Der Verstand fĂŒhrt in die Irre. Ein Irrgarten aus Gedanken. Wir sehen ihn, gehen hinein. Lassen uns verleiten. Erkennen, wie sie sich verlieren.
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Der Verstand fĂŒhrt in die Irre. Ein Irrgarten aus Gedanken. Wir sehen ihn, gehen hinein. Lassen uns verleiten. Erkennen, wie sie sich verlieren.

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Ich suche immer wieder nach einem Ausweg, um mir selbst und der RealitÀt zu entkommen - nur um mich dann doch irgendwie im eigenen Verstand zu verirren.
Ich hatte mich noch lÀngst nicht zu Ende verirrt.
Georges Bataille: âDas Blau des Himmelsâ, S. 125
26. Februar 2005
Durch Ahnungslosigkeit geraten wir in Gefahr, durch Technik wieder heraus
âOn any extended trip away from the Highway it is wise to tell someone back home your exact itinerary and expected return date. Your safety in Algonquin Park - as anywhere else - is ultimately your own responsibility.â
Der Algonquin-Park. Wir wissen nicht, warum wir hier sind und was das alles soll, aber mal sehen. So oder sehr Ă€hnlich erklĂ€ren wir es dem ParkwĂ€chter, der misstrauisch nach unseren PlĂ€nen fragt, wobei man sein Misstrauen verstehen kann, denn vor ihm stehen Menschen mit einer Landkarte, die ungefĂ€hr zehn mal zehn Zentimeter groĂ ist. Letzlich lĂ€sst er uns gehen, denn sollten wir erfrieren, wĂŒrden Jahre vergehen, bis man uns findet, und bis dahin ist er in Pension. DafĂŒr haben wir gesorgt, indem wir bei unserer Abreise in Toronto auf die Frage nach unseren PlĂ€nen die prĂ€zise Angabe "we don't know yet, but certainly not Niagara Falls" hinterlassen haben. Es gibt im Algonquin drei Sorten Trails, sagt unser Faltblatt: FĂŒr einige braucht man Wochen, fĂŒr andere wenige Minuten, und ein einziger ist wirklich brauchbar. Er heiĂt âMizzy Lake Trailâ, sein Leitmotiv: âWildlifeâ, seine LĂ€nge: 11 km. Ăbrigens: Im Algonquin-Park leben etwa 200 Wölfe. AuĂerdem 2.000 BĂ€ren, aber die liegen jetzt natĂŒrlich im Winterschlaf.
âFor safety reasons, trail users should ensure they allow enough time to be off trails in daylight hours.â
Wir parken am Anfang des Mizzy Lake Trail und fotografieren noch schnell fĂŒr alle FĂ€lle die Karte:
Aus der Tatsache, dass auf diesem Foto die Reflektion eines Blitzlichts zu sehen ist, hĂ€tten umsichtigere GemĂŒter vielleicht irgendwelche SchlĂŒsse gezogen. âAllow 6 hours to do it properlyâ heiĂt es neben der Karte. Wir lachen. Sicherlich sind damit Rentner mit Gehhilfen gemeint. Der Weg ist zwar nur knapp einen halben Meter breit, aber dafĂŒr schön festgetrampelt. Tritt man daneben, bricht man prompt bis zur HĂŒfte ein. Aber wir treten natĂŒrlich nicht daneben. Noch nicht.
âOn day trips you should always keep careful track of the time and your progress. Especially on longer trips, you should always advise somebody where you are going and for how long. As sensible precautions you should carry a first aid kit, waterproof matches, spare socks and wool mittens, an extra sweater or vest, a spare ski tip, electrical tape, and a small piece of wire or nylon cord to repair poles or bindings. You can easily carry all of these items in a small day pack along with your lunch and thermos.â
Der Weg schlĂ€ngelt sich durch WĂ€lder und an zugefrorenen Seen entlang und ist dabei ĂŒberall tadellos auffindbar und hervorragend markiert. Bis auf eine Stelle, an der er sich gabelt. Diese Stelle ist auf der Karte eingezeichnet und bezeichnet den Beginn einer Abschweifung, die hin und zurĂŒck etwa drei Kilometer lang ist und nirgendwohin fĂŒhrt, das aber bergauf. NatĂŒrlich erinnern wir uns nicht mehr an die Karte und halten es auch nicht fĂŒr nötig, sie zu Rate zu ziehen, denn rechts ist schlieĂlich die gut sichtbare blaue Markierung. Wir halten uns rechts und erkennen den Irrtum genau am Ende der Sackgasse. Zum ersten Mal kratzen wir uns am Kopf und machen "Hm!". Aber nur sehr kurz, denn wir sind schnell wieder zurĂŒck, fĂŒhlen uns hervorragend, höhnen ĂŒber Robert F. Scott, und der Sonnenuntergang hier in der Wildnis sieht phantastisch aus. âSonnenuntergang?â âHm!â
âAlgonquin in Winter: At night you have the possibility of hearing the wild howls of wolves beneath star-studded skies.â
Auf diesem Bild ist die Sonne gerade untergegangen. Das beunruhigt uns nicht weiter, denn links neben dem Bildausschnitt steht ein Pfahl mit der Aufschrift â9âł. Wir befinden uns also bei Kilometer 9 von 11 und es sind noch zwanzig Minuten bis zum Auto. So glauben wir jedenfalls, denn wir werden erst im Laufe des nĂ€chsten Tages begreifen, dass es sich bei diesen Markierungen um Hinweise auf durchnummerierte SehenswĂŒrdigkeiten entlang des Weges handelt. Davon können wir auch nichts wissen, denn die Handzettel mit ErklĂ€rungen, die normalerweise in FĂ€chern unterhalb der Karte am Einstieg angeboten werden, gibt es nur im Sommer. Selbst wenn wir wĂŒssten, dass wir zu diesem Zeitpunkt tatsĂ€chlich erst zwei Drittel der Strecke zurĂŒckgelegt haben, wĂ€ren wir nicht sonderlich beunruhigt. Was soll uns schon passieren? Wir besitzen eine Taschenlampe, ein GPS-GerĂ€t, wĂ€rmende FunktionsunterwĂ€sche, GetrĂ€nke, Lebensmittel und eine Rettungsdecke (jeweils im Auto, wo auch die RucksĂ€cke liegen, in denen man das alles hĂ€tte transportieren können) sowie Winterjacken (in Toronto respektive Berlin) und wĂ€rmende FuĂbekleidung (in der NĂ€he von Fulda). AuĂerdem gibt es entlang der Strecke âEmergency Barrelsâ, deren Standort auf guten Karten des Gebiets eingezeichnet ist; natĂŒrlich nicht auf unserer. Macht auch nichts, denn wir haben einen Schokoriegel (âKitkat Peanut Crunchâ) sowie zwei bis drei Vitaminbonbons.
Es wird jetzt allmĂ€hlich dunkler, aber der Weg ist noch ganz gut zu erkennen. Das Faltblatt behauptet, daĂ die DĂ€mmerung und die ersten Nachtstunden die ideale Zeitspanne sind, um richtig wilden Tiere zu begegnen. AuĂerdem soll man sich vorzugsweise auf den speziell fĂŒr Tierbegegnungen vorgesehen Wegen aufhalten, insbesondere also auf dem Mizzy Lake Trail. Das klingt plausibel, denn Spuren von sehr groĂen Tieren gibt es hier, oh ja, auch Haare. Wir haben also alles richtig gemacht: Die jetzt undurchdringlichen SumpfwĂ€lder ringsum sind wahrscheinlich voller Leben. Aleks besitzt fĂŒnfzehn BĂŒcher ĂŒber Wölfe, aus denen er weiĂ, dass Wölfe in Wirklichkeit gar keine Menschen fressen. âWieso eigentlich nicht?â, frage ich, âsie fressen doch auch sonst alles Mögliche, z.B. Bisonsâ. â âHm.â Wir fĂŒrchten uns selbstverstĂ€ndlich trotzdem nicht, denn jetzt, wo wir langsamer vorankommen, ist uns kalt. FĂŒr diese Nacht sind minus neunzehn Grad vorhergesagt. Der Schleim in der Nase friert ein.
âEigentlich kann uns im Dunkeln gar nichts passieren.â â âHm.â â âMan merkt ja, wo kein Weg ist, weil man rechts und links davon gleich einbricht.â â âHm.â â âUnd die blauen Markierungen an den BĂ€umen mĂŒsste man wenigstens als runde Flecken erkennen können.â â âHm.â â âNur die BĂ€ume werden zum Problem.â Die Gedanken kreisen um einen Raum, irgendeinen Raum, egal wo, wichtig ist nur der Drehschalter an der Wand, den man nur nach rechts drehen muĂ, um es warm zu haben. NatĂŒrlich haben wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, ob es so einen Raum fĂŒr uns wirklich gibt. âĂbernachtung machen wir hinterher.â AuĂerdem gibt es am Parkeingang âheated washrooms that remain open 24 hours throughout the winterâ.
Man kann jetzt schon ziemlich viele Sterne sehen. Orion, erklĂ€rt Aleks, der Astronom, sei im Februar um diese Uhrzeit schon wieder im Sinken begriffen und stehe deshalb im Westen. Wir laufen also nach Westen statt nach SĂŒden und hĂ€tten eigentlich schon vor einer halben Stunde am Auto sein sollen. Das ist, gelinde gesagt, verwirrend. Sind wir etwa versehentlich wieder auf den Anfang des Wegs geraten und laufen jetzt schon die zweite Runde? Diese BĂ€ume da sehen irgendwie bekannt aus, aber so ist das nun mal mit BĂ€umen und zugefrorenen Seenlandschaften im Dunkeln. SpĂ€ter wird sich herausstellen, dass Orion natĂŒrlich die ganze Zeit im SĂŒden gestanden hat, was mich zu harten Worten ĂŒber Aleks' Berufsstand veranlasst.
Es ist jetzt, man muĂ es so deutlich sagen, dunkel. Wir ĂŒberqueren einen See, ungefĂ€hr den zehnten oder zwölften, obwohl es angeblich nur sechs sein sollten. Wir sprechen nicht offen darĂŒber, aber es ist offensichtlich: Wir haben keine Ahnung, wo wir gerade sind. Es mag sein, daĂ wir gerade wieder nach Norden laufen, weg von der Zivilisation, in Richtung Finsternis, Wildnis, Tiere. War nicht die StraĂe vor einer halben Stunde zu hören und ist es jetzt nicht mehr? Waren wir nicht schon einmal an diesem verdammten See? Wann war eigentlich die letzte Wegmarkierung? Könnte man, also nur theoretisch, eine Nacht hier drauĂen ĂŒberleben? Nur so ein Gedanke. Dann verlassen wir den See und betreten den Wald, und jetzt ist es wirklich dunkel.
Ich gehe voran und breche alle drei Meter ein, also sehr selten, denn der Weg ist nur noch eine leichte Delle in einer an Dellen nicht armen Umgebung. Die blauen Markierungen an den BĂ€umen sind noch gut zu erkennen, wenn man direkt davor steht. Dann klopfen wir darauf, damit der andere auch weiĂ, dass wir uns noch auf dem richtigen Weg befinden. "Hm!" sagen wir hin und wieder. Dann erklimmen wir eine Anhöhe, und da sind die funkelnden Lichter des Highway. Der Parkplatz kann nicht weiter als fĂŒnfhundert Meter entfernt sein. âGeh du mal nach vornâ, sage ich, âdas ist nĂ€mlich anstrengend.â Aleks wechselt in die FĂŒhrungsposition, wir steigen die Anhöhe auf der anderen Seite wieder hinab und brechen ein. Wir kehren um und brechen wieder ein. Abwechselnd irren wir in verschiedene Richtungen und kehren schneebedeckt zurĂŒck. âDa ist der Weg auch nicht.â â âEben war er aber noch da.â â âHier ist er doch noch. Oder?â Diese Konversation wiederholt sich so lange, bis wir in diverse Richtungen festgetretene, plausibel wirkende Pfade erzeugt haben. Ich ziehe die Handschuhe aus, taste auf dem Boden herum und finde dabei zwar nicht den Weg, aber immerhin heraus, dass nasse HĂ€nde bei zweistelligen Minusgraden die Laune nicht heben. âDunklerâ, sage ich, âbraucht es meinetwegen jetzt nicht mehr zu werden!â In Douglas Adams' Wörterbuch âThe Meaning of Liffâ heiĂt der Vorgang des Suchens an Stellen, an denen man vorher schon dreimal gesucht hat, âkellingâ. Nach mehr als ausfĂŒhrlichem Kelling kĂŒndige ich einen hervorragenden Plan an und fotografiere den Wald mit Blitzlicht. Auf dem so entstandenen Bild wird sich der Weg ohne Probleme ausmachen lassen.
Na gut. Vielleicht mĂŒssen wir doch sterben.
Aus dem zweiten Foto geht immerhin schon hervor, dass sich der Weg auch dort nicht befindet, sondern lediglich diverse Spuren blind umhertappender Narren. Aber wo soll er sonst sein, der Weg?
Beim Nachdenken bemerke ich ein eigenartiges PhĂ€nomen: âHey! Da kommt ja Licht hinten aus meiner Kamera!â Das zweite Bild ist so schön weiĂ, dass das Display der Kamera eine kleine, grĂŒnliche LichtpfĂŒtze spendet, mit deren Hilfe der Weg binnen dreiĂig Sekunden aufgefunden wird. Hurra! Wir sind gerettet! âWenn der Akku nicht gleich leer istâ, wendet Aleks hoffnungsvoll ein, der gar nicht so schnell gerettet, sondern lieber von Wölfen groĂgezogen werden wollte. Aber der Akku hĂ€lt durch, was nicht weiter schwer ist, denn nach fĂŒnf Minuten stehen wir auf dem Parkplatz. Ăber uns sind 5.800 bis 8.000 Sterne zu sehen, das sind etwa 5.800 bis 8.000 Sterne mehr als z.B. in Berlin, und sie sind ganz nah, und niemand hat wirklich mit ihnen gerechnet. âOhâ, sagen wir, und dann "Hast du den AutoschlĂŒssel?"
(Kathrin Passig / Aleks Scholz, zuerst veröffentlicht im âWir höflichen Paparazziâ-Forum)
"Du, Du in mir, immer wieder entwischendes, immer wieder auftauchendes Du in mir, was suchst du hier. Wie unwĂŒrdig ist Ort fĂŒr dich. Warum verirrst du dich soviel, du stummes geknechtetes Ich, das von frĂŒh auf schon alles ahnte, wuĂte - und doch alles falsch tut." - Alfred Döblin

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Vom Verirren Mein Orientierungssinn ist bescheiden. Ich biege zweimal ab, dann weiĂ ich nicht mehr, wo ich bin. Nun sollte man meinen, im Zeitalter von Smartphone und Navi ist das ja kein Problem.
Ich verirre mich, nichts ist mehr klar Ich bin da, wo vor mir keiner war
Böhse Onkelz - Bin ich nur glĂŒcklich wenn es schmerzt
Selten irre ich mich in den Menschen. Ich verirre mich nur hin und wieder in ihnen.