Er hing am Lenker Day 26 quarantine
Das schönste auf der Welt ist die Liebe.
Überall versteckt sie sich. Bei einem Menschen, den man auf der Strasse trifft ist sie in seinen Augen.
Man hat sich lange nicht gesehen, ausserdem ist man ungeduscht und wollte „nur mal kurz“ was besorgen. Sprich, man denkt, man sieht furchtbar aus. Gottseidank trägt man eine Mütze, auch wenn es offensichtlich zu warm dafür ist.
Und so steht man voreinander und redet irgendwie wie immer, halb miteinander oder aneinander vorbei.
Er redete mehr mit mir, als ich mit ihm, erklärte mir, was er meinte und blickte hinter meine Anmerkungen mit noch mehr Antworten. Ich hingegen schaute ihm kaum in die Augen, weil ich eben dachte, ich sehe absolut müde und verschlafen aus - mit meiner Wollmütze. Ihn schien das gar nicht gross zu interessieren, wie ich aussah, er musterte mich nicht und wenn, dann versteckte er es gut.
Ich wollte nicht über mich sprechen, ich mochte es noch nie, anzupreisen, was man „gerade so machte“. Während ich kommentierte, was er machte, merkte ich, wie wortgewandt er war, im Gegensatz zu mir. Manche Menschen sind wirklich wortgewandt. Das viel mir immer wieder auf. So konnte er bildhaft und mitreissend erzählen, benutzte dabei viele Worte, von denen aber keines überflüssig wirkte.
Und irgendwann schaute ich ihm doch in die Augen, das nebeneinander herumstehen langweilte mich, ausserdem wusste ich nicht, wie lange diese Unterhaltung gehen würde. Er hatte es sich sehr gemütlich gemacht auf seinem Lenker und ich wechselte zwischen den Beinen hin und her von gerade zu schräg, wieder zu beiden Beinen gerade, was mich aber steif fühlen liess, während die andere Haltung mir Rückenschmerzen bereitet. Es war früh morgens und ich hatte mich ausgesperrt. Ich wollte nur kurz zum Bäcker, Pulli drüber, irgend ne Hose, Mütze , aufschliessen, Schlüssel in den Korb geworfen, im Flur, Tür zugezogen, da war ein Schritt verwechselt worden mit Reinkommen in die Wohnung versus Rausgehen: Das Werfen des Schlüssels in den Korb.Ich merkte, als ich aus der Haustür war, dass ich keinen Schlüssel hatte, auch kein Handy, nur Geld. So lief ich im Halbschlaf die Strasse herunter zu Adam und Eva, denen ich einen Ersatzschlüssel gegeben hatte. Das dachte ich zumindest. „Hallo Julia!!!“ So in etwa ertönte es irgendwo um mich herum mit einem lang gezogenen A und Energie in der Stimme.
Als ich im also in die Augen schaute, er hat blasse hellblaue Augen, die plötzlich zurückhaltender wirkten als sonst, fast unsicher, erinnerte ich mich, wie uns irgendetwas verband und ich wusste nie was es war. Das machte auch nichts, es war gar nicht wichtig. Es war einfach nur schön. Irgendwann war die Unterhaltung dann zu Ende, ich hatte mich wacker geschlagen und das Blatt gewendet mit Interesse zu seinen Sachen. Seine Tochter studierte jetzt Psychologie, er putzte noch die Fenster. Mit Seilen hing er ganz oben an den großen Fenstern irgendwo in Berlin, ein Outdoor-Fensterputzer. Er machte jetzt einen Podcast und ein Youtube-Format für Dokus, so wie „VICE damals“ sagte er. Ich musste lächeln.
Als er weg war, merkte ich, dass ich vergessen hatte, ihm zu sagen, dass Jonas nicht mehr lebte. Wir hatten uns alle zusammen kennen gelernt, damals, am 1. Mai 2014 mit Kameras in den Händen auf dem Wagen der „radikalen Linken“. Er und Jonas hatten sich sehr gemocht. Beide wollten das gleiche von und in der Welt und Beide hatten diese Energie, diese Lebensenergie. Damals. Bevor.
„Ich hab da noch diesen Film in Gaza“ sagte er, als er schon fast in die Pedalen seines Mountainbikes trat. Das war eine Doku, die er gerne mit mir zusammen gemacht hätte. Als wir einmal in seiner Küche standen, kam damals 11-jähriger Sohn dazu, schaute uns an, sagte nichts, wie aus dem nichts plötzlich “Mein Vater hat schon eine Frau”. Ich erinnerte mich, dass ich damals nicht verstand, warum er das sagte. Keine von uns sagte etwas, dann nahmen wir das Gespräch wieder auf, es war kein vertrautes Gespräch, wir sprachen doch sowieso über die Arbeit. Da war doch nichts. Aber es stimmte nicht. Da war etwas was, aber was, das wusste ich nie. Auch heute nicht.
“Ja” sagte ich “Ich zeig Dir mal mein footage von den Anarchisten Kids”. Unsere Sachen werden wir uns vielleicht nie zeigen. Aber das macht nichts.
Insgeheim liebte ich es, Menschen zu treffen, wenn ich mich vor der Welt zu verstecken versuche. Vor allem, wenn es Menschen sind, die wie aus dem Nichts, plötzlich herauf tauchen. Und es ist fast alles wie immer. Nur in neu.