommen, wie gut Menschen sich gegenseitig kennen können, wo Taten beginnen und wo Vorstellung und RealitĂ€t ihre Grenzen haben. Ein vergleichbares Filmdrama der Vergangenheit ist mit Der Gott des Gemetzels eine ebenso Star-besetzte TheaterstĂŒck-Adaption nach Yasmin Reza. Auch hier werden allgemeine Fragen des menschlichen Miteinanders, der Schuld wie Verantwortlichkeit von Kindern fĂŒr ihre Taten in pointierten Dialogen und emotionalen AusbrĂŒchen eingefangen. Neben der Kammerspiel-Anlage, der Starbesetzung und der thematischen Verwandtschaft ist auch die Filmsprache dieser beiden â zeitlich weit auseinander liegenden - Produktionen vergleichbar, das dramatische Geschehen Ă€hnlich drastisch wie letztlich doch scheinbar ohne Auswirkung auf die gegenwĂ€rtige RealitĂ€t. Doch zurĂŒck zu Das Drama. Alles auf Anfang (im Original schlichter und treffender nur The Drama).Â
Der Filmeinstieg ist fĂŒr sehr kurze Zeit beinahe kitschig: Ein junges verliebtes Paar feilt an seinen Liebesbekenntnissen fĂŒr die anstehende Hochzeit und lĂ€sst sich die EntwĂŒrfe von den Trauzeugen kommentieren. WĂ€hrend Charlie (Robert Pattinson) ein ausfĂŒhrliches Dokument am PC vorliest scheint seine Verlobte Emma (Zendaya) noch weniger entschieden, welche Themen fĂŒr sie ĂŒberhaupt noch ĂŒbrigbleiben. Sie will nichts doppelt erwĂ€hnen und Charlie nichts auslassen.  Das scheinbar perfekte Paar beginnt das erste Treffen mit dem Trick alles wieder auf Anfang zu setzen. Dieses Lebensmotto gerĂ€t aber im Laufe des Films klar an seine Grenzen. Es folgen das erste Date, gemeinsame Lebensmomente und nun am Wochenende wird Hochzeit gefeiert. Ihre erarbeiteten Reden lassen aber unterschwellig schon erkennen, dass gewisse LĂŒcken und Unsicherheiten dennoch bestehen. Beim Probeessen mit den Trauzeugen beantwortet die angehende Braut die Frage nach dem schlimmsten, was sie je getan hat mit etwas, was sie nicht getan aber abschlieĂend geplant hatte. (Ihre Antwort soll hier zwecks Spannungserhalt ausgespart bleiben.) Die EnthĂŒllung, das âDramaâ, lĂ€sst ihren Verlobten die Beziehung und alles, was er ĂŒber die empathische, schöne und ehrliche Emma weiĂ, vollkommen in Frage stellen.
Dreh- und Angelpunkt des Filmdramas ist die authentische Stimmung zwischen Zendaya und dem zehn Jahre Ă€lteren Robert Pattinson sowie die Kargheit der Inszenierung, visuell und auditiv. Die Musik von Daniel Pemberton ist dezent eingesetzt, die einfallenden ScheppergerĂ€usche haben in diesem Kontext eine ganz andere Wirkung als im groĂen Science-Fiction-Abenteuer Der Astronaut â obwohl auch dort eine Beziehung im Mittelpunkt der Inszenierung steht und die GerĂ€usche als Brechungen der Stille des unendlichen Weltalls vergleichbar mit Verschiebungen der Stimmung in der Stille des Versuchs wieder âauf Anfangâ umzustellen. The Drama bietet tiefgĂ€ngige Unterhaltung und eröffnet wichtige Fragen ĂŒber das menschliche Zusammenleben und die Grenzen des gemeinsamen Raumes einer Beziehung. Wie weit darf die PrivatsphĂ€re da reichen und muss jedes Geheimnis an den Partner weitergegeben werden? Die labormĂ€Ăige Figurenanlage entwickelt eine erstaunliche Dichte und authentische GlaubwĂŒrdigkeit, auch durch das emotionale Spiel der beiden Hauptdarsteller. Damit erzĂ€hlt die Produktion in kleinen Gesten ein groĂes Drama und eine vom wahrhaftigen Fragen getragene Fiktion, deren Wahrheit letztlich gröĂer zu sein scheint als die des Biopics ĂŒber den realen Musiker. Und diese groĂe Kraft liegt der Fiktion inne, egal ob in gedruckter, gedachter, erzĂ€hlter oder visuell aufgenommener Form. Die Fiktion entspringt der wahren Lebenserfahrung und die Imagination wird aus diesen Erfahrungen gespeist, unterbewusst wie ganz direkt. Der Prozess vom Eindruck zur kreativen Verarbeitung ist derjenige, welcher in Interviews mit KĂŒnstlern immer wieder aufgegriffen wird und deren Antworten im Laufe von Lesereisen und FilmprĂ€sentationsrallyes leider zu Phrasen verkommen. Dabei sind sie â neben der Bedeutung des Werks fĂŒr den kreativen Pool des Zuschauers/Zuhörers/Besuchers â der spannendste Aspekt an diesen Werken.
Fakt und Fiktion liegen in solchen ZusammenhĂ€ngen nĂ€her als zunĂ€chst erwartet, aber eine Negierung messbarer Fakten ist die völlig falsche Konklusion am Ende dieser Erkenntnis. Wetterdaten und Todeszahlen, DurchschnittsgehĂ€lter wie Lebenskosten, allgemein wissenschaftlich erhobene Vergleichszahlen sind messbare Fakten, welche nicht mit Fiktion zu verwechseln sind und insbesondere in der Politik allenfalls als AnstoĂgeber zunĂ€chst fiktiver ReaktionsplĂ€ne dienen können. Menschliche Wahrheiten wiederum können auch fiktive Umformungen erleben und bleiben wahrhaftig oder auch einfach authentisch. NatĂŒrlich macht dies hier die Faktenmessung schwieriger aber umso notwendiger.
Urlaub auf RĂŒgen - Zwei Tage Sonne und einen Tag Dauerregen
Ben Shattucks Werk (Fotobeleg)

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Dritter Schritt einer Ăberarbeitung: The History of Sound in Filmform
âSie wĂŒnschte, sie könnte Noten lesen. Dann hĂ€tte sie die Melodie summen oder wenigstens verstehen können, warum diese Phrase so bedeutsam war, so originell oder innovativ â oder so flĂŒchtig und in Gefahr vergessen zu werden â, dass sie sofort notiert werden musste. Aber sie konnte keine Noten lesen, und so blieb diese Hinterlassenschaft, was sie war: etwas aus einer fernen Vergangenheit, das sie nie ganz verstehen wĂŒrde.â (Die Geschichte des Klangs, S. 104)
Nun ist die Verfilmung der titelgebenden Kurzgeschichte der Publikation im Hanser Verlag auch im Kino zu erleben. Paul Mescal und Josh OâConnor schlĂŒpfen in die Rollen der hoffnungslos liebenden Musikstudenten und Liedersammler David und Lionel. Beide treten in diesem Rahmen auch als SĂ€nger auf und sind damit Teil des wichtigsten Teiles der Geschichte â der Musik und deren Speicherfunktion, gerade wenn es um Folkmusik geht, wie sie auf dem einsamen Land in den Weiten der USA gepflegt wurden (und hoffentlich nach wie vor wird). Oliver Hermanus filmt die Geschichte beinahe Natur-dokumentarisch, lĂ€sst den Bildern wie Dialogen viel Zeit und der Stille viel Platz â um die akustischen GesĂ€nge stĂ€rker wirken zu lassen. FĂŒr die Musik zeichnet sich Oliver Coates verantwortlich und zeichnet sich dabei besonders mit Sparsamkeit in Instrumentierung und Inszenierung aus. Dies entspricht der ErzĂ€hlweise seines Regisseurs, welcher aus Homophobie, Kriegstrauma und Trauer kein Drama macht. Die wortkarge Beziehung der beiden jungen MĂ€nner basiert auf ihrem gemeinsamen Musizieren und nicht auf tiefgreifenden GesprĂ€chen.
âAcross the rocky mountain I walked for miles and miles,..â
Der Song Across the Rocky Mountain steht von Beginn an im Fokus. Lionels Eltern singen es gemeinsam mit ihrem einzigen Sohn (dessen absolutes Gehör und synĂ€sthetisches Hören ihn letztlich aus dem Elternhaus herausfĂŒhrt) und Davids Interpretation in der Stammkneipe beider Figuren in Boston fĂŒhrt ihn und Lionel fĂŒr eine kurze AffĂ€re zusammen. Immer wieder erklingt der traditionelle Song mit oder ohne Text im Hintergrund der tragischen Geschichte einer chancenlosen und unvollstĂ€ndig bleibenden Liebe. Der Krieg unterbricht die aufblĂŒhende Freundschaft plötzlich und Ă€uĂerst abrupt. David wird eingezogen wĂ€hrend Lionel aufgrund seiner SehschwĂ€che zur Farm seiner Eltern zurĂŒckkehren kann (oder muss) und den kurzen Ausflug in die Parallelwelt des musikalischen Konservatoriums damit beendet. Die Armut und Einfachheit dieses Lebens werden mit dem Tod des Vaters und der schwerer werdenden Krankheit der Mutter verschĂ€rft. Lionel ist von einer tiefen Traurigkeit erfĂŒllt, welche er aus Boston mit nach Hause gebracht hat. Die Nachfragen der Mutter blockt er ab. Auf ihren Wunsch singt er wieder den schon genannten Titelsong ganz frei von Begleitung anstelle einer ErklĂ€rung seines Zustandes. Ein Brief von David lockt ihn aus seinem Exil und gemeinsam verbringen sie einen Monat auf Liederreise im Norden der USA. Die Lieder werden auf Wachsspulen aufgezeichnet, so dass Sie auch auĂerhalb des eidetischen GedĂ€chtnisses von David bewahrt sein werden. Doch dieses Intermezzo ist kurz wie brĂŒchig und die Zuschauer begleiten im Anschluss einen weiterhin einsamen und unglĂŒcklichen Lionel, dessen berufliche Erfolge in Rom und Oxford ĂŒber diese Emotionen nicht hinwegtĂ€uschen können. Er selbst sagt, die glĂŒcklichste Zeit seines Lebens waren die wenigen Jahre am Konservatorium in Boston, an der Seite von David und inmitten der lebendigen Musikpraxis sowie im Zentrum der studentischen Gesellschaft. Diese Erkenntnis der Freude in der Jugend mag schon oft formuliert worden sein, ist aber selten so kunstvoll mit Musik ergĂ€nzt und in unprĂ€tentiöse Filmbilder gegossen worden. Eine Begegnung mit der Ehefrau Davids und eine spĂ€te Zusendung der Aufnahmen der Liederreise bringen diese glĂŒckliche Zeit zurĂŒck in Lionels Erinnerung.Â
Die groĂe StĂ€rke des insgesamt ruhigen Dramas ist neben der kunstvollen Verquickung von Musik, ErzĂ€hlung und visueller Sprache vor allem die Vermeidung des nostalgisch gefĂ€rbten Kitsches und verbrauchter Klischees. Auch wenn viele Aspekte der Geschichte den Kitsch nahezu zu provozieren scheinen wird er stets vermieden. Das Wunderkind-Dasein Lionels wird zur Bildungschance reduziert, die homosexuelle (und damit verbotene wie geheime) Liebe der beiden jungen MĂ€nner nicht als existenziell bedroht dargestellt, das (nicht ausgesprochene) Kriegstrauma Davids nur dezent angedeutet und nicht debattiert oder nĂ€her erklĂ€rt, die tragischen Tode der Eltern Lionels geschehen plötzlich und Bestattungen sind nicht Teil der ErzĂ€hlung. Neben diesen gefĂ€hrdeten Motiven ist prinzipiell die Inszenierung von Musik als emotionales Ausdrucksmittel nahezu prĂ€destiniert fĂŒr kitschige und typische amerikanische Weisheiten vermittelnde Darstellungen â welche hier ausbleiben. Damit gelingt dem sĂŒdafrikanischen Filmemacher eine erstaunlich adĂ€quate Literaturadaption. Erfahrungen in diesem Bereich sammelte er bereits mit den beiden vorangegangenen Werken und arbeitete in diesem Fall auch direkt mit dem KurzgeschichtenerzĂ€hler Ben Shattuck zusammen. Dessen Kurzgeschichte nimmt damit seine dritte Gestalt an (prĂ€mierte Erstfassung, ĂŒberarbeitete Fassung der Kurzgeschichtensammlung, Drehbuchfassung) und wird Ă€sthetisch, stilistisch wie emotional in entsprechende Bilder und Töne gegossen. Die beiden Hauptdarsteller sollen dabei nicht vergessen werden. Paul Mescal und Josh OâConnor harmonieren (mimisch und musikalisch) wunderbar miteinander und versinken gĂ€nzlich in ihren Rollen. Ein leises, aber starkes Projekt von Literatur, welche treffend und die Vorstellung nicht einengend/final festlegend in Bilder gegossen wird. Den Mittelpunkt aber bildet die Musik.   Â
Daher soll auch dieser Text mit Musik - also einem Auszug aus einem dem prĂ€genden Folksong Silver Dagger und einer Trackliste des Soundtracks ausklingen: Â
âDon't sing love songs; you'll wake my mother She's sleeping here, right by my side And in her right hand, a silver dagger She says that I can't be your bride.â
Trackliste:
âO Salutaris Hostiaâ â Lorenzo Perosi âAll Is Wellâ â Benjamin Howard, Brian Jeffers, Bryan Murray, Christopher Seefeldt, Corey Shotwell, Jason Kahil, John Elliot Yates, Martin Schreiner, Nathan Hodgson, Tomas Cruz, Zachary Fletcher âAcross The Rocky Mountainâ â arranged by Sam Amidon âSilver Daggerâ â arranged by Sam Amidon âCountry Lifeâ â arranged by Martin Carthy, Michael Waterson, Norma Waterson, Elaine Waterson âThe Unquiet Graveâ â arranged by Sam Amidon âThe Snow It Melts The Soonestâ â arranged by Sam Amidon âCome All Ye Fair And Tender Ladiesâ â Sheila Kay Adams âFourteen Wildcat Scalpsâ â Eamon OâLeary and Cleek Schrey âSweet Is The Day Of Sacred Restâ â arranged by Sam Amidon âGrieved Soulâ â arranged by Sam Amidon âCuckoo!â â Benjamin Britten âHere In The Vineyardâ â arranged by Sam Amidon âThe Old Churchyardâ â arranged by Sam Amidon âForked Deerâ â Jackson Lynch and Eli Smith âO Salutaris Hostia (second version)â â Lorenzo Perosi âAve Verum Corpus Op.65 No.1â â Gabriel FaurĂ© âStabat Mater: 12. Quando Corpus â Amenâ â Giovanni Battista Pergolesi âAll Is Well (choral arrangement)â â arranged by Peter Amidon âDown In The Willow Gardenâ â arranged by Sam Amidon âThe Unquiet Grave (Nancy Kerr version)â â Nancy Kerr âAtmosphereâ - Joy Division (1980)
Quelle: Every song on the soundtrack of 'The History Of Sound'
Ben Shattuck - Ein Meister der Kurzform und der Literatur-Musik
Die kurze Form ist oft unterschĂ€tzt â egal ob in der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik oder auch der menschlichen Physiognomie. Dabei verlangt gerade diese Form in der Kunst eine groĂe FĂ€higkeit der Verdichtung und Pointierung sowie (in vergleichbarer Weise) fehlende KörpergröĂe viel Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, um die eigene StĂ€rke herausstellen zu können. In der (klassischen) Musik hat die kurze Form zumindest eine Tradition aber zweifellos deutlich weniger Renommee als die Langformen Oper, Messe, Oratorium, Konzert und Symphonie (u. a.). Die Pop-Musik und insbesondere der Punk erhoben die Kurzform zum Standard, die beinahe gegensĂ€tzlich zu verortenden Stichworte hierzu sind bewusste Provokation und Radiotauglichkeit (also die berĂŒhmte 3 Minuten-Grenze die von GröĂen wie David Bowie mit Heroes, Queen mit Bohemian Rhapsody und Michael Jackson mit Titeln wie Thriller, Little Susie oder dem Earth Song bewusst verweigert wurden.)
In der Literatur haben Gedichte sowie Lyrik allgemein eine besondere, aber dennoch isolierte Position wĂ€hrend Kurzgeschichten es auf dem deutschen Buchmarkt schwer haben. Da ĂŒberrascht es nicht, dass viele sehr kurze Texte mit dem Untertitel Roman veröffentlicht werden oder einzelne ErzĂ€hlungen mehr oder weniger kunstvoll zu einem Text verwoben werden um sie als Roman verkaufen zu können. Und bei einem Blick in die Belletristik-Abteilungen fĂ€llt auf, dass die kĂŒrzeren Romane zuzunehmen scheinen. Die klassischen Romane zum Schmökern schwinden gegenĂŒber den Fantasy- und New Adult-WĂ€lzern in den Regalen â zumindest in den Programmen der groĂen Publikumsverlage. (Ausnahmen wie der kĂŒrzlich erschienene groĂartige dicke Roman John of John von Douglas Stuart bestĂ€tigen hier die Regel.) Der klassische Roman ĂĄ la Thomas Mann, Marcel Proust oder deren modernen Erben wie etwa Karl Ove Knausgard ist nicht tot, aber die kurzen Romane verdienen ebenso die Aufmerksamkeit bzw. bekommen diese derzeit von diversen Verlagen. Anders als im Film â wo die ausufernden DurchschnittslĂ€ngen der Oscar-Nominierten in den letzten Jahren wiederholt debattiert wurden â ist diese Verdichtung angesichts von steigenden Papierpreisen und sinkenden Auflagen auch wirtschaftlich beeinflusst. Aber fernab dieser schnöden wirtschaftlichen RealitĂ€t bleibt es eine Kunstform Geschichten in aller KĂŒrze zu halten und dennoch pointiert auf den Punkt zu erzĂ€hlen. Jeder Student kennt diese Schwierigkeit das MaĂ zwischen Gehalt und Form zu wahren, jeder GesprĂ€chsteilnehmer im Alltag kennt die eigenen UnzulĂ€nglichkeiten im sprachlichen Ausdruck. Es ist eine groĂe Leistung dieses MaĂ und diese verkĂŒrzte Ausdrucksmöglichkeit wirklich auszufĂŒllen und umso anerkennenswerter, wenn es so gut und poetisch tragend gelingt, wie Ben Shattucks KurzstĂŒcke dies belegen.  Â
Der Hanser Verlag verfĂ€hrt im Umgang mit Ben Shattucks Novellen oder auch Kurzgeschichten etwas anders, dennoch sind die beiden bisherigen Veröffentlichungen sehr schlanke BĂ€nde. Der Verlag unterlĂ€sst aber das Aufdrucken einer Gattung und erspart den Lesenden damit gewisse Erwartungshaltungen â auĂerdem eröffnet sich damit jedem die Chance auf eine unvoreingenommene LektĂŒre unabhĂ€ngig von Genrevorstellungen, welche das Leseerlebnis mitprĂ€gen bzw. vorbereiten; aber auch einschrĂ€nken können. Die beiden Veröffentlichungen Shattucks umfassen einmal 104 Seiten und im zweiten Fall spĂ€rlich bedruckte 75 Seiten. Beide BĂŒcher werden von sehr geschmackvollen Buchdeckeln umhĂŒllt und damit die Ă€sthetische Fokussierung des Inhalts schon angekĂŒndigt. Vom Papierumschlag mit KI-generierten Menschen erfuhr der Folgeband mit Leineneinband und dem Abdruck des ĂlgemĂ€ldes Rose Breeze eine weitere Aufwertung. Ăsthetisch meint hier die Sprache betreffend nicht ĂŒberformuliert und kĂŒnstlich komplex gebaute Sprachgebilde sondern pointierte, lyrische und gehaltvolle Sprache, welche universale Fragen in kleine Metaphern zu fassen weiĂ und nur oberflĂ€chlich betrachtet kleine Geschichten erzĂ€hlt. Dies ist die Kunst der kurzen Form: das GroĂe im Kleinen darstellen und mittels Sprache die nicht konkret erzĂ€hlten oder nur vage benannten Dimensionen mitschwingen lassen. Vertrauen in die potenziellen Leser und deren Mitdenken sind dafĂŒr ebenso unabdingbar wie das Vertrauen in den groĂen Ausdrucksradius der Sprache.
In den USA und England lebt die Shortstory-Kultur vor allem in Zeitschriften und der Weg zum Erfolg fĂŒhrt beinahe zwingend ĂŒber diese Station.  Ben Shattuck (*1984) wurde schon 2019 (u.a.) mit dem PEN America Short Story Prize fĂŒr die 2018 veröffentlichte Kurzgeschichte The History of Sound geehrt. Im Anschluss an die Auszeichnung gab es Interesse einen Film daraus zu machen. Shattuck selbst erarbeitete das Drehbuch zum 2025 erstaufgefĂŒhrten Film und im selben Jahr erschien auch die deutsche Ăbersetzung des Werkes. Damit fĂŒhrt der Weg dieses historisch angelegten Textes bis zum letztjĂ€hrigen Verlagsprogramm des Hanser berlin Verlages.  Dirk van Gunsteren ĂŒbertrĂ€gt den Text in eine sanfte, beinahe lautlose Sprache, welche die Klasse der ErzĂ€hlung gerade in dieser unprĂ€tentiösen Weise hervorhebt. Bis zu diesem immer weiter gewachsenen Projekt waren Shattucks Texte nur in diversen Zeitschriften erschienen. Erst 2022 wurde mit Six Walks (auf den Spuren von Henry David Thoreau) der erste Roman veröffentlicht â bezeichnenderweise eine Zusammenstellung aus sechs Beschreibungen und damit sechs Kurzgeschichten. 2024 folgte die Anthologie The History of Sound: Stories, in welcher insgesamt 12 Stories vereint sind. Es sind Geschichten ĂŒber Erinnerung, Vergessen, unerfĂŒllte Sehnsucht, ausgelassene Möglichkeiten, NatureindrĂŒcke wie menschliche Beziehungen â also kurz gefasst alle Aspekte des Lebens und der Geschichte. Titelgebend und motivisch vorwegweisend ist die EröffnungserzĂ€hlung The History of Sound. Auf etwa zwanzig Seiten (mit lĂ€ngeren wie kĂŒrzeren Beispielen) bringt Shattuck universale Themen pointiert auf den Punkt â und lĂ€sst dabei natĂŒrlich ein altes Amerika wiederaufleben. Diese nostalgische Sehnsucht bestimmt die Kulisse aber nimmt zu keinem Zeitpunkt Ăberhand â eine meisterhafte Wahrung eines schmalen Grades zwischen den Polen Kitsch und Wahrheit. Der Besitzer des Ă€ltesten Gemischtwarenladens Amerikas schwelgt in der Vergangenheit seiner Wohngegend und trĂ€umt von einer weniger technischen und menschlicheren Zeit ohne diese zu glorifizieren oder einen amerikanischen Traum auszuformulieren.  Â
Die deutsche Ausgabe von Die Geschichte des Klangs ist ein knapp 100 Seiten umfassender Text ĂŒber eine unmögliche Liebe und die FragilitĂ€t der Erinnerung, welche erstaunlich viele GedankenanstöĂe vereint und inhaltlich das Potential zum Roman gehabt hĂ€tte. Aus zwei Perspektiven und mit mehreren zeitlichen Stationen wird die kurze Freundschaft und Liebe der Musikstudenten Lionel und David geschildert, deren Höhepunkt eine Studienreise durch New England ist und ein abruptes Ende findet. Die Liederreise der beiden wiederum belegt die Kraft der Musik als ErinnerungstrĂ€ger und als Kulturgut, welches stets bedroht ist. Die Möglichkeit die Volksmusik aufzuzeichnen, zu konservieren hat nicht nur entscheidende Folgen fĂŒr die Musikpraxis (grob gesagt wird so die Entstehung der Musikindustrie ermöglicht) sondern auch Anregung zur Veröffentlichung lieferte sicher neben den diversen Auszeichnungen des Autoren die Verfilmung der Geschichte, welche 2025 auf dem Filmfestival in Cannes uraufgefĂŒhrt wurde. 2026 nun liefert der Verlag direkt mit Eine Geschichte der Sehnsucht nach. Auf 75 Seiten sind zwei Stories vereint welche thematisch und motivisch verknĂŒpft sind: das Thema ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben und das Motiv ist eine Zeichnung, welche in beiden ErzĂ€hlungen auftaucht. Es sind die ErzĂ€hlungen Nummer zwei und drei aus der Anthologie The History of Sound, original betitelt mit Edwin Chase of Nantucket und The Silver Clip und sie werden hier als Kapitel getrennt. Ăber die Notwendigkeit dieser zerrissenen Veröffentlichungsmethode lĂ€sst sich sicher streiten. Der ErzĂ€hlungsband umfasst im Original zwölf Geschichten, welche von Shattuck ausgewĂ€hlt und bewusst zusammengestellt sind. Eine KomplettĂŒbersetzung hĂ€tte sich da irgendwo angeboten, aber die Verfilmung verĂ€ndert die Ausgangslage entscheidend.
Es folgt in Teil 2 zu Ben Shattuck ein Kommentar zur Verfilmung.
Zwei Buddys retten Welten - Der Astronaut nach Andy Weir
Die neue Andy Weir-Verfilmung Der Astronaut â Project Hail Mary ist so gezielt konzipiert wie eine Super-Boygroup: Ryan Gosling und Sandra HĂŒller schlĂŒpfen unter der Regie vom Kreativ-Animations-Team Phil Lord und Chris Miller (Produktion/Drehbuch/Regie bei Wolkig mit Aussicht auf FleischbĂ€llchen, The Lego-Movie, Spider-Man. Across the Spider-Verse) in die Rolle von ungewollt heldenhaften Wissenschaftlern, deren Arbeit von Greig Fraser, Kameramann der ersten beiden Dune-Teile (und fĂŒr Teil 1 2021 mit dem Oscar ausgezeichnet; den dieses Jahr folgenden dritten Teil hat er allerdings nicht gefilmt), mit der Kamera festgehalten wurde. Die Musik stammt vom vielbeschĂ€ftigten Filmkomponisten Daniel Pemberton. Zeitgleich ist in âThe Dramaâ nun Musik von ihm im Kino zu hören. Neben Lord/Miller ist er auch am Spider-Man-Abenteuer beteiligt gewesen, eine persönliche Bekanntschaft besteht damit innerhalb des Teams schon. Schnittmeister ist Joel Negron (in dessen Filmografie besonders Cocaine Bear, der Ăberraschungs-Splatter-Trash-Hit der Vergangenheit, ĂŒberrascht). Technische Aspekt sind gerade bei Science-Fiction-Produktionen von groĂer Bedeutung und Oscar-Auszeichnungen dĂŒrfen solche Produktionen meist auch ausschlieĂlich in diesen Kategorien erwarten.
Drew Goddard hat schon fĂŒr Der Marsianer, die erste Verfilmung eines Andy Weir-Bestsellers mit Superstar-Besetzung (u.a. Matt Damon, Ridley Scott) in Regie und Darstellung aus dem Jahr 2015, das Drehbuch ĂŒbernommen und schlieĂt an diese Arbeit ein Jahrzehnt spĂ€ter wieder an. Der Autor selbst beteiligt sich als einer von sieben Produzent*innen, darunter die beiden Regisseure und ihr Hauptdarsteller Ryan Gosling. Andy Weir hat mit seinen wenigen anhand von wissenschaftlichen Fakten konzipierten Romanen einige der gröĂten Science-Fiction-Erfolge in den letzten Jahren vorgelegt und ergĂ€nzt damit dieses sichere Erfolgspaket um eine weitere Komponente. Diese âKonzeptionâ und der unbedingte Erfolgswille setzt sich in der Marketing-Aktion rund um den geplanten Spitzen-Blockbuster und die Vermittlung der begeisterten Testpubliken fort. Doch die kalte RealitĂ€t fĂŒr die Geldgeber Sony und - ĂŒber allem stehend- Amazon ist, dass mit Der Super Mario Galaxy-Film ein zu starker Konkurrent angetreten ist. Das zweite Abenteuer rund um die beiden Klempner und ihre Freunde aus poppig bunten Fantasie-Welten zieht viele nostalgische Fans zwischen 6 und 60 Jahren in die Kinos. Das potentielle Publikum ist damit rein zahlenmĂ€Ăig gröĂer, ein wahrhaft schwieriger Gegner.
Doch am Ende steht ein 156 Minuten langer Science Fiction-Film dessen bewusster Einsatz von Komik den Vergleich mit Mikey 17 (2025) provoziert â und diesem experimentellen Projekt des sĂŒdkoreanischen Parasite-Regisseurs nicht standhalten kann. ErzĂ€hlt wird die Geschichte des Mikrobiologen Ryland Grace, welcher zu Beginn in einer Raumfahrtkapsel ohne Erinnerung an sich und seine Vergangenheit erwacht. Er und das Publikum erfahren im Laufe des Films wie der Highschool-Lehrer zum Experten fĂŒr die zerstörerischen Astrophagen wird und am Ende auf dieser Selbstmordmission zu einem weit entfernten Stern landet. Durch diese Mikroorganismen wird die Sonne im Laufe der nĂ€chsten Jahrzehnte angegriffen was eine rapide AbkĂŒhlung des Planeten und viele Tote nach sich ziehen wird. Die einzige Hoffnung ist die Untersuchung eines nicht befallenen Sterns inmitten bereits an diesen Symptomen verstorbener Himmelskörper. Die dortigen Befunde sollen zur Rettung der Erde beitragen. Doch der Treibstoff reicht nur fĂŒr ein One-Way-Ticket, die Mission ist eine Kamikaze-Aktion mit sicherer Todesfolge. Wie der nicht vor Selbstsicherheit strotzende Grace letztlich doch in das Raumschiff gerĂ€t, soll hier nicht verraten werden da diese Frage der entscheidende Spannungspunkt im zweiten Drittel des Films wird. Im dritten Teil dann verschiebt sich der Fokus auf die Geschichte einer besonderen Freundschaft, welche insgesamt im Vordergrund steht: Auf seiner Mission trifft Ryland auf einen AuĂerirdischen aus Stein, welcher fĂŒr seinen Planeten mit der gleichen Aufgabe betraut ist. Mithilfe eines Computerprogramms finden die beiden einen Kommunikationsweg und mithilfe eines vor der tödlichen Luft isolierenden Glaskastens kann âRockyâ zur gemeinsamen Forschung in der Hail Mary einziehen. Neben der Forschung verbringen die beiden ungleichen Freunde ihre Zeit mit einer modernen Form von Dia-Abenden, persönlichen GesprĂ€chen und dem zusammen sein. Denn Einsamkeit droht in jedem Moment. Die belastende Situation schweiĂt den Steinklumpen (gespielt und gesprochen von Puppenspieler James Ortiz) und den unzureichend vorbereiteten Astronauten eng zusammen. Ihre Umarmungen auf Distanz und die persönlichen GesprĂ€che etwa ĂŒber den Namen des Partners von âRockyâ sind sicher liebenswert, aber stehen auch nahe am Kitsch. Rocky wirkt wie eine Weiterentwicklung der sanften Aliens E.T. und Wall-E.
Die Problematik des Films ist eine groĂe Diskrepanz zwischen der immer wieder betonten Anti-Heldenhaftigkeit des stĂ€ndig zweifelnden und sich klein redenden wie einsamen Mikrobiologen mit strittigen Theorien und seiner realen Selbstsicherheit im Einsatz im All. Die PrĂ€misse bei Der Marsianer war Ă€hnlich und auch dort litt die von Matt Damon dargestellte Figur unter Ă€hnlichen Problemen. Ăber allem steht der US-amerikanische Mythos des Selfmade-Man, welcher an seinen Aufgaben wĂ€chst und jedes Hindernis zu meistern weiĂ. Der gesetzte Grenzen verschieben und unlösbare Aufgabe doch noch zu seinen Gunsten drehen kann. Abgesehen davon, dass dieses Bild uralt und mittlerweile ausgeschöpft ist, sind einige fĂŒr den Erfolg und die Beugung des Schicksals notwendige Handlungseingriffe nötig, welche wissenschaftlich betrachtet fraglich oder nicht ausreichend erklĂ€rt bleiben. Andy Weirs Arbeiten wird eine starke wissenschaftliche Fundierung und ein kundiger Umgang mit der Astrophysik zugesprochen. In Der Astronaut allerdings sind einige grundlegende Entwicklungen der Handlungen unglaubwĂŒrdig und scheinen weniger wissenschaftlich denn dramatisch geerdet zu sein. Beispielhaft hierfĂŒr ist das rasche Finden einer gemeinsamen Sprache durch den Aufbau eines auf das darauf zeigen und mitschreiben basierenden Vokabulars. Ob Rocky ĂŒberhaupt in den gleichen EntitĂ€ten und Wahrnehmungen denkt bleibt dabei fraglich. Die gemeinsame Sprache zwischen den beiden gerĂ€t nicht erst bei der VerkĂŒrzung des fantastisch liebevollen Namens von Rockys Partner auf âAdrianâ an seine Grenzen. Die SolidaritĂ€t der beiden und die beinahe friedliche WeltuntergangsprĂ€misse sind sympathisch wie unterhaltend. Die Wirkung ist vergleichbar mit den Szenen von niedlichen Wesen in Star Wars-Filmen. Auch die Forschungserfolge und die Rettung vor dem zwingenden Tod sind nicht gĂ€nzlich ĂŒberzeugend. Der Film profitiert â wie viele Weltraumfilme â vom Kontrast zwischen zeitlos wirkendem Schweben im All und beinahe Countdown-artigen wie ĂŒberraschenden Actionmomenten. Diese Ambivalenzen bestimmen den Spannungsverlauf ebenso wie die Frage nach dem Weg des ungewollten Helden ins Cockpit eines Raumschiffs.
Technisch sind keine Makel festzustellen. Die Darstellung Rockys mittels einer Marionette anstelle von Computeranimationen ist entscheidend fĂŒr seine PrĂ€senz als Figur mit Charakter und Charme. Unterhaltsam und bildgewaltig ist die Romanverfilmung zweifelsohne; Sandra HĂŒller und Ryan Gosling haben eine allgemeine darstellerische QualitĂ€t, welche die SchwĂ€chen ihrer Figuren fĂŒr den Moment vergessen lassen kann; die Hail Mary wie der Kosmos sehen sehr eindrucksvoll aus und die Musik ist stimmungsvoll angelegt. Der Film klingt pop-klassisch mit den Beatles aus und nimmt hier beinahe nostalgische ZĂŒge an. Dennoch fehlt der Geschichte die eigenwillige bis bösartige Note von Mickey 17 bzw. die nachdenkliche, philosophische Ebene von 2001 â Odyssee im Weltraum (um nur zwei Klassiker der Science-Fiction-Historie anzufĂŒhren). Der Heldentopos wird wieder aufgewĂ€rmt, der Witz und die WĂ€rme einer Freundschaftsgeschichte mit Ă€uĂerst konventionellen Mitteln erzĂ€hlt. Diese âDurchschnittlichkeitâ fĂŒhrt aber zurĂŒck zur groĂen Werbekampagne rund um die Produktion und das Ziel möglichst viele Menschen auf unterschiedlichen Ebenen anzusprechen. Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer, erstaunlich kurzweiliger aber wenig visionĂ€rer oder anregender Film ĂŒber zwei sehr unterschiedliche Freunde mit Ă€hnlichen Aufgabenstellungen, die sich zufĂ€llig an einem Stern treffen. Vielleicht kann Dune 3 hier im Herbst etwas mehr Innovation und Ăberraschung einbringen. Aber auch hier ist der Blockbuster-Background zu bedenken⊠Â
EindrĂŒcke Leipzig, MĂ€rz 2026 (Auswahl)
Leipziger Buchmesse 2026: Rekordbesuchszahlen, groĂer Zusammenhalt der Buchhandelsbranche und ein nur körperlich abwesender Staatsminister fĂŒr Kultur

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Eine Party zum Aufladen des (politischen bis menschlichen) "Hoffnungsakkus" - Kraftklub in der Rokhal
Auf dem Weg nach Luxemburg stellen sich Reisende unterwegs zur Rokhal in Esch-Alzette stetig die Frage: fahren die anderen Autos mit deutschem Kennzeichen wohl auch zum Kraftklub-Konzert? Die Wahrscheinlichkeit ist bei einem ausverkauften Konzert in der groĂen Halle des kleinen Rock-Mekkas nahe der UniversitĂ€t gar nicht so gering. Die groĂe Erkenntnis dabei ist, dass gar nicht so viele Fahrer*Innen rein nach dem Aussehen, Alter oder Geschlecht als potenzielle Hörer der Gruppe ausgeschlossen werden können. Eine irgendwo beruhigende Nachricht angesichts aktueller Wahlergebnisse und eine BestĂ€tigung des Inhalts einiger der Songs der Gruppe, beispielsweise Vierter September (Kargo) zum Thema Bubbles die sich selbst vermitteln man sei doch nicht allein mit seinen Meinungen und Halts Maul und spiel (Sterben in Karl-Marx-Stadt), wo die ketzerische Frage gestellt wird ob eventuell nicht auch im eigenen Publikum unangenehme Personen anzutreffen sind. Felix Kummer ĂŒberprĂŒft die âQualitĂ€tâ des Publikums bei diesem Konzert höchstselbst und wandert von Kameras begleitet einmal von hinten (Startpunkt Merchstand, Zwischenetappe bei den Tontechnikern) nach vorne durch das eng gedrĂ€ngte Publikum und gemeinsam mit seinem Bruder einmal rappend rund um in luftiger Höhe. âKundennĂ€heâ ist hier das oberste Gebot.  Â
Am Freitag, den 13. MĂ€rz boten die vier Chemnitzer ein mehr als zwei Stunden dauerndes Konzert (20:50 - 23:05 Uhr). Kern ist das neue Album Sterben in Karl-Marx-Stadt, zehn der elf Einzeltitel werden gespielt und von den Fan-Lieblingen Ich will nicht nach Berlin, Komm fahr mit mir, Kein Liebeslied, Chemie Chemie Ya, Ein Song reicht, Songs fĂŒr Liam und natĂŒrlich dem bekanntesten Titel Drei SchĂŒsse in die Luft (angekĂŒndigt mit "holt die Pistolen raus") sowie dem Live-Original Randale durchbrochen. Weitere âUnterbrechungenâ fabriziert Frontmann Felix Kummer mit unterhaltsamen Kommentaren zu âĂuĂerungen aus dem Publikumâ und der VerkĂŒndung groĂer Hoffnung in die SangeskĂŒnste des Publikums: [sinngemÀà zitiert] âIhr könnt mehr als döf dö. Ich denke ihr könnt anspruchsvollere Silben, vielleicht sogar Worte â SĂ€tze und vielleicht sogar ganze Strophenâ. Berechtigte Hoffnungen, denn die Tausenden im Publikum können die erste Strophe von Chemie Chemie Ya vollstĂ€ndig vortragen - zu so vielen eine ehrlicherweise einfache Aufgabe. Bemerkungen zu der Steuerpolitik und dem Reichtum in Luxemburg kann sich der LeadsĂ€nger nicht verkneifen, ausgleichend schwĂ€rmt er von den kostenlosen Ăffis und der MultikulturalitĂ€t und Offenheit im mehrsprachigen, internationalen Land nahe der deutschen Grenze. Aber er kann auch kindisch... Der Ritt auf einer riesigen Zigarette, getragen vom Publikum, klingt nicht nur nach sondern ist der pubertĂ€rste Moment des Abends. âIch hatte mir das chilliger vorgestelltâ ist der letzte Kommentar zum eigenen beinahe angstverzerrten Gesicht beider BrĂŒder beim Festklammern an der Riesen-Badenudel in Zigarettenform.
Ansonsten erinnern die Ansagen erschreckend hĂ€ufig an Annenmaykantereit - eine auf dem Papier viel sanftere Band. Gebt Acht aufeinander, ein Hinweis auf das Awareness-Team, Verweis auf die nahenden SanitĂ€ter im Publikum, Hinweis auf beruhigtere FlĂ€chen bei EngegefĂŒhlen und die persönliche Ansage der Vorband inklusive persönlicher Geschichte der Band Kraftklub, als Vorband fĂŒr diverse bekannte deutsche Bands. Felix Kummers Gestus und AgitationsfĂ€higkeit allerdings erinnern dann doch an den dauerhaften (und zuletzt scherzhaft gewordenen) Vergleiche mit den Hives und insbesondere deren Frontmann Pelle Almqvist. Am einprĂ€gsamsten bleibt das Dirigieren des Publikums von links nach rechts bei So rechts, das Ausleuchten des Raumes von der MittelbĂŒhne verknĂŒpft mit der Aufforderung die Arme nach oben zu heben - wenn der Lichtstrahl einen erreicht und das minutenlange Singen des Refrains von Schief in jedem Chor, welches ebenfalls vom kundigen Dirigenten angeleitet wird. Obwohl hier am Ende der Rhythmus und das Tempo etwas auseinanderbricht dĂŒrfen sich die SĂ€nger*Innen fĂŒr eine gute und ĂŒberzeugende Leistung auf die Schultern klopfen - und so schief geriet es gar nicht. Â
Was in jedem Fall geboten wird, ist eine gute Show. Nach der Einstimmung durch die Girl-Band Lovehead, welche ihr Set mit dem Titel Erdnussallergie (passend zum Text in All die schönen Worte) beschlieĂt braucht es nur eine kurze Umbaupause, bevor die gigantisch groĂen Lettern des Albumtitels sich herabsenken â auf dem Mischpult des Tontechnikers erstrahlt das Albumcover schon beim schwungvollen Entfernen der Schutzfolie wĂ€hrend die Vorband noch spielt. Es folgen 24 Titel (inkl. einer Coverversion gemeinsam mit den Loveheads) und um 23:05 Uhr beginnt das Publikum aus der Halle zu tanzen. Beim ersten Song â Marlboro Mann â fliegt Konfetti ins Publikum und beim letzten Titel - Songs fĂŒr Liam - sind es dann noch Luftschlangen. Das Set wird beendet mit einem utopischen Titel â mit nur einem Kuss hĂ€tten doch so viele vermeidbare Katastrophen verhindert werden können. Wenn das nur so einfach wĂ€re⊠Auch das Drehen des berĂŒhmten GlĂŒcksrades um einen âaltenâ Titel fĂŒr das Programm zufĂ€llig auszuwĂ€hlen, wird zur Zirkusnummer, schieben wĂ€re hier der richtige Begriff. Das Wunschlied Irgendeine Nummer ist damit unumgĂ€nglich.
Das lautstarke Quintett nutzt die Halle in den zwei Stunden Programm voll aus. Von HauptbĂŒhne zur VorbĂŒhne einmal rundum ĂŒber die TechniktribĂŒne am Hallenrand und mittendurch das Publikum â sowie vom Publikum getragen im Kreis durch die vordere HĂ€lfte des Raumes. Jeder hat die Chance einen nĂ€heren Blick auf die Band zu erhaschen, selbst die Kleineren im Publikum. Der Parcours durch das Publikum scheint allen dabei SpaĂ und keine Angst zu machen â Massenveranstaltungen fordern schon viel von ihren Akteuren und besonders viel Vertrauen in die ZurechnungsfĂ€higkeit des Publikums â nicht nur beim Stagediving. Felix Kummer fĂŒllt etwaige LĂŒcken des dichten Programms mit viel GesprĂ€ch das zwischen Unsinn, Ermutigung und wichtigen Statements changiert. Das Publikum hat er stets ganz bei sich, obwohl im Live-Moment besonders deutlich wird, dass sein Bruder am Bass entschieden mehr singt als der âKopfâ der Band. Bis auf einen etwas ruppigen Ausklang (mit stark neben dem Takt klatschenden Publikum) halten die vier Musiker den bombastischen Apparat gut zusammen. Und Titel wie Fahr mit mir und Fallen in Liebe sind ohne die Gastmusiker von Tokyo Hotel und Nina Chuba besser als in der Originalversion (aber das ist natĂŒrlich Geschmacksache).    Â
Die melancholischen und rein ironischen Momente der musikalisch austauschbaren Songs, welche zudem auch rhythmisch sehr gleichartig bleiben, fallen in der Partystimmung etwas unter den Tisch. Die nostalgische Stimmung der Texte des aktuellen Albums allerdings bleiben trotz ClubatmosphĂ€re und dröhnendem Bass (gerade von der MittelbĂŒhne) erhalten. Das scheinbare Memento Mori-Album ist aber auch eine Feier des Lebens, ein Carpe Diem-Set mit "bisschen Gesellschaftskritik und ein paar frischen Emotionen" (vgl. Selbstkritik in Vierter September). Die zentralen Statements des Abends sind ein Nein gegen Nationalismus, Grenzen und Nazis â die Antifa-Flagge im Publikum und die âNazis rausâ-Rufe aus dem Publikum kommentiert der Frontmann mit Dank im Namen vieler seiner Bekannter Zuhause.  Diese Aussagen mögen wie Chiffren erscheinen, wie die BestĂ€tigung ganz normaler GrundsĂ€tze in der Rockmusik und der Hörergemeinschaft dieser sterbenden Musikrichtung, aber die Chemnitzer-Band trĂ€gt ihre leider vielerorts nicht mehr als Standard anzunehmende Botschaft damit klar vor und arbeitet aktiv gegen das Bild des Westens von ihrer Heimat an â denn ein Land âmit Heimatministerium kann niemals meine Heimat seinâ.
Ganz nebenbei haben die Band und das Publikum an diesem langen Abend SpaĂ bis zum Schluss â und am nĂ€chsten Tag raue Stimmen nach zwei Stunden mitgrölen. Und man hat das GefĂŒhl, dass die Menschen vielleicht doch gar nicht so schlimm sind⊠Am Ende bleibt es dann doch nur ein Konzert- aber fĂŒr den Moment ist man wahrlich nicht allein. Die Energie bleibt fĂŒr einige Tage zurĂŒck. Das Schlusswort hier soll bei Kraftklub bleiben, welche diese groĂen GefĂŒhle in Vierter September ganz auf den Punkt gebracht haben: Â
Und dann blickst du in die Menge und bist doch ergriffen ScheiĂ Hybris: BestĂ€tigung, Applaus ist schön Doch was bleibt ĂŒbrig, nachdem wir nach Hause geh'n? Es lĂ€sst sich ganz bequem da drauĂen steh'n Vor abertausend, die das alles ganz genau so seh'n Zweifel weicht der Eitelkeit Ich mein, "Wer weiĂ, vielleicht haben wir gemeinsam wirklich was erreicht." Doch am vierten September Fahr'n die ZĂŒge wieder regulĂ€r Und nichts hat sich verĂ€ndert Am vierten September Ist der Himmel blau, die Sonne scheint Und nichts hat sich verĂ€ndert Aber ich bin nicht allein (âŠ)
Setliste: HauptbĂŒhne: 1. Marlboro Mann 2. Ein letztes Mal 3. All die schönen Worte 4. Ich will nicht nach Berlin 5. Komm fahr mit mir 6. Kippenautomat 7. So rechts 8. Unsterblich sein 9. Haltâs Maul und spiel 10. I Love it - Cover gemeinsam mit Lovehead 11. Wie ich 12. Zeit aus dem Fenster MittelbĂŒhne: 13. Kein Liebeslied 14. Schief in jedem Chor HauptbĂŒhne: 15. Chemie Chemie 16. Blaues Licht 17. GlĂŒcksrad: Irgendeine Nummer 18. Fallen in Liebe 19. SchĂŒsse in die Luft 20. Randale TribĂŒnen: 21. 500 K  HauptbĂŒhne: 22. Wenn ich tot bin fang ich wieder an mit Rauchen  23. Ein Song reicht 24. Songs fĂŒr Liam
Die Qual der Wahl â No Other Choice und Marty Supreme
Die Oscar-Verleihung rĂŒckt in groĂen Schritten nĂ€her und letzte Woche startete mit Marty Supreme der letzte groĂe Favorit in den deutschen Kinos. Einige Wochen zuvor ist bereits der sĂŒdkoreanische Film No other choice in den Kinos zu erleben gewesen, welcher in der Kategorie bester fremdsprachiger Film nominiert ist. Park Chan-wook muss sich hier dem Vergleich mit dem koreanischen Ăberraschungserfolg Parasite stellen und ĂŒbersteht diesen unbeschadet. EuropĂ€ische UrauffĂŒhrung hatte die Produktion in Venedig und stieĂ schon da auf Ă€uĂerst positive Kritik. Die beiden hier besprochenen Filme mögen schwer vergleichbar sein, aber eine Frage vereint sie (neben der ĂŒberbordend positiven Kritik von Fach- wie Laienpublikum und den starken Hauptdarstellern): hat man im Leben immer eine Wahl? Park Chan-wooks Film verneint dies schon im Titel und der Held von Josh Safdies Hochstapler-Biografie wĂŒrde sein Verhalten sicher auch als alternativlos angesichts des verdienten Ruhms und Erfolgs ansehen. Und dieser Begriff tut ja aufgrund der politischen Ăber-Beanspruchung so oder so weh. Indirekt beschĂ€ftigen sich damit beide Filme mit gesellschaftlichen Fragen von Erfolg und Ehrgeiz â die Form allerdings lĂ€sst sich absolut nicht vergleichen.  ZunĂ€chst zu No other choice.
Die schwarze Satire auf unsere moderne technologisch gestĂŒtzte Hochleistungsgesellschaft basiert auf dem Roman The Ax (Der Freisteller; EA 1997; Ă 1998) vom US-amerikanischen Krimi-Autoren Donald Westlake. Lee Byung-hun ist als Hauptdarsteller hier Dreh- und Angelpunkt des Films und wird umgeben von vielen ebenso guten Nebendarstellern.  Er spielt Man-su, einen Facharbeiter fĂŒr die Herstellung von Sonderpapieren, welcher zu Beginn noch als (ĂŒber-)glĂŒcklicher Familienvater in sonnig ĂŒberbelichteten Bildern gezeigt wird und einen Aal zubereitet â zugesendet von der Firmenleitung und rĂŒckblickend ein erstes schlechtes Omen fĂŒr den weiteren Verlauf. Kurz darauf verliert er seinen Job und wird zum Bewerbungstraining geschickt. Diese Massenveranstaltung nimmt absurde ZĂŒge an und ist als eine Mischung aus Selbstoptimierungsseminar und Theatergroteske inszeniert. Wenn die Teilnehmer ihr âpersönliches Mantraâ sprechend stetig auf SchlĂ€fen und Stirn klopfend zu sehen sind fĂŒhlt man die aufwallende Frustration des Protagonisten direkt körperlich mit. Dieses Verhalten wird alle Teilnehmer spĂ€ter als Partizipanten des Workshops brandmarken und fĂŒhrt nicht zur gewĂŒnschten RĂŒckkehr in Arbeit nach drei Monaten. Nach 13 Monaten hĂ€ngt Man-su in einer Aushilfsstelle im Supermarkt fest und verliert zusehends die Zuversicht. Die strenge Ehefrau Mi-ri (Son Yejin) zieht nun die ReiĂleine und verlangt eine Reduktion der Lebenshaltungskosten. Kein Netflix mehr, keine Tennisstunden, nur ein kleineres Auto statt zweier GroĂwĂ€gen, weniger Familienmitglieder (also mĂŒssen die Hunde umziehen) und vor allem die Trennung vom Elternhaus ihres Mannes, welches dieser voll Stolz nach einer von UmzĂŒgen geprĂ€gten Kindheit einst zurĂŒckkaufte â um zu bleiben. Man-su ist damit an einem Kipppunkt angekommen und greift zu drastischen Mitteln, um eine Stelle zu finden und seine Konkurrenz zu reduzieren. Ăber die Mittel soll hier zwecks Spannungserhalt geschwiegen werden. Doch drastisch, endgĂŒltig, weitgreifend und unvorhersehbar sind sie, soviel sei gesagt. Die BewerbungsgesprĂ€che dieses Facharbeiters entsprechen keinem Standard und bringen ihn wahrhaft an seine Grenzen. Kein Training konnte ihn darauf vorbereiten und der Gewinn am Ende wirkt ernĂŒchternd klein. Â
Die (positive) AbsurditĂ€t der Handlung wird mit recht âgewöhnlichenâ Aufnahmen kontrastiert und musikalisch klassisch bis rockig-klassisch begleitet. Besonders hervorzuheben ist eine Szene, in welcher Man-su zur Tarnung seiner Tat die Musik extra laut dreht und der folgende ausufernde Dialog zwischen ihm und zwei weiteren Beteiligten brĂŒllend ĂŒber die dröhnende Musik hinweg gefĂŒhrt wird â und zuletzt beinahe plötzlich eskaliert sowie nicht nur Man-su sprachlos zurĂŒcklĂ€sst. Die LautstĂ€rke aller GerĂ€usche bleibt authentisch und die ganze Szene ist dementsprechend unĂŒbersichtlich fĂŒr den Zuschauer. Diese szenische Herausforderung ist keine Ausnahme und macht in dieser Form besonders groĂe Freude. NatĂŒrlich muss man empfĂ€nglich fĂŒr diesen tiefschwarzen Humor sein, aber in dieser Art ist der Film ein echtes Kunstwerk voller Sozialkritik an unserer vom Kapital gesteuerten und eingeengten RealitĂ€t. GrundsĂ€tzliche MaĂstĂ€be und Konsequenzen des erfolgreichen Lebens im Kapitalismus werden konsequent zu Ende gedacht und das Verhalten von Man-su zur alternativlosen Handlung â und dabei bleibt die Komik ein fester Bestandteil der mit Slapstick, Wortwitz und Situationskomik gewĂŒrzten Begegnungen. Man muss sich durchsetzen können, die Ellbogen ausfahren, sich der Konkurrenz gegenĂŒber qualifizieren, seine StĂ€rken hervorheben und sich gut verkaufen â und man darf niemals arbeitslos werden und damit auĂer Stande sein seiner Familie ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Das bedeutet den Cello-Unterricht fĂŒr die hochbegabte Tochter bezahlen können, das eigene Haus zu behalten, einen entsprechenden Lebensstandard gewĂ€hrleisten und dabei weder nach rechts und links noch nach unten blickend von Mitleid erfĂŒllt zu werden. So radikal diese Darstellung scheint so wahr wird sie doch nach einigem Nachdenken â und so nah ist sie jedem Zuschauer.
Park Chan-wooks Werk ist damit in einigen Aspekten sicher mit dem letzten sĂŒdkoreanischen Hit Parasite vergleichbar. In beiden FĂ€llen wird der RealitĂ€t ein drastisch ausmalender und konsequent fortfĂŒhrender Spiegel vorgehalten. Absurde Moment werden aus einer RealitĂ€t heraus erzĂ€hlt, welche sie unumgĂ€nglich und logisch wirken lĂ€sst. WĂ€hrend im ersten Fall der Begriff der Familie und die Wohnungsnot in ĂŒberbevölkerten Teilen der Welt im Fokus stehen sind es hier nun die Grundwerte eines erfolgreichen Lebens im Kapitalismus und der Wert der Arbeit an sich, nicht deren Nutzen und Bedeutung, welche gar nicht so entschieden weitergedacht werden und dennoch absurd wirken. Ein groĂes, kluges Kinoereignis mit visuellen wie inhaltlichen Schock-Momenten, wahnwitzigen Dialogen und groĂem Drama. Damit eine gelungene Komödie, deren Unterhaltungswert auch aus der hinter Sarkasmus und Ironie versteckten Tragik der Geschichte entspringt.
Eine ganz andere Ausgangslage liegt Marty Supreme von Josh Safdie zugrunde. Dieser vom einstigen Indie-Label A24 (und seit einigen Jahren eine hĂ€ufig vertretene Firma bei Preisverleihungen) produzierte Film wird spĂ€testens mit der Besetzung der Hauptrolle des Marty Mauser mit Superstar TimothĂ©e Chalamet zum Blockbuster und sollte auch unbedingt als solcher behandelt werden. Damit passt das Werk aber gut zu den ĂŒbrigen OscaranwĂ€rtern dieses Jahres. GröĂte Konkurrenz ist nach bisherigen EindrĂŒcken One Battle after another, welcher ebenfalls allein durch die Besetzung und Regie zum Blockbuster wird. Josh Sadie erzĂ€hlt einen kurzen Ausschnitt des Lebens eines jĂŒdischen SchuhverkĂ€ufers dessen Erfolge als Tischtennisspieler in den USA der frĂŒhen 1950er Jahre weder seine Familie noch die Nation wirklich begeistern. Die Teilnahme an den Weltmeisterschaften scheint fĂŒr niemanden (auĂer ihn) ein vielversprechendes Erfolgsmodell zu sein. Nur mit dieser allgemeinen Ablehnungshaltung der Gesellschaft lĂ€sst sich der egoistische Charakter dieser Ă€uĂerst unsympathischen Hauptfigur erklĂ€ren bzw. ertragen, auch wenn CharaktererklĂ€rungen vom Regisseur gĂ€nzlich ausgespart werden. Es ist Josh Safdies erste Solo-Regiearbeit und Basis des von ihm mit verfassten Drehbuchs ist die Autobiografie des realen Vorbildes Marty Reisman, dessen Ăhnlichkeit mit Chalamet ausschlaggebend fĂŒr die Besetzung war.
Safdie inszeniert (literarisch gesprochen) einen 2,5-stĂŒndigen âstream of consciousnessâ, einen ungebremsten Gedankenstrom, welcher ohne EinfĂŒhrung und rĂŒckblickende AusfĂŒhrungen auskommt. Die Zuschauer werden in das Leben von Marty Mauser gestoĂen und mĂŒssen sich dann in dessen Chaos und Sprunghaftigkeit zurechtfinden. Diese Unmittelbarkeit ist die groĂe StĂ€rke des Films und ist auch dem Spiel vom Chalamet zu verdanken, welcher ein Jahr nach seiner Ă€uĂerst ĂŒberzeugenden Darstellung von Bob Dylan erneut im Mittelpunkt des Interesses rund um den Film steht. Diesmal hat er sich in den Tischtennissport eingearbeitet und spielt einen Blender, Hochstapler und SchaumschlĂ€ger sondergleichen. Auch dieses Projekt hat mit acht Jahren Vorlaufszeit dem engagierten Method-Actor eine konzentrierte Vorbereitung ermöglicht, welche sowohl in den Sport- als auch Charakterszenen deutlich sichtbar wird. Chalamet verschmilzt gĂ€nzlich mit dem ânarzisstischen Egoistenâ Marty Mauser und nimmt den gehetzten, getriebenen Charakter der in dieser Hinsicht dankbaren Figur in Bewegung und Mimik an. Dabei hilft natĂŒrlich auch die gute Maske.
Die Beleidigung als ânarzistischer Egoistâ ist eher Zustandsbeschreibung, denn Vorwurf. Marty Mauser geht es sicher nicht in erster Linie um Sport, ihm geht es um Geld, Bedeutung und Ruhm. Der Weg dahin mag noch so erbĂ€rmlich sein â und anders lassen sich die PausenfĂŒller auf der Tour einer Basketballmannschaft und das Buckeln vor dem reichen Ehemann seiner schönen AffĂ€re aus dem FilmgeschĂ€ft nicht nennen. Im Satinschlafanzug spielt Marty auf Mini-Platten und auch gegen Tiere. Er und sein Kollege sind Clowns an der Tischtennisplatte â und ganz Europa darf sie erleben. Aber eine Erfolgsgeschichte schreibt Marty in letzter Konsequenz trotz all dieser MĂŒhen nicht. Damit wird er zur tragischen Gestalt. Beginnend mit der Niederlage gegen den Japaner Endo bei der WM in England verliert sich der junge Mann in einer Spirale aus Geldnot, KriminalitĂ€t und Gewalt. Und in dieser Spirale beginnt man als Zuschauer an jedem gesprochenen Wort zu zweifeln. Die einzigen echten GefĂŒhle dĂŒrften seine körperliche Erleichterung nach dem Sieg im Schauwettbewerb gegen Endo in Japan und die erste Begegnung mit seinem Kind im Krankenhaus sein. Alles andere sind SchwĂŒre, Versprechen, VerheiĂungen, welche der Absicht untergeordnet sind zur WM nach Japan zu fahren und eine Revanche spielen zu dĂŒrfen.
Safdie gönnt dem Zuschauenden letztlich weder eine festgelegte Zukunftsaussicht noch eine sichtbare Konsequenz. Was im GedĂ€chtnis haften bleibt sind eindrucksvolle Einzelszenen. Dazu gehören das Intro, welches von der Befruchtung einer Eizelle ĂŒber die Verschmelzung von Spermium und Eizelle zu einem Tennisball mit aufgedrucktem Filmtitel gelangt und in der Folge auch die temporeichen Tischtennisspiele, der eingefangene Geist der 1950er Jahre in den StraĂen- wie Innenszenen, ein Sturz in der Badewanne, eine Vendetta um einen dauerhaft klĂ€ffenden Hund und viele haarstrĂ€ubende Geschichten, welche der vor (nicht gerechtfertigtem bzw. mit Erfolgen belegbaren) Selbstbewusstsein triefende Marty von sich gibt. Insbesondere das Interview, in welchem er die entsetzten Reaktionen seiner Interviewpartner auf seinen hemmungslosen Vergleich des kommenden Spiels gegen einen Ausschwitz-Ăberlebenden mit dem Zu-Ende-bringen, was das KZ nicht geschafft habe, mit einem einfachen âIch darf das â ich bin Jude und schon durch meinen Erfolg Hitlers schlimmster Alptraumâ bei Seite wischt ist hier beispielhaft und fĂŒhrt zu hörbarer Schnappatmung im Publikum.    Â
Die gewĂ€hlten Vergleiche der Kritik sind neben The Wolf of Wall Street (an dessen Drastik Safdie nicht ganz heranreicht) auch Catch me if you can, eine Hochstapler-Geschichte aus der Feder des Meisterregisseurs Steven Spielberg. Aber die Scheck-FĂ€lschungen und Persönlichkeits-Erfindungen von Frank wirken irgendwie harmloser als Martys Horrortrip rund um die Welt. Allein der Gewaltpegel ist entschieden höher und Bankbetrug hat immer noch einen Hauch von Protestaktion, insbesondere wenn die Geschichte im Geburtsland des modernen Kapitalismus spielt. Martys Antrieb ist rein egoistischer Natur und er nimmt dafĂŒr groĂe SchĂ€den fĂŒr Freunde und Umfeld in Kauf. Es sei noch angemerkt das in beiden Vergleichsfilmen Leonardo DiCaprio, Chalamets gröĂter Konkurrent in der laufenden Filmpreissaison, die Hauptrolle spielt â und fĂŒr beide Produktionen wider Erwarten ohne Oscar nach Hause ging.
Josh Safdie gelingt ein makelloses PortrĂ€t eines windigen Charakters in einer unsteten Zeit. Handwerklich wie darstellerisch lĂ€sst sich hier kein Fehler finden. Doch es fehlt ein wenig Kontext, um die BeweggrĂŒnde Martys gĂ€nzlich nachvollziehen zu können oder auch seine Taten irgendwie mit Ungerechtigkeiten von anderer Seite entschuldigen zu können. Das Auslassen dieses Elementes kann aber auch als Safdies progressiver Moment ausgelegt werden, da er sich gegen einen Trend des Psychologisierens bis hin zur kleinsten Nebenfigur in jedem Superheldenfilm richtet und diese Erwartung bewusst unterlĂ€uft. Und natĂŒrlich eine klassische Heldenschreibung unmöglich macht. Ein weiterer kritischer Punkt ist die musikalische Untermalung. Der Soundtrack wird mit Forever Young eröffnet und bleibt anschlieĂend in dieser fĂŒr die FĂŒnfzigerjahre futuristischen Kulisse haften. Der komponierte Score wiederum ist gelungen und verstĂ€rkt die zeitgeistigen Aufnahmen in ĂŒberzeugender Form. Das gröĂte Potential liegt in der Komik dieses Dramas, also in der gelungenen Unterhaltung von der ersten Minute an. Â
In Zahlen gesprochen ist Marty Supreme die erfolgreichste Produktion von A24 in deren erfolgsverwöhnter Geschichte. Ob die Masse an Nominierungen fĂŒr diverse Preise und die weltweite Begeisterungswelle angemessen fĂŒr einen unterhaltsamen Hollywoodfilm sind ist ebenso fraglich wie im Umgang mit One Battle after another. In jedem Fall sind zwei auĂergewöhnliche Darsteller mitverantwortlich fĂŒr den Erfolg beider Produktionen und beide spielen, wenn ĂŒberhaupt gebrochene Helden, wenn nicht eher Verlierer im Spiel des Lebens. Und das AbrĂŒcken von schematischen Heldendarstellungen ist in jedem Fall ein Gewinn fĂŒr das Hollywood-Kino. Der nĂ€chste Wettstreit steht am 15. MĂ€rz bei den Oscars an - mal sehen, wer hier als Sieger vom Platz geht.                Â
2025 - 2026
Eine gelungene RĂŒckkehr - Peter Doherty besucht gut aufgelegt den Schlachthof in Wiesbaden
Fast exakt ein Jahr nach dem furiosen Auftritt der Libertines im Schlachthof in Wiesbaden â  konkret: am 7. Februar 2025 - hat sich am 19. Februar 2026 Peter Doherty auf seiner âEuropean Tourâ wieder nach âVicebadenâ [O-Ton Doherty] verirrt und spielte hier den Auftakt von vier Terminen in Deutschland. An seiner Seite sind neben der Keyboarderin (und seiner Ehefrau) Katia de Vidas auch Jack Jones (Gitarren, Gesang; ansonsten bei Trampolene zu hören), Mike Joyce (Schlagzeug; ursprĂŒnglich bei The Smiths) und Mark Neary (Bass, Pedal Steel). Die Veranstalter kommentieren diese Besetzung als âso britisch und so erfahren (âŠ) wie ein Musikgeschichtsbuchâ. Wie im letzten Jahr ist auch Dohertys Schwester AmyJo Doe mit ihren Spangles als Vorband dabei â inklusive neuem Material von der aktuellen Produktion Spangle Landia (erhĂ€ltlich als digitales Album bei Bandcamp) (vgl. Schlachthof Wiesbaden - Peter Doherty / Plus Special Guest: Amy Jo And The Spangles)Eine halbe Stunde stimmen die vier aus Madrid mit Rockrhythmen, fetzigen Liebeshymnen und politischen Statements pro Freiheit fĂŒr alle ein. AmyJo Dohs Optimismus und Energie sind dabei Ă€uĂerst mitreiĂend. Bis zum Ende der Veranstaltung sind sie und ihre Spangles am Herzen verteilen, zwischendrin ĂŒbernimmt sie Backstage die Kinderbetreuung.
Der im VerhĂ€ltnis zur Vergangenheit entschieden wacher wirkende Doherty sagt nach einem kurzen Ausflug in die Welt der Marktschreierei die Vorband selbst an und lĂ€sst dann mit seiner eigenen Band einen anderthalbstĂŒndigen Querschnitt durch sein Repertoire â und das seiner Kollegen - erklingen. Bei Uncle Brianâs Abattoir (ein Trampolene-Titel) ĂŒberlĂ€sst er Bandmirglied und Anspielpartner Jack Jones dementsprechend das Steuer. Mit Killamangiro und Fuck Forever lĂ€sst er zu Beginn und Ende zwei der bekanntesten Babyshambles-Titel erklingen. Auch diese Band erlebt derzeit mit der ersten neuen Single seit vielen Jahren und dem Tod Patrick Waldens im Sommer letzten Jahres ein kleines Comeback. Abgesehen davon lĂ€sst vor allem Fuck Forever zum Abschluss den nicht ausverkauften und verkleinerten Schlachthof ein bisschen ausrasten â um dann mit dem The Smiths-Cover Thereâs a light that never goes out den Abend ganz sanft ausklingen zu lassen. NatĂŒrlich darf der Libertines-Klassiker Time for Heroes auch hier nicht fehlen. All diese Titel stammen von ersten Platten und folgen einer nostalgisch scheinenden Auswahl. Ansonsten liegt der Fokus klar auf den seit 2009 veröffentlichten Solo-Arbeiten, erschienen auf Grace/Wastelands, Hamburg Demonstrations, Peter Doherty and the Puta Madres, The Fantasy Life of Poetry and Crime und dem aktuellen (wie auffallend erfolgreichen) Album: Felt better alive. Das im Herbst 2025 veröffentlichte aktuelle Album stellt mit 6 Titeln den Grundstock des Abends, leider bleibt Poca Mahoneyâs ungespielt.
Insgesamt orientiert sich der in Frankreich lebende Brite eher in der Vergangenheit, spielt jeweils drei Titel der legendĂ€ren DebĂŒtalben der Babyshambles wie auch als SolokĂŒnstler, welche nach der Auflösung seiner Vorzeigeband The Libertines erschienen â 2005 und 2009. Das erste Babyshambles-Album feierte zuletzt 20jĂ€hriges JubilĂ€um â Doherty gehört nunmehr schon zur Rockhistorie und vielleicht wirklich zur letzten Rockgeneration. Doch gerade als Solo-KĂŒnstler tritt er als nachdenklicher Bohemian, Barmusiker, Hintergrundmusiker oder poetischer Chansonnier auf. Ganz egal wie man diese feinen, sprachlich komplexen, metaphernreichen und zu Teilen auch impulsiv-rockigen Kompositionen einordnen möchte, sie sind vor allem eines: authentisch. Und genau so ist auch Dohertys Auftreten, wenn er die eigenen Strukturen unterlĂ€uft, andere Texte singt, die Band vier Takte mehr Intro spielen lĂ€sst, mit den MelodieverlĂ€ufen experimentiert und auf die Situation reagiert: also musikalisch gesprochen improvisiert. So wird jeder Abend besonders anders â und jeder Konzertbesuch wahrhaft einzigartig, trotz vergleichbaren Setlists auf den verschiedenen Stationen der European Tour 2025/6.  Â
Beim Einstieg mit Last of the english roses (und damit mit einem Kalssiker) sind Band und Gesang noch etwas asynchron, aber abgesehen von den bleibenden RĂŒckkopplungen grooven sich die beiden Gitarristen, der Bassist, der Drummer und die sporadisch hinzutretende Trompete wie das Keyboard langsam ein. Leider ist man dieses Mal ohne Violinistin unterwegs, welche beim Konzert im Den Atelier in Luxemburg im MĂ€rz 2017 noch mit an Bord war und gerade den Titel des etwas folkigen Albums Hamburg Demonstrations wie dem ersten Album mit den (damals noch nicht so firmierten) Puta Madres das gewisse Etwas gab. Immerhin ist dem LeadsĂ€nger Jack Jones als Gitarrist ĂŒber all die Jahre treu geblieben. Etwas indifferent bleibt der Sound dennoch, insbesondere bei Whoâs been having you over bleibt der kennzeichnende Klang der Orgel etwas im Hintergrund gefangen. Die Ruhe vieler Doherty-Solotitel rĂŒckt hier in den Hintergrund einer mitreiĂenden Show mit wunderbar miteinander schrammelnden Gitarren, wuchtigen Rhythmen und viel Energie. Doherty fungiert ausschlieĂlich als SĂ€nger, die Gitarre verirrt sich nur fĂŒr wenige Akkorde in seine HĂ€nde. Das mag schade sein, andererseits singt er so klar, sicher und vollstĂ€ndig wie selten in den letzten Jahren. Der poetischste Abschnitt des Konzertes ist die zentral gesetzte Liedfolge Fantasy life of poetry and crime, Iâm the rain (inklusive freier Textarbeit ĂŒber die Ohs seiner MitsĂ€nger), Pot of Gold - sein ruppiges Wiegenlied fĂŒr die (vermutlich Backstage zu sehende) Tochter â und The day the baron died (eine FortfĂŒhrung des Libertines-Songs Baronâs Claw). Letzterer Titel klingt mit akustischer Gitarre und Sologesang aus. Mit SalomĂ© wird das Publikum dann wieder ganz wachgerĂŒttelt und in die zweite HĂ€lfte des rasch verfliegenden Programms gefĂŒhrt.
NatĂŒrlich bleibt Doherty sich treu und âinterpretiertâ die Songs neu â womit man wieder bei dem ausgelutschten Begriff der âAuthentizitĂ€tâ und âBĂŒhnenprĂ€senzâ angelangt ist. Aber treffender lĂ€sst sich dieser Auftritt nun mal nicht bezeichnen. Doherty ganz solo im Pub wĂ€re das eigentliche Ideal, um diese Stimmung in Perfektion zu erleben. Aber in dieser GroĂbesetzung ist es (wieder) ein rauschendes Fest in Wiesbaden. Dazwischen versteigert die Hauptperson des Abends ein Bild, trĂ€gt einen deutschen Text spontan vor und lĂ€sst sich vom Publikum grammatikalisch inkorrektes Deutsch beibringen. Die Ansagen bleiben sporadisch und besonders das Lamento ĂŒber das fehlende Meer im âschönenâ, âhistorischenâ Wiesbaden im GedĂ€chtnis. Um 22:30 Uhr fĂ€llt der letzte Ton und die Scheinwerfer bleiben endgĂŒltig aus. Die gut gefĂŒllte, aber nicht annĂ€hernd ausverkaufte Halle leert sich langsam, am Merch-Stand lassen es sich die Spangles nicht nehmen sich weiter um die Zuhörer zu kĂŒmmern und die Schlangen bei den T-Shirts bleiben bestehen. Eine kleine handfeste Erinnerung ist bei einem guten Live-Konzert ein Muss â aber im GedĂ€chtnis sollte dieser rundum gute Eindruck von Peter Doherty und seinen Mitmusiker*innen auch ohne diese StĂŒtze bleiben. Vielleicht verirrt er sich ja in nĂ€chster Zeit mit den Babyshambles nach Wiesbaden â es wĂ€re nicht der erste Auftritt in dieser wunderbar passenden Location.
Nun noch die Setlist:
Last of the english roses
Killamangiro (Babyshambles)
I donât love anyone (but youâre not just anyone)
Felt better alive
Ed Belly
Fantasy life of poetry and crime
Iâm the rain
Pot of Gold
The day the baron died
Salomé
Uncle Brianâs Abattoir (Trampolene)
Calvados
Kolly Kibber
Someone else to be
Stade of Océan
Serenity
Whoâs been having you over
Time for heroes (The Libertines)
Fuck forever (Babyshambles)
Zugabe: There is a light that never goes out (The Smiths)
Verfilmung einer Fiktion: Hamnet von Chloé Zhao
Eine dritte Romanverfilmung, welche nunmehr im Kino zu erleben ist, ist Hamnet, inszeniert von Oscar-Gewinnerin ChloĂ© Zhao (Nomadland) und coproduziert von u.a. Sam Mendes und Steven Spielberg. Maggie OâFarrells gleichnamiger Roman aus dem Jahr 2020 beschĂ€ftigt sich mit William Shakespeares Familie und besonders mit dem Tod seines Sohnes Hamnet sowie der Verarbeitung seines plötzlichen Ablebens. Doch die historische Figur Shakespeare tritt hier an die Seite seiner Gattin, der unkonventionellen, ĂŒber ihre Existenz in allen Bereichen selbst bestimmenden, Waldfrau Agnes. Der Name âWilliam Shakespeareâ fĂ€llt erstmals am Ende, wenn Agnes und ihr Bruder in London nach dem Aufenthaltsort des Dichters fragen. Zuvor ist er nur der Hauslehrer und Gehilfe eines prĂŒgelnden Vaters, spĂ€ter Familienvater und (gemessen an den gröĂer werdenden HĂ€usern) erfolgreicher KĂŒnstler â in London, fernab seiner Frau und den drei Kindern. Was genau er dort tut und wann er vom Handschuhe herstellen fĂŒr die Truppe zum Autoren wird bleibt auch im Film unklar. Aufgrund der mangelhaften Quellenlage rund um Shakespeares Anfangsjahre in London (und diese LĂŒcke betrifft auch die Beziehung zu seiner Ehefrau sowie deren Charakter) bietet diese Fokussierung sowohl der Autorin als auch der Regisseurin viel Raum zur Spekulation und Verarbeitung von Motiven aus Shakespeares Werk in einer fiktiven Paar-Biografie.  Â
Zhao begleitet Agnes und William von ihrem Kennenlernen ĂŒber ihre heimliche Liebe und die zwingende Ehe (aufgrund einer Schwangerschaft) inklusive sehr naturalistischen EindrĂŒcken der Geburt der Kinder bis hin zu den ersten rĂ€umlichen und letztlich auch emotionalen Entfernung der beiden Partner voneinander. Dabei entsendet Agnes ihren Gatten selbst in die GroĂstadt, weil sie ihn auf dem Lande in der Enge dieser kleinen Welt zerbrechen sieht und nimmt in Kauf, ihn langfristig zu verlieren. Vieles an dieser Beziehung ist unkonventionell: Agnes hat den Ruf eine Hexe zu sein und lebt ein freies Leben mit der Natur. Angeblich kann sie die Zukunft ihres GegenĂŒbers durch Körperkontakt sehen, aber dies lĂ€sst sich auch mit guter Intuition und Menschenkenntnis erklĂ€ren. William fĂŒhlt sich von diesem wilden Wesen angezogen und verhĂ€lt sich recht aufdringlich, um sie fĂŒr sich zu gewinnen. Er ist wiederum nicht gewillt das Familiengewerbe fortzufĂŒhren und schlĂ€gt sich die NĂ€chte beim Verfassen von aus seiner Sicht wertlosen Arbeiten um die Ohren â als Lehrmeister fĂŒr Latein taugt er kaum. Dennoch wird die Arbeit mit Sprache â entgegen allen drohenden Voraussagen des Vaters - sein Weg aus der Enge seiner Familie und aus dem Gewaltbereich seines Vaters sein. Die Beziehung der beiden jungen Verliebten wird weder von der Stiefmutter von Agnes noch von der Familie Williams gutgeheiĂen. Die Sturköpfe aber setzen sich gegen alle Widrigkeiten durch und leben ein karges, aber zunĂ€chst von Liebe erfĂŒlltes Leben. Einzig Agnes Bruder und die Mutter Williams entwickeln sich im Laufe der Zeit zu UnterstĂŒtzern dieses Haushaltes zwischen GroĂstadt und Landidylle. Die Pest und der Tod des vermeintlich stĂ€rkeren ihrer Zwillinge zerbrechen diese Verbindung zeitweilig, aber mit Agnes Besuch der Tragödie Hamlet und ihrer Begegnung mit William als Geist des verstorbenen Königs im ZwiegesprĂ€ch mit dem jungen Prinzen Hamlet auf der BĂŒhne sollten die beiden verschiedenen Trauerpfade sie wieder zusammengefĂŒhrt haben. Die finale Szene ist die AuffĂŒhrung von Hamlet â leider nur in AuszĂŒgen, denn diese publikumsnahe Inszenierung vor einer gezeichneten Waldkulisse macht Freude und verleiht den mit komplexen Querverweisen verzierten Dialogen eine Echtheit und emotionale Konkretheit, wie sie das bloĂe Lesen des StĂŒckes leider nicht leisten kann. Â
Jessie Buckley und Paul Mescal verkörpern ihre in unterschiedlicher Weise kantigen Charaktere mit viel Stimm- und Körpereinsatz, insbesondere Buckley wird derzeit auf diversen Festivals und Preisvergaben fĂŒr ihre Leistung belohnt. Insbesondere die beiden Geburtsszenen prĂ€gen sich langfristig im GedĂ€chtnis der Zuschauenden ein. Sie spielt eine starke und zugleich von den RealitĂ€ten ihrer Zeit eingeschrĂ€nkte Frau. Sie bleibt aber in jedem Augenblick sie selbst, eine Leistung wie sie nicht hoch genug zu wĂŒrdigen ist. Paul Mescal wiederum verbindet in höchst dramatischer Darstellung den vielfach heroisierten Poeten Shakespeare mit dem sozial nur eingeschrĂ€nkt zur Interaktion fĂ€higen EinzelgĂ€nger und hebt dabei die Menschlichkeit, Unsicherheit und UnzulĂ€nglichkeit dieser von vielen Mythen umgegeben historischen KĂŒnstlergestalt hervor.  Neben diesen darstellerischen Glanzleistungen ist es besonders Zhaos moderate historische Angleichung von Szenenbild und Sprache, welche den beiden Darstellern genug Raum zur natĂŒrlichen Entfaltung lassen und ihre GlaubwĂŒrdigkeit wahrt.
Die opulenten und zugleich Ă€uĂerst natĂŒrlich scheinenden Aufnahmen von Naturlandschaften sind ein Markenzeichen der Regisseurin, welche diese Weiten in einmaliger Weise abzubilden weiĂ. Die naturgebundenen grĂŒnen, braunen und rostroten Farbtöne bestimmen die Garderobe von Agnes, wĂ€hrend ihr vergeistigter Gatte in kĂŒnstlich wirkenden Blautönen eingekleidet wird. diese farblichen Metaphern passen zu den Naturaufnahmen im dichten Wald, durchsetzt mit beĂ€ngstigend dunklen Höhlen und ĂŒbertretenden FlĂŒssen. Die riesigen BĂ€ume am Anfang des Films und die gezeichnete Baumkulisse bei der abschlieĂenden AuffĂŒhrung schlagen eine Ă€sthetische BrĂŒcke zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Charakteren und die bewusste Bildgestaltung zahlt sich nicht nur in diesen Momenten aus. ChloĂ© Zhao hat neben der Regie auch zu Drehbuch und Schnitt beigetragen und diese umfassenden Kontrolle ermöglicht dieses vollkommen scheinende Konstrukt. Einzig die Musik von Max Richter scheint gegen Ende den dramatischen Charakter unnötigerweise betonen zu wollen. Die Dramatik dieses Verlustes fĂŒr die gesamte Familie braucht diese dicke Orchestrierung aber gar nicht um zu rĂŒhren und mitleiden zu lassen.
Dennoch sind sowohl ChloĂ© Zhao (fĂŒr Regie, Drehbuch und Szenenbild) als auch Jessie Buckley, Max Richter, das KostĂŒm-Team und die Casting-Verantwortlichen fĂŒr die diesjĂ€hrigen Oscars nominiert worden. Diese Nominierung zeigt auch, dass diese Spekulation ĂŒber das Leben von William Shakespeares Gattin in erster Linie Unterhaltung ist und keine Lehrstunde ĂŒber historische Ereignisse. Aber als GroĂinszenierung einer Ă€uĂerst ergreifenden und von erstaunlicher Gleichberechtigung bestimmten Liebes-Partnerschaft inmitten einer grausamen Zeit ist Zhaos Werk auffallend Ă€sthetisch und zugleich punktuell auch auffallend karg inszeniert. Ihre Kulissen wirken stets wie auf einer TheaterbĂŒhne und die nimmt der TheaterbĂŒhne im StĂŒck selbst keineswegs seine Wirkung. (Und fĂŒhlt man sich nicht spĂ€testens hier an Szenen des Sommernachtstraums erinnert?) Das Leben Shakespeares wird in knapp zwei Stunden als Tragödie mit optionaler Trendwende inszeniert und bildet darin Höhen und Tiefen eines auĂergewöhnlichen - und erfundenen Leben - ab. Dabei ergreifen die universellen GefĂŒhle von Liebe, Unsicherheit, Hass, Trauer und Wut auch die mehrere Jahrhunderte spĂ€ter in gĂ€nzlich verĂ€nderter RealitĂ€t lebenden Menschen im Kino. Daraus resultiert die StĂ€rke von Shakespeares Werken - und auch dieser Lebensdarstellung.
Ein wahres Drama fĂŒr die Bretter die die Welt bedeuten. Dies scheint doch ganz klar in Shakespeares Sinne zu sein.

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Literatur auf der Leinwand â vom Klassiker bis zum JugendphĂ€nomen
Derzeit lassen sich zwei Literaturverfilmungen im Kino erleben, welche zu vergleichen beinahe infam scheint â und welche hier auch nicht als VergleichsgegenstĂ€nde verstanden werden sollen. Die Kombination entsteht eher zufĂ€llig aus Kinobesuchen in willkĂŒrlich gewĂ€hlter Reihenfolge. Der Fremde und Die drei Fragezeichen: Toteninsel, ein Klassiker der französischen Weltliteratur und eine klassische JubilĂ€umsfolge einer Kinderserie â wobei die Zuschauer hier eher die Kinder aus ferner Vergangenheit sind â die ihre Kinder nun mit ins Kino schleppen und gewisse Proteste wegen Aufregung und Grusel in Kauf nehmen. Mit Blick auf die anlaufende Oscar-Saison stehen beide Produktionen sicher nicht so im Fokus, aber das schmĂ€lert nicht ihre QualitĂ€t, bekrĂ€ftigt sie vielleicht sogar in einer Saison, in welcher ein Horrorfilm mit 16 Oscarnominierungen auf Platz 1 der Favoritenliste steht. Gleich vor einem Actionfilm mit absurden Momenten nach Thomas Pynchon, gespielt von einem ĂŒberzeugend bekifft auftretenden Leonardo DiCaprio und einer opulenten Shakespeare-Roman-Verfilmung mit Paul Mescal und Jessie Buckley. Der Fremde ist echtes Arthaus-Kino und Die Toteninsel ist in erster Linie ein Fanprojekt. Beide Aufgaben bringen aber eine groĂe Verantwortung fĂŒr die Verantwortlichen mit sich â gegenĂŒber all den kundigen Lesern von Weltliteratur und erwachsen gewordenen Kassettenkinder.   Â
Ausnahmeregisseur François Ozon hat sich an das existentialistische Grundwerk Der Fremde von Albert Camus gewagt und daraus eine in schwarz-weiĂ gedrehte Bildkomposition geschaffen, welche in jedem Moment die QualitĂ€t eines GemĂ€ldes hat. Benjamin Voisin verkörpert den nihilistischen Protagonisten Meursalt, welcher antriebslos durch Algier flaniert, seiner Arbeit eher trĂ€ge und ambitionslos nachkommt und bei der Beerdigung seiner Mutter emotional völlig unberĂŒhrt erscheint. Den neben ihn zusammenbrechenden Verlobten der Verstorbenen scheint er gar nicht wahrzunehmen, er zieht weiter an seiner Zigarette und schlĂ€ft anschlieĂend bei der Bestattung zwischendurch ein. Ozon hatte Voisin bereits in Sommer 85â besetzt und ihn damit zu einem groĂen Erfolg verholfen. Von der Rolle des energiegeladenen und vor bezirzenden Reizen nur so sprĂŒhenden jungen Sehnsuchtsobjektes ist er nun weit entfernt. Die Rolle des kalten Nihilisten fĂŒllt der Schauspieler gekonnt aus, wobei Ozon jedes Details des Körpers und ganz besonders der Mimik seines Hauptdarstellers zu zeigen weiĂ. Rebecca Marder spielt seine Geliebte Marie, welche ihm bis zur letzten Sekunde ihr Herz schenkt â ohne eine entsprechende Reaktion von ihrem Partner zu erhalten. Liebe oder Hochzeit sind fĂŒr ihn unerheblich und letztlich bedeutungslos, wĂ€hrend sie sich von diesen Konventionen nicht lösen will (oder kann). Auch Marder hat vor drei Jahren schon einmal mit Francois Ozon in Mein fabelhaftes Verbrechen zusammengearbeitet. Dem Roman folgend erzĂ€hlt Ozon in RĂŒckblenden, wie es zu dem Mord an einem Araber durch Meursalt kam, zu welchem er vor Gericht steht und zum Tode verurteilt wird. Die emotionale Distanz des TĂ€ters zu seiner Tat und seine Aussagen vor Gericht vollenden seine nihilistischen Gedanken â und lassen seinen Tod seltsam zwingend und nicht tragisch erscheinen. Sein einziger Moment der emotionalen ĂberwĂ€ltigung fĂŒhrt zu einem Mord, welchen er weder abstreitet noch als Tat bereut. Ozon macht eine entscheidende VerĂ€nderung gegenĂŒber seiner Vorlage: er gibt dem getöteten Araber einen Namen und ein Grab, an welchem seine Schwester trauern kann.
Abgesehen von der durch die philosophische Tragweite komplexer werdende Handlung und dem Spiel des Ensembles sind die gemĂ€ldeartigen Aufnahmen der Weltstadt Algier, wo verschiedene Kulturen, Glaubensrichtungen und Sprachen aufeinandertreffen der beeindruckendste Aspekt des Films. Den Kolonialismus und seine RealitĂ€t bringt Ozon in den Fokus - ohne das Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Einzig durch Details in den Aufnahmen lĂ€sst sich dies erkennen. Wie in Frantz nutzt er die schwarz-weiĂe und damit eingeschrĂ€nkte Farbgebung, um mimische und landschaftliche Details noch stĂ€rker zu zeigen und durch die Bildkomposition und das moderate Schnitttempo Einfluss auf die Wahrnehmung der Zuschauenden zu nehmen. Durch die vielen Szenen in der sonnigen Stadt und am Strand wird das weiĂ punktuell nahezu blendend und das GefĂŒhl der Hitze ĂŒbertrĂ€gt sich erst nach Eingewöhnung in die Optik auf den Zuschauer. Eine gewisse Distanz und KĂŒnstlichkeit bleiben bestehen, aber das ist auch mit der grundlegenden nihilistischen Position des ErzĂ€hlers (und entsprechend die des Regisseurs) zu vereinbaren. oder auch zu erklĂ€ren. Den Abspann begleitet The Cure mit ihrer musikalischen Verarbeitung der Geschichte in Killing an Arab (1979).
Ein groĂes Gesamtkunstwerk, in welchem Francois Ozon â wie ĂŒblich â eine kĂŒnstlerische ErzĂ€hlung in Ă€sthetisch anspruchsvolle Bilder zu kleiden und vorzugsweise mit Musik der 70er und 80er Jahre zu garnieren weiĂ. Bewusst eingesetzte Poplieder können im richtigen Kontext eine groĂe Wirkung entfalten â und den Soundtrack emotional verstĂ€rken, statt ihn durch ĂberwĂ€ltigung abzutöten (s. dazu Black Panther 2). Diese Gabe macht ihn zu einem modernen und zugleich altehrwĂŒrdig wirkenden FilmkĂŒnstler.
Kurzer Einschub:
Schwarz-WeiĂ-Kino konnte vergangene Woche auch auf dem Max OphĂŒls-Festival in SaarbrĂŒcken im in Europa erstmals gezeigten Eröffnungsfilm erlebt werden. Sie glauben an Engel, Herr Drowak? fĂ€llt aber neben der extravaganten Farbgebung auch durch die eigenwillige KamerafĂŒhrung auf. Die auch hier herrschende nihilistische Weltsicht verbindet Nicolas Steiners Kunstwerk mit Ozons Camus-Adaption. Luna Wedler, Karl Markowics und Lars Eidinger spielen in dieser Welt ebenso groĂe Rollen wie die beĂ€ngstigenden Kulissen, die wilden Kamerafahrten und Perspektiven (unter anderem aus der Schreibmaschine heraus nach oben) und die lebensfrohe Musik aus den Federn von John GĂŒrtler und Jan Miserre. Farbgebung wirkt sich nicht nur in der eigenen Wohnung auf die emotionale Wahrnehmung der Umgebung aus, auch bei der Betrachtung eines Kinofilms hat sie entscheidende Folgen fĂŒr die Wahrnehmung der Bilder auf der Leinwand. Â
Tim DĂŒnschede spielt sicher nicht in der Liga eines François Ozons und bedient sich eher mehr als weniger Farben, aber als Fan hinter dem Regie-Pult agiert er Ă€uĂerst ĂŒberzeugend. Nach Das Erbe des Drachen (2023) und Der Karpatenhund (2025) ist sein dritter Drei Fragezeichen-Streich nun seit Donnerstag offiziell im Kino (und auch als Hörspiel erhĂ€ltlich â natĂŒrlich). Schon kurz nach Kinostart haben die drei Jungdarsteller einen vierten Teil mit ihnen angekĂŒndigt: Die drei Fragezeichen - Nacht in Angst wird in etwa einem Jahr, im Januar 2027, in die Kinos kommen und Tim DĂŒnschede damit zum erfolgreichsten Regisseur aus dem Kosmos-Universum der Drei Fragezeichen â zumindest quantitativ betrachtet - werden. Die Vorlage erschien 1999 und gehört zu den beliebtesten Folgen der Reihe â und zu den Lieblingen der Sprecher Andreas Fröhlich und Oliver Rohrbeck. Damit setzt DĂŒnschede seinen zuletzt beschrittenen Weg fort. Nach einem neu geschriebenen Fall zum Auftakt hat er sich sukzessive besonders beliebten bzw. prestigetrĂ€chtigen FĂ€llen gewidmet: einem Klassiker (Karpatenhund) und der ersten groĂen dreiteiligen JubilĂ€umsfolge Nummer 100 (Toteninsel). [Ab dann wurden alle 25 Folgen ein Sonderfall gefeiert (Feuermond, Geisterbucht, Schattenwelt, Feuriges Auge) und in 12 Folgen wird mit Nummer 250 wieder eine solche Folge erscheinen.]
Nach einem Ausflug zu einem Filmset in Transsylvanien und einem Einsatz in einer Wohnanlage in Rocky Beach verschlĂ€gt es die drei Ermittler (entgegen ihrer Urlaubsplanung) nach Mikronesien, auf eine gefĂŒrchtete "Toteninsel" und mitten in die Machenschaften einer Geheimorganisation â der Sphinx, einem archĂ€ologischen Geheimbund mit dem Lebensstil eines Indiana Jones (woran nicht nur die Eröffnungsszene erinnert). Justus stĂŒrzt sich begeistert in die Ermittlungsarbeit, Peter wehrt sich entschieden - aber erfolglos um dann auf ein Schiff voller Kriminelle zu geraten und Bob entpuppt sich als eine ungeahnte Geheimwaffe â ebenso wie seine neue Rollstuhl-Freundin, die Hackerin Yelena. Der Verweis auf Indiana Jones ist vielfach angebracht. Abgesehen vom Intro der Produktion lĂ€sst sich der Regisseur bei den Abenteuerszenen im Dschungel immer wieder von diesen Bildern leiten â auch wenn der Dschungel punktuell doch frappant nach Studioaufbau aussieht. Doch das ist unerheblich, handelt es sich doch um ein Werk der Fiktion und somit soll die Vorstellungskraft des Zuschauers dennoch ein bisschen mitspielen. Die Auflösung des zunĂ€chst ĂŒbergroĂ scheinenden Abenteuers ist fĂŒr den erwachsenen Zuschauer eventuell etwas vereinfacht (gegenĂŒber der Hörspielvorlage) aber bietet dennoch alles, was ein guter Kinderfilm braucht: Spannung, Witz und konsequente Figurengestaltung.
Das Trio ĂŒberzeugt beim dritten Auftritt auch als Gruppe mehr als zuvor und die enge Freundschaft wird mit jedem Teil glaubhafter â dennoch scheinen die Kollegen von Peter Ă€uĂerst zuversichtlich, als er auf einem Schiff mit Kriminellen ins Ungewisse fĂ€hrt. Die inhaltlichen FĂŒgungen gegen Ende nehmen schicksalhaft gesteuerte ZĂŒge an, aber all diese MĂ€ngel sind Wahrnehmungen eines erwachsenen Zuschauers und Hörers von einer Vielzahl der Hörspiele, deren Mechanismen irgendwann doch offensichtlich werden. Dennoch ist der Kinobesuch in diesem Fall lohnenswert â fĂŒr neue, alte und graduell in ihrer Begeisterung variierende Fans der Reihe â und auch fĂŒr Kinder, mit SpaĂ am Abenteuer und Interesse an der Ermittlungsarbeit von den Erwachsenen in wesentlichen ĂŒberlegenen Jung-Detektiven. Wer den gröĂten Zuschauer-Anteil ausmachen wird ist noch fraglich...    Â
Er lebte in einem feindlichen Land, kannte seinen Feind besser als sich selbst und war sich nur als Feind seines Feindes Freund. Er musste immer wieder aus der Haut fahren, in die Haut eines anderen, unter der er nicht bleiben konnte. Immer das GlĂŒck ein kurzes GlĂŒck. Immer der SchweiĂ getrocknet nach der Hitze. Er lebte und liebte immer in Feindesland.
Albert Ostermaier: die liebe geht weiter. roman mit pasolini (S. 113)