Radu Ioan cel Mare
Letzter Sohn des Drachen ⹠Instandsetzer der Burg Bran ⹠Notorischer EinzelgÀnger ⹠Since 2013 ⹠Eigenkreation ⹠Romanschreiber
Der letzte Tag im Oktober war fĂŒr die meisten Menschen ein Grund zu feiern, fĂŒr die anderen war er wiederum ein Grund sich fĂŒrchtend in den eigenen vier WĂ€nden zu verkriechen. FĂŒr Radu war dieser Tag immer nur sein Geburtstag gewesen. Doch an diesem einen letzten Tag im Oktober war es ungewohnt einsam gewesen. Das Tagebuch seiner Mutter lag in seinem SchoĂ. In der Mitte des Buches befand sich ein Brief mit seinem Namen drauf. Wollte er diese Zeilen lesen? Oder besser gefragt: Konnte er diese Zeilen ĂŒberhaupt lesen? Seine Mutter war fĂŒr ihn seine ganze Familie gewesen. Sie war Mutter und Vater. Sie war Hoffnung und vollkommene Geborgenheit. Sie war das Lachen und die Sonne. Doch jetzt war nichts mehr von dem da; keine Sonne, keine Hoffnung, keine Geborgenheit und keine Mutter.
Irgendwann musste es so kommen; das hatte er gewusst. In seiner kindlichen Vorstellung hatte es immer die Frau gegeben, die an seiner Seite war. Auch ihre Krankheit hatte ihn niemals an seiner Hoffnung zweifeln lassen. Und jetzt saĂ er hier, mit der qualvollen RealitĂ€t konfrontiert. Erst jetzt, Tage nachdem die Maschinen keinen Herzschlag mehr aufgenommen hatten, Tage, nachdem Aurel ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte und Stunden nachdem der Sarg in die tiefe Erde gelassen wurde, saĂ er hier und realisierte, dass seine Mutter nicht mehr da war. Das einzig Verbliebene lag in seinem SchoĂ. So erblickte er das lila gebundene Buch und öffnete die Schnalle. Das BĂŒndel an Papier dehnte sich etwas aus und förderte den Brief zu Tage:
                                           Puisor mea Radu,
Das kleine KĂŒken Radu. Er war schon lange ein Mann, doch in diesem Moment fĂŒhlte er sich so verletzlich wie das kleine KĂŒken, fĂŒr das sie ihn immer gehalten hatte. Und so groĂ der Schmerz in seiner Brust war, wollte er genau hier sein. Nicht bei Aurel, der groĂen Liebe seiner Mutter, der immer wie ein Vater fĂŒr ihn gewesen war. Nicht bei Tasha, die ihn seit der ersten Klasse stĂ€ndig mit Stiften bekritzelte oder nicht bei seiner Mutter, dessen Grab noch immer viel zu frisch war.
âDie Trauer wird vergehen.â Diese Worte hallten in seinem Ohr wider, doch es war keine Stimme, die sie sagten. âDie Zeit wird dich heilen und die Narben in deiner Brust zur StĂ€rke wachsen lassen.â Und wieder konnte er diese Worte spĂŒren, aber nicht hören. Seine Brauen zogen sich zusammen und seine Stirn zog sich kraus. Ein Blick ĂŒber die Schulter versicherte ihm, dass keine Menschenseele in diesem Raum war. Er saĂ völlig allein in dem verlassenen Schloss, das er seit Jahren instand hielt. Die kleine Luke im Dach gab ihm einen ungehinderten Blick auf die Karpaten. Sie linderten nicht im Geringsten seinen Schmerz, machten ihn aber ertragbar. âDu hast mein Blut, mein Junge. Du wirst auch meine StĂ€rke haben. So wie ich sie hatte, als der Boden dieser AuĂenmauern mit dem Blut meiner Familie getrĂ€nkt wurde.â
Wieder wusste er nicht, wieso ihn diese Worte trösteten. Worte von niemandem, Worte, die leer waren. FĂŒr den Moment glaubte er seiner Trauer zu erliegen und sich diese Worte selbst zuzuflĂŒstern. Erst als der Schatten hinter ihm auftauchte, stutzte er ein weiteres Mal. âEs soll nicht erneut mein Blut sein, das diesen Boden trĂ€nkt.â, diesmal hörte er diese Worte. Ruckartig drehte sich Radu um und erblickte einen schwarzhaarigen Mann, der ihm direkt in die Augen sah. âKomm, mein Junge.â, wieder hörte er diese Worte, die direkt aus dem Mund von disem Mann kamen. Von dem Mann, den er unzĂ€hlige Male auf den GemĂ€lden in diesen Mauern gesehen hatte â von Dracula höchstpersönlich.
Blinzelnd versuchte Radu die Augen zu öffnen. Die Sonne schien ihm genau ins Gesicht, als ein ziehender Schmerz im RĂŒcken weckte. Hatte er die ganze Nacht dort gelegen? Der Boden knarzte unter seinem Gesicht, als er sich vom Dachboden erhob. ZunĂ€chst setzte er sich auf, sondierte verschlafen die Lage und merkte, was fĂŒr ein GlĂŒck er gehabt hatte. Die Luke war noch immer offen und seine Beine hatten gerade eben noch genug Abstand zu jener gehalten, dass er nicht aus Versehen seine letzte Bewegung ins Nichts gemacht hatte. Alsbald sein Verstand wieder völlig einsetzte, sah er sich hektisch um. Was war passiert? Alles, was ihm Anhaltspunkte fĂŒr gestern Nacht gaben, war sein Körper auf dem Dachboden und das Tagebuch seiner Mutter, das gut einen Meter von ihm entfernt lag. Instinktiv griff er danach, sah auf die aufgeschlagenen Seiten und klappte es zu und lieĂ somit auch den Brief seiner Mutter in der Mitte des Buches verschwinden.
Ein Schnauben versuchte die Erinnerungen von gestern zu dementieren. Hatte er getrĂ€umt? Als er kleiner war, hatte er sich immer gewĂŒnscht, dass sein Vater irgendwann in der TĂŒr stehen wĂŒrde und tröstende Worte fĂŒr die Jahre voller Sehnen an ihn richtete. Jetzt, im Alter von 24 Jahren, hatte er mit seiner fehlenden Vaterfigur bereits abgeschlossen. Aurel hatte diese LĂŒcke immer nach besten Gewissen gefĂŒllt und wenn er aus dem Herzen heraus dachte, wĂŒrde er auch niemand anderen an dieser Stelle akzeptieren. Ein Grummeln folgte dem Schnauben. Er war traurig. Seine Mutter wurde gestern beerdigt. Alles, an was er sich erinnerte, war ein Traum. Eine andere Möglichkeit hatte es nicht gegeben, zumal die lĂŒckenhaften Erinnerungen nicht zusammenpassen.Â













