Und Nietzsche weinte nicht. Projektion eines kurzen Verliebtseins
Er war nicht mein Typ, er war meine Herausforderung
Wir hörten Free Jazz, das hatte er so beschlossen, und besserten die Badewanne seiner Seitenstraßenaltbauwohnung aus. Das ist Re-Maille, sprach er, auf das antik aussehende Tippexfläschchen deutend. Das repariert die Emaille. Das sieht man hinterher gar nicht mehr.
Manchmal waren wir bei mir. Ich saß, in Ermangelung anderer Ruhemöbel, im Bett und blätterte ratlos in Büchern. Er saß in Breitcord hinter meinem Schreibtisch wie ein frühvergreister Professor und roch verwirrend männlich nach teurem After Shave. Schnee ist weiß, wenn Schnee weiß ist rezitierte er, sich die Haare raufend. Le soleil est froid, kam mir in den Sinn, das hatte ich neulich gelesen, ich wusste nicht mehr, ob es Derrida war oder Rafael Horzon oder vielleicht Derrida in Rafael Horzons semifiktiver Erinnerung. Ich musste kichern, während ich zwei Knöpfe meiner Bluse öffnete. Fast empfand ich ein wohliges Gefühl dabei, das Klischee des samtigen, wartenden Weibchens zu erfüllen, der Weg war vorgezeichnet, die Spielregeln klar, ich war Eva und meine einzige Sorge galt der zeitnahen Verführung.
Du bist so solipsistisch, befand er, mich unter dichten Wimpern musternd. Es war mir nicht ganz klar, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung sein sollte, doch ich verschob diese Überlegung auf später und küsste ihn, er schmeckte nach Weißwein und Geheimnis, wir umarmten uns, ich fühlte seinen Kaschmirpullover und feierte ekstatisch meinen ganz persönlichen Sturm auf die Bastille.
Dir fehlt der intellektuelle Furor
Ich werde teure Hemden tragen und in Rom auf meinem Balkon stehen und auf die goldene Stadt blicken und meine Frau wird backen und kochen und ich werde sie dafür lieben, dass sie es leidenschaftlich tut, ich werde mittags Fasan essen und dann zur Universität spazieren.
ich bemühte mich, eine Leidenschaft zu finden und die Welt nicht nur durch meine Augen zu betrachten, ich versuchte, mich für Kochrezepte und Fremdsprachen zu begeistern, aber je mehr ich mich anstrengte, umso weniger gelang es mir.
Wir standen an der Straßenbahnhaltestelle und hatten uns nichts zu sagen, der Regen tropfte auf meine gelbe Öljacke und gegenüber blinkte mahnend das kaputte Copyshopschild, hier sollte ich mit wildem Willen antike Texte fotokopieren und sie atemlos nach Hause tragen, doch meine einzige Regung war grenzenloser Überdruss ob des chemischen Geruchs und des ewigen Summens der Geräte.
Erst Nietzsche, dann Sex und dann kochen wir eine Chilisuppe, eine, die schon vor dem Essen brennt, denn Leidenschaft beginnt beim Umrühren.
Er las Platon im Original, kannte alle Hauptstädte auswendig und träumte von Gedichten.
Auf den Straßenbahnschienen die rote Sonne. Ich tauchte Gratiskekse in meinen Kaffee, eine Übersprungshandlung, ich brauchte dringend Interessen, echte Interessen.
ich will keine Freunde, weil ich sie mag, sondern um mich zu reiben, sprach er, zu streiten, zu wachsen, ich will unangenehme Fragen stellen und Rum trinken und alleine auf dem Gehweg einschlafen, nett ist für mich keine Kategorie.
Draußen schien die Februarsonne und die Amseln drehten durch, drinnen saß ich in Unterwäsche auf den Dielen und zeichnete Säulen, dorisch, ionisch, korinthisch. Wir könnten Spazierengehen, schlug ich vor, doch er blickte nur kurz traurig von seinen Notizen auf und fragte: interessiert es dich denn so wenig, was du liest?
Drei Wochen später fuhren wir in seine Heimatstadt, zufällig, getrennt voneinander. Er wollte seine Großmutter besuchen, ich meine Freundin. Hast du ein Bild von ihm, fragte sie neugierig, während wir Marshmallows über dem Feuerzeug rösteten und schwarzen Tee tranken. Nein, sagte ich, aber ihr werdet euch kennenlernen, übermorgen, da werde ich ihn mitnehmen, dann gehen wir was trinken.
Ich wusste selbst nicht genau, wie ich das finden sollte, doch es waren ja noch zwei Tage hin, draußen schien die Sonne und ich war nicht allein, das würde sich schon fügen.
Am nächsten Tag bestellte er mich in ein rosarotes Kaffeehaus, das genauso hieß wie eine Kreuzfahrtlinie und von ebensolchen Menschen bevölkert war, Echtpelz neben Dauerwelle, schon seit 50 Jahren blätterten dieselben verblichenen Menschen in ihren Zeitungen, zogen sich die Lippen nach und aßen pinke Pralinen.
Ich rührte in meinem großen Espresso und sah zu, wie er, mir gegenüber sitzend, Dinge sagte, die ich nicht verstand, er sprach von Kunst und Sehnsucht und großer Literatur, von Triptychen und Koryphäen und dass er alleine sein müsse.
Hinter uns war die gesamte Wandbreite verspiegelt, ich sah ihm dabei zu, wie er sich beim Sprechen beobachtete, wie er von Italienreisen fabulierte und selbstgewählter Einsamkeit.
In mir breitete sich ein Schmerz aus, der sogleich von noch größerer Unlust überlagert wurde, die alten Damen murmelten leise, die alten Herren polierten ihre Brillengläser, die Bedienungen zählten Kleingeld.
“Na dann ist das wohl so", hörte ich mich sagen. Ich leistet keinen Widerstand, wir zahlten getrennt und gingen noch ein Stück zusammen, die Sonne schien auf die hellen Treppen des Domeingangs und Strumpfwarengeschäfte bestückten die Schaufenster neu.