März 2017
Distraction-Free Unfug
In der Mediathek der Theater-, Film- und Medienwissenschaften steht im Sichtungsraum ein sehr alter Computer. Er wurde 1996 als einer der ersten Computer der Mediathek überhaupt angeschafft, und sein einziger Zweck in den letzten 20 Jahren war es, den Mediathekskatalog (in Form einer Filemaker-Datenbank) den Studierenden digital zur Verfügung zu stellen. Als ich gerade eigentlich eine Hausarbeit schreiben müsste, stattdessen aber keine Hausarbeit schreibe, fällt mir der Computer ins Auge, und ich bekomme die Vision des ultimativen «distraction-free» Schreibens: Ein Computer mit Windows 95 ohne Internet, nur mit Office und einer großen klackenden Tastatur. Die nächsten Tage und Wochen verbringe ich nicht mit meiner Hausarbeit, sondern mit dem Einrichten eines Arbeitsplatzes für die Hausarbeit.
Da ich gegenĂĽber der Mediathek die Astro-Lounge mit betreue – einen Ort, an dem Videospiele und Spielekonsolen gesammelt und den Studierenden fĂĽr SpaĂź- und Forschungszwecke zur VerfĂĽgung gestellt werden – habe ich einen gut klingenden Grund fĂĽr mein Tun, nämlich dass wir endlich die alten Windows-Spiele auf einem zeitgenössischen Gerät erfahrbar machen können. Und da ich einerseits eine groĂźe Neigung zu alten Computern habe und andererseits an ungefähr dieser Hardware meine ersten Erfahrungen im Computer-Basteln gesammelt habe, investiere ich mit viel Freude viel Zeit in das Gerät. Dass ein extra den Spielen gewidmeter PC den Gedanken der Ablenkungsfreiheit minimal untergräbt, ignoriere ich.Â
Auf dem Computer läuft Windows 95a, die Version, die weder USB noch Festplatten mit mehr als 2 GB unterstĂĽtzt. Es gibt keine Soundkarte, 16 MB Arbeitsspeicher und der Pentium-I-Prozessor ist mit 166 Mhz getaktet. Das Diskettenlaufwerk ist defekt. Nachdem ich den Grundgedanken der Abgeschiedenheit wahren möchte, kommt ein Netzwerk-Anschluss nicht in Frage. Alle neuen Daten mĂĽssen also ĂĽber Diskette oder CD in den Computer rein. Zuerst installiere ich eine 160-GB-Festplatte, die mein Bruder noch daheim rumliegen hat und erstelle in der DOS-Kommandozeile eine primäre und eine sekundäre Partition mit jeweils 2 GB, mehr ist nicht möglich. MĂĽhsam erinnere ich mich wieder an die Master-/Slave-Regeln des IDE-Anschlusses, irgendwann funktioniert es. Wie auch frĂĽher blute ich nach dem AnschlieĂźen im engen, scharfkantigen Gehäuse irgendwo an der Hand. Ein Diskettenlaufwerk liegt noch in einem alten Lagerraum, es funktioniert. Ich beschlieĂźe, die wohl 1996 installierte Version von Windows beizubehalten. Auf ebay kaufe ich eine Grafikkarte, immerhin soll es ja ein Gaming-PC sein. Ich erinnere mich an das GroĂźereignis, als mein Vater damals eine Elsa Erazor III mit 32 MB Grafikspeicher gekauft hat und suche etwas Ă„hnliches, da der Computer aber noch kein AGP hat, wird es nur eine Elsa Synergy 8. Der Gedanke, eine Grafikkarte einer deutschen Firma zu kaufen, gefällt mir. Aus einem anderen ausrangierten Computer klaue ich eine Soundkarte.Â
Von einem alten Firmenrechner meines Vaters besitze ich noch ein USB-Disketten-Laufwerk, und in der Mediathek gibt es stapelweise alte Disketten. Zum einen möchte ich Treiber, aber auch Spiele wie Siedler II oder Anwendungen WinAmp installieren. Ich lerne, wie man am Macbook in der Kommandozeile ZIP-Dateien in Parts von 1,4 MB aufteilt und bin froh, dass WinRAR unkomprimiert auf eine Diskette passt. Der Sound-Treiber ist im Internet zu finden, aber ĂĽber das Mainboard findet sich kaum etwas und zu meinem groĂźen Erstaunen ist der Grafiktreiber ein groĂźes Problem. Elsa ist so oft verkauft worden und insolvent geworden, dass es keinen zentralen Ort fĂĽr Treiber gibt. Nach vielen Versuchen finde ich einen Treiber, der halbwegs funktioniert, Spiele kann man spielen, nur die Auflösung lässt sich nicht mehr ändern. Da die neue Grafikkarte aber 3D-Beschleunigung hat, geht der DOS-Modus von Windows nicht mehr, wodurch das mĂĽhsam auf viele Disketten verteilte Siedler II schon wieder nutzlos wurde.Â
Zur Bauzeit des Computers wurde Arbeitsspeicher gerade auf SDRAM umgestellt. Obwohl diese eigentlich laut Spezifikation bezĂĽglich der Taktung abwärtskompatibel sind, erkennt das Mainboard meine Riegel nicht. Erst als ich auf ebay (im dritten Versuch) einen exakt baugleichen Speicherriegel finde haben wir endlich 32 MB und einen merklichen Geschwindigkeitszuwachs. Ăśberhaupt fährt der Computer deutlich schneller hoch als der neue Windows-10-Computer, der daneben steht, und auch das sonstige Bedienen fĂĽhlt sich flĂĽssig und angenehm an.Â
In den Schubladen der Mediathek gibt es noch eine Version von Office 4.3, eine Version, die ich nur mal auf einem Windows 3.1-Computer gesehen habe. Die PowerPoint-Vorlagen erobern mein Herz durch ihre Hässlichkeit, ich nehme mir vor, meine nächste Präsentation mit ihnen zu bestreiten.
Um die am Computer geschriebenen Texte aus dem Computer herauszubekommen, muss ich sie auf Diskette ziehen. Die .doc-Dateien von diesem alten Word kann Pages am Mac aber nicht verstehen. Hier gebe ich natĂĽrlich nicht auf, sondern virtualisiere die älteste Windows Version, die die Guest-Tools unterstĂĽtzt auf Virtual Box (Windows NT 4.0) auf meinem Macbook, und installiere dort ebenfalls Office 4.3. Zwei Zusammenfassungen von Foliensätzen habe ich so bereits gemacht, allerdings braucht man dafĂĽr eigentlich einen zweiten Bildschirm, damit also einen zweiten Computer, und hat so doch wieder einen ganz normalen Computer mit Internet laufen. Aber darum ging es ja auch eigentlich nie wirklich.Â
(Franz Scherer)














