Weisheit (2 Minuten Lesezeit)
Oh, zuckersüße Begierde, Versuchung des mir nicht Zustehenden, was stellst du mich auf die Probe, was labst du dich an meiner schwindenden Resistenz? Was versprichst du mir hier, welche ungerechtfertigte Bevorteilung meines Geistes gegenüber dem meiner Mitmenschen?
Ich betrachte dich nachdenklich, zerrissen ob deines Angebots. Ihr sprechenden, intelligenten Dinge, keinem von euch traue ich auch nur halb über den Weg. Dennoch nehme ich den Hammer, wie von dir suggeriert, zur Hand.
"Nun schlag schon zu, hau ihn mir auf den Kopf!" Doch ich lege den Schlegel verunsichert wieder vor mir auf dem Tisch ab, rechts neben das alte, vergilbte Buch, über dem meine linke Hand dich in Position hält. Skeptisch rolle ich deinen dünnen Körper zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Deine Stellung mitten über dem Einband, mit der Spitze nach unten, behalte ich zunächst bei.
Dein Kopf glänzt im Schein der Schreibtischlampe, die sich (ganz ungewöhnlicherweise) mal mit dummen Ratschlägen zurückhält. Auch der Hammer hat sich schweres Schweigen auferlegt.
Doch mit aalglatten Worten wiederholst du dein Angebot, stahlgeschmiedeter Nagel. Ich weiß, dich dürstet nach Weisheit, wie allen intelligenten Dingen. 273 Seiten, mühevoll zusammengetragen, nächtelang niedergeschrieben, zigfach überprüft, korrigiert und zum Buch gebunden. Du willst diese Weisheit mit einem Schlag durchdringen, und ich soll dir bei diesem perfiden Unterfangen helfen.
Aber kann ich dir trauen? Wirst du das gewonnene Wissen auch tatsächlich mit mir teilen, wird auch mich die Weisheit dieses Buches erhellen?
Ein Schlag, ein Treffer - .. fast jedenfalls.
Den Hammer etwas zu schräg geführt, rutscht die Spitze des Nagels über den glatten Einband hinweg, findet meinen Handballen. Vor Schmerz lasse ich den Hammer fallen, der freut sich und grinst in sich hinein.
Die Erinnerung an den Nagel werde ich noch eine ganze Weile pflegen - und meine Hand wohl auch.
Aber ich habe ihm zu danken. Für die Weisheit. Für nichts, als die Weisheit.