Am Dienstag, den 07.07.26, habe ich meine Bachelorarbeit abgegeben. Gestern, am Donnerstag, den 30.07.26, fand schlieĂlich meine Abschlussfeier statt. Ich bin jetzt staatliche anerkannte Sozialarbeiterin.
Doch bin ich das wirklich?
Hat das Studium mir wirklich genug beigebracht?
Naja. Ich glaube, das ist ein Gedanke fĂźr einen anderen Text.
Ich bin jetzt ebenfalls offiziell Erstakademikerkind und beginne im August meinen Master.
Schon das Abitur war ein Meilenstein, den es in meiner Familie zuvor noch nicht gegeben hat (obwohl mein Papa einer der schlausten Menschen ist die ich kenne?!). Es ist längst nicht selbstverständlich, dass Kinder ohne akademischen Familienhintergrund diesen Punkt in ihrem Bildungsweg erreichen.
Die Bundeszentrale fĂźr politische Bildung hat dazu eine Statistik verĂśffentlicht: Von 100 Grundschulkindern, die ohne akademischen Hintergrund aufwachsen, erreichen 20 einen Bachelorabschluss â und nur 11 einen Master. Demnach kann und bin ich unfassbar stolz auf mich.
Doch häufig wird gar nicht verstanden, wie besonders dieser Weg eigentlich ist. Denn in Deutschland heiĂt es oft âjeder Mensch habe die gleichen Chancen auf einen solchen Bildungsabschlussâ đ¤
Was dabei häufig fehlt, ist der Perspektivwechsel:
Was bedeutet es eigentlich fĂźr sogenannte Arbeiterkinder?
Sind die Chancen wirklich fĂźr jeden realistisch?
Wie fßhlt sich ein Studium an, wenn einem das ganze Know-how fehlt, das in Akademikerfamilien oft ganz selbstverständlich weitergegeben wird?
Wenn niemand da ist, der einem erklären kann, wie all das funktioniert oder einem zeigt, welche Schritte notwendig sind, um einen solchen Meilenstein ßberhaupt zu erreichen?
Es ist ein komisches GefĂźhl, zu sehen, wie andere ihre Studienzeit nutzen um zu reisen, sich auszuprobieren oder das alles grundsätzlich etwas lockerer anzugehen, während man selbst ständig im Hinterkopf hat - ich muss innerhalb der FĂśrderungshĂśchstdauer bleiben und die Regelstudienzeit im besten Falle nicht ĂźberschreitenâŚ
NatĂźrlich habe ich nebenbei gearbeitet. Gleichzeitig wollte ich aber auch regelmäĂig die Uni von innen sehen und nicht nur von Schicht zu Schicht leben und nebenher studieren.
Wie hätte ich mein Studium also ohne BAfÜG organisieren und halten sollen?
Akademikerkinder studieren häufig mit einer anderen Art von innerem Druck als Erstakademikerkinder. Die Lebensrealitäten und Herausforderungen liegen auf unterschiedlichen Ebenen.
Wenn in der eigenen Familie noch niemand studiert hat, gibt es oft niemanden, der eine Universität empfehlen kann, einen auf das vorbereitet was einen erwartet, niemand der die Ansprßche kennt oder das Arbeitspensum während des Studiums wirklich nachvollziehen kann.
Es entsteht eine LĂźcke an Orientierung und RĂźckhalt â eine LĂźcke, die Nichtakademikerfamilien oft gar nicht schlieĂen kĂśnnen, weil ihnen diese Erfahrungen selbst fehlen.
Während der vier Monate, in denen ich an meiner Bachelorarbeit geschrieben habe, sagte mein Papa regelmäĂig zu mir, dass ich doch langsam mal fertig sein mĂźsste.
Er hatte schlicht keine Vorstellung davon, welchen Umfang so eine Arbeit hat und wie viel Zeit tatsächlich in ihr steckt. Das nehme ich ihm Ăźberhaupt nicht Ăźbel. Im Gegenteil â er ist unfassbar stolz auf mich.
Und trotzdem habe ich mich jedes Mal ein Stßck weit unter Druck gesetzt gefßhlt. Nicht, weil er es bÜse meinte, sondern weil er einen Anspruch an etwas hatte, dessen tatsächlichen Umfang er gar nicht einschätzen konnte.
Solche kleinen Beispiele begleiten einen durch den gesamten Studienverlauf. Es fehlt häufig schon das Wissen ßber Grundlagen, die in Akademikerfamilien entspannt am Essenstisch weitergegeben werden.
Welche MĂśglichkeiten gibt es?
Was ist wirklich wichtig und was kann man getrost umgehen?
Wen sollte man kennenlernen?
Welche Ressourcen kann man zusätzlich nutzen?
Schon an diesen scheinbar kleinen Dingen zeigt sich, wie groĂ die Schere in unserer Gesellschaft noch immer ist.
Ich denke an all die Studierenden, die ohne akademischen Familienhintergrund ihren Weg gehen und sich zu Beginn durch alles alleine kämpfen mussten.
Ich sehe euren Einsatz. Ich sehe eure Tränen. Ich sehe eure Nachtschichten. Ich sehe euer DurchhaltevermĂśgen. Ich sehe die unzähligen Tassen Kaffee, Energie, Matcha, Tee oder dem speziellen SpaĂgetränk eurer Wahl, um die Reste an EnergieklĂźmpchen zu mobilisieren und so auch die letzte Abgabefrist noch zu schaffen.
Bitte seid stolz auf euch.
Ihr seid so unglaublich KRASS. Was ihr gerade schafft, ist etwas ganz Besonderes. đ