Schon jetzt eine LĂŒcke gerissen - Zum plötzlichen Tod von Glen Hansard
KĂŒrzlich spielte ich noch mit dem Gedanken einen Punkt meiner âKonzert-Wunsch-Listeâ abzuhaken und am 9. Oktober ein Konzert von Glen Hansard in der Johanneskirche in DĂŒsseldorf zu besuchen. Heute steht fest, dass dieser Punkt meiner Liste niemals erfĂŒllt werden wird. Nur 56 Jahre Leben waren dem irischen Singer-Songwriter oder auch letztem Barden (nach der EinschĂ€tzung des fachkundigen Tontechnikers Crosby Braverman in Parenthood) unserer Zeit vergönnt. Hansards nonchalanter Auftritt in besagter Dramedy-Serie ist ein Beispiel fĂŒr die AuthentizitĂ€t wie Vielfalt seiner Arbeit und das erstaunliche Talent in all dem Trubel der Pop-Kultur und seiner im groĂen Ambitus schwingenden PopularitĂ€tswelle ganz auf dem Boden zu bleiben. Solche Phrasen werden nach dem Ende eines kĂŒnstlerischen oder auch in der Ăffentlichkeit stehenden Lebens zur GenĂŒge breitgewalzt, aber dennoch mĂŒssen sie an dieser Stelle angemerkt werden. Anders lĂ€sst sich Glen Hansards Leben als Berufsmusiker nicht in Worte fassen. Das das Konzert planende New Fall Festival reagierte sofort auf die Todesmeldung und postete folgenden Beitrag im - ansonsten unbedingt zu meidenden Social Media Urgestein - Facebook: Â
âMit groĂer BestĂŒrzung und tiefer Trauer haben wir vom plötzlichen Tod Glen Hansards erfahren. (âŠ) Wer ihm begegnet ist, wird seine besondere Ausstrahlung nicht vergessen. Er hatte eine PrĂ€senz, die einen Raum sofort erfĂŒllte â auf der BĂŒhne ebenso wie im persönlichen GesprĂ€ch. Mit Glen haben wir besonders gerne ĂŒber gesellschaftliche Fragen gesprochen. Wir haben nicht nur seine Musik geliebt, sondern vor allem seine Haltung geschĂ€tzt. Er war ein Mensch, der seine Bekanntheit und seine BĂŒhne nicht nur fĂŒr sich selbst nutzte. Er sprach ĂŒber Themen, die ihm wichtig waren, und bezog Position; auch dann, wenn diese unbequem war. Diese Aufrichtigkeit, sein MitgefĂŒhl und sein wacher Blick auf die Welt haben uns tief beeindruckt. Beim diesjĂ€hrigen New Fall Festival hĂ€tte er in der ausverkauften Johanneskirche gespielt. Dass wir Glen erneut [nach 2017] eingeladen haben, war auch fĂŒr uns ein Herzensanliegen. Wir wollten ihn unbedingt wiedersehen, mit ihm sprechen und noch einmal einen dieser besonderen Abende mit ihm erleben. (âŠ) Glen war ein auĂergewöhnlicher Musiker und Songwriter. Doch fĂŒr uns war er weit mehr als das: ein warmherziger, aufrichtiger und zutiefst empathischer Mensch, der andere mit seiner Musik, seiner Haltung und seiner Persönlichkeit berĂŒhrt hat. (...) Glen, danke fĂŒr die gemeinsamen Momente. Danke fĂŒr deine Musik, deine Haltung und deine WĂ€rme. Danke, dass du unsere Herzen und die Herzen so vieler Menschen berĂŒhrt hast. Euer New Fall Festival Teamâ (Post vom 29. Juli)
Wie viele andere Menschen auch lernte ich die Musik des Gitarristen, Rockmusikers, Filmkomponisten und ehemaligen StraĂenmusikers durch den Oscar-prĂ€mierten Low-Budget-Film Once vom einstigen Musikerkollegen John Carney kennen. Unter RĂŒckgriffen auf das Leben seines Hauptdarstellers, Komponisten und Freundes Glen Hansard erzĂ€hlt er eine wunderschöne Liebesgeschichte ohne falsche Happyend-Versprechen oder Kitsch, verortet im kalten Dublin. Im Mittelpunkt der Handlung steht klar die Musik als Ausdrucksmittel, Kommunikationsform und Verarbeitungsmodell von zwei sehr unterschiedlichen Trennungssituationen. EinprĂ€gsame Melodien, gefĂŒhlvolle aber poetisch wahre Texte, ein beherzter Gesang (der sich nicht viel um Technik oder Reinheit scherte), ein Changieren zwischen Zerbrechlichkeit und aus dem Leib gesungener Wut und â ganz entscheidend - ein vorrangig akustisches Instrumentarium bestimmen den Sound der Tracks fĂŒr Once.
Ebenso lĂ€sst sich Hansards Schaffen zwischen feinem Songwriting als SolokĂŒnstler und purer Energie im Bandverband verorten. Hansard war mehr Epigone denn VisionĂ€r, aber dennoch ist sein Stil stets klar der seine gewesen und seine Stimme sofort als diese zu erkennen. Er lieh sich allenfalls ErzĂ€hlmotive und ein musikalisches Erbe seiner geschĂ€tzten VorgĂ€nger und fĂŒgte sie zu seinen eigenen Kompositionen zusammen. Angereichert mit einer erschĂŒtternden Direktheit und Tiefe, Melancholie und unerschĂŒtterlicher Hoffnung, Traurigkeit und Wut â eben allem was einem im Leben an GefĂŒhlen begegnet.Â
2026 war er den Frames schon weit (und lange) enteilt, zur Eigenmarke geworden und anders als Ed Sheeran nicht dem Pop-Ruhm verfallen. Das in Once und im Privatleben viele Jahre verbundene irisch-tschechische Duo MarkĂ©ta IrglovĂĄ und Glen Hansard, auch bekannt als The Swell Season, fand 2025 nach 16 Jahren fĂŒr ein drittes Album wieder zusammen ins Studio und auf die BĂŒhnen Europas. Doch die Momentaufnahme des Oscar-Wunders aus Dublin konnten sie nie wieder herstellen. Zwischen dem zweiten Swell Season-Album (2009) und der Reunion 2025 war Hansard aber keinesfalls tatenlos. Neben weitern Filmprojekten (darunter mit Can a song save your life? ein weiterer Musikfilm vom unermĂŒdlichen John Carney).
Hier ein Blick auf die nackten Produktionszahlen einer viel zu kurzen Karriere:Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â
1992-2006: 6 Studioalben mit The Frames
mit The Swell Season:
2006: The Swell Season
2009: Strict Joy
2025: Forward
Als Solo-KĂŒnstler:
2012: Rhythm and Repose
2015: Didnât he ramble (mit Brass Band)
2018: Between two shores
2019: This Wild Willing
2023: All that was east is west of me now
April 2026: Donât Settle (1) â Transmission East
Juni 2026: Donât Settle (2) â Transmissions West
Das letzte Werk wird nun ein zweiteiliges Live-Album bleiben, aufgenommen im Funkhaus Berlin vor 600 Fans und eine Reise durch das Wirken des Ausnahme-Musikers und zugleich dem Bewahrer einer Folk-Tradition, wie es sie wohl nicht mehr ewig als gelebte Praxis geben wird. Von Blasinstrumenten ĂŒber Streichersets und das immer wieder wichtige Klavier erklingen reale Instrumente, ohne der Elektronik abzuschwören. Aber die Kraft liegt in den Songs, den Texten und Melodien, und Glen Hansards Persönlichkeit, nicht in Technik und Effekten. Was als Bestandsaufnahme geplant war, ist nun das musikalische Schlusskapitel eines eine groĂe LĂŒcke reiĂenden Musikers und Menschen geworden. Die Veröffentlichung der Filmaufnahmen dieser âletztenâ Session wird das Trauern weiter aufrechterhalten.
Bei der groĂen öffentlichen Trauerfeier spielten seine einstigen Bandkollegen in Dublin gemeinsam mit seiner Swell Season-Partnerin IrglovĂĄ und Eddie Vedder. Bono war auch unter den GĂ€sten. Ein weiterer Beleg fĂŒr die PopularitĂ€t und deren geringe Auswirkung auf die musikalischen Entscheidungen (von auĂen betrachtet zumindest). Ăhnlich wie bei verstorbenen Rock-Ikonen der Vergangenheit erwies man Hansard am 4. August eine groĂe Erinnerungsstunde voller Prominenz und echt scheinendem Bedauern wie Unglauben ĂŒber den plötzlichen Verlust. In den Statements fĂ€llt auf, das Musiker und Mensch gleichermaĂen bedacht und erinnert werden. Das Team des New Fall Festivals ist da ein reprĂ€sentatives Beispiel fĂŒr den Tonfall und Stil des Erinnerns im Moment des Schocks.
Glen Hansard hat die KonzertbĂŒhne viel zu frĂŒh verlassen - und UnfĂ€lle hinterlassen immer einen besonders bitteren Beigeschmack des unverschuldeten UnglĂŒcks. Doch seine Stimme wird zumindest auf TontrĂ€gern, Filmbildern und in Erinnerungen vieler Fans, Freunde und seiner Familie bleiben. Viele seiner Texte wĂŒrden sich hier zum Ausklang des Textes eignen. Doch angesichts des tragischen Endes sollen hier die Worte aus Say it to me now (Once-Soundtrack) zu lesen sein:
Scratching at the surface now And IâČm trying hard to work it out And so much has gone misunderstood And this mystery only leads to doubt And I didn't understand When you reached down to take my hand And if you have something to say YouâČd better say it now (...) âČCause IâČm picking up the message, Lord And I'm closer than IâČve ever been before So if you have something to say Say it to me now Just say it to me now












