„Zivi, Bücher!“, rufe ich.
Der Zivi darf immer mit zuerst rein, mit Sven und mir. Er nimmt sich die Bücher, wenn es welche gibt. Keine Ahnung, was der damit will. Hier ist ein Regal voll davon. Und ein paar noch in dem Tausendteile-Schrank.
„Das Regal - Tonne!“, sagt Sven.
In der Wohnung ist es kalt. Klar, Heizung aus seit drei Wochen. Riecht immer noch muffig. Nach Mensch. Ob der hier gestorben ist?
„Ist der hier gestorben“, frage ich Sven.
„Keine Ahnung, glaub im Schlafzimmer“, sagt Sven. „Kriegst Du mit Victor den Schrank hier aus?“
Ich nicke. Er heißt Tausendteile-Schrank, weil man ihn auf vielen einzelnen Teilen zusammenpuzzelt. Dauert ganz schön. Meine Oma hatte auch so einen. Da wusste ich noch nicht, dass er aus so vielen Teilen besteht.
Fliesentisch im Wohnzimmer. Der Zivi schreibt auf. Auf dem Tisch liegt noch alles. Als wär eben noch einer da gewesen. Fernsehzeitung von vor drei Wochen. Ein Blutdruckgerät. Eine Brille.
Sven tritt vor der Tisch.
„Fliesentisch, geil, kommt mit! Der geht nicht unter 40 Euro weg, hast du gehört, Zivi?“
Auf dem Flur hängen ein paar Fotos. Schwarz weiß, wie bei meiner Oma damals.
Sven nimmt eins von den Bildern in die Hand.
„Geil, wa? Die Klamotten! Ob der Nazi war?“ - Sven reißt die Augen auf. „Ey, wenn der Nazi war und wir finden hier ne Uniform…!“
Sven ist total scharf auf Nazi-Kram. Die Uniform würde er sich untern Nagel reißen und teuer verticken. Privat natürlich.
In der Küche steht zum Glück kein Essen mehr rum.
„Komm, Zivi, mach mal den Kühlschrank auf!“, sagt Sven.
„Jetzt kommt’s“, sage ich.
Der Zivi zieht sich seinen Kragen über Mund und Nase und macht den Kühlschrank auf. Stinkt säuerlich, aber fast nichts drin mehr drin im Kühlschrank.
Auf dem Küchentisch liegen Tablettenschachteln. Auf der Fensterbank ein paar Familienfotos in Farbe. Noch nicht alt, wohl die Kinder und Enkel und so. Alle lachen.
„Wollen die die Fotos nicht zurück?“, frage ich.
„Ist denen scheißegal“, sagt Sven. „Die wollen nur die Bude leer haben. Der Alte war wohl n Arschloch. - Ey, ob der Nazi war? Ey Zivi, guck mal unter dem Brotkasten, ob da Kohle ist!“
Sven hat einen Riecher für sowas. Was wir schon gefunden haben in den Jahren. Kohle, Schmuck, Drogen. Haben wir natürlich nie jemandem gesagt. Der Zivi hält dich, der bekommt ja auch seine Bücher.
Unter dem Brotkasten ist keine Kohle.
Im Bad gibt es auch fast nichts. Einen Spiegelschrank und einen Unterschrank.
„Der Alibert geht doch“, sagt der Zivi.
Sven gibt ihm einen auf den Hinterkopf.
„Kriegst `nen Kaffee, wenn du mehr als 5 Euro dafür bekommst!“, sagt Sven. „Komm, mach ma den Pott auf!“
Der Zivi zieht wieder den Kragen hoch und öffnet den Klodeckel.
„Und, schön zugeschissen von dem alten Nazi?“, fragt Sven.
Neben dem Spiegel steht eine Flasche Irish Moos. Noch fast voll.
„Kann ich die haben?“, frage ich.
„Für wenn du in den Puff gehst?“, sagt Sven und gibt mir auch eine an den Hinterkopf. Ich geb ihm eine auf den Oberarm.
„Komm jetzt, der hat bestimmt ne Uniform!“
Im Flur tritt Sven gegen ein Telefonbänkchen und sagt „Tonne!“
Dann sind wir im Schlafzimmer. Auf dem Boden ist ein großer dunkler Fleck.
„Guck ma, ey, der hat hier echt gelegen“, sagt Sven.
Der Zivi wird etwas blaß. Es riecht immer noch muffig und nach Mensch und nach Bettwäsche.
Sven reißt den Kleiderschrank auf.
„Boah nee, Klavierband! Tonne!“ Er meint die Scharniere. Die kriegt man nicht los und wieder dran geschraubt.
Im Schrank hängen nur ein paar Anzüge und Hemden. Keine Uniform.
„Kann ich den Wecker haben?“, frage ich. Ist einer von Braun. Ob der jetzt drei Wochen noch jeden Morgen geklingelt hat?
Sven hat mich nicht gehört. Er hat etwas anderes gefunden.
„Briefmarken! Ey, die vertick ich. An den einen Spasti, weißte, Zivi?“
„Jaja, den Spasti da. Haste schon deine Bücher, Zivi?“
„War nicht viel dabei.“, sagt der Zivi.
„Komm, ruf ma den Spaghetti an. Kleiner LKW. Wir nehmen nur den Kühlschrank, den Fliesentisch und den Tausendteileschrank. Rest ist Tonne!“
Sven klemmt sich das Briefmarkenalbum unter den Arm.
Im Flur tritt er nochmal gegen das Telefonbänkchen. Es bricht auseinander.