Jemanden in mich hineinlassen, das kann ich nicht, das darf ich nicht. Es stellt eine zu große Gefahr dar, ein Risiko mit ungeahnten Folgen.
Mein inneres ist wie eine Stadt, eine alte antike, so eine mit einer Stadtmauer die sie komplett umgibt mit einem großen Tor. Und hinter diesen Mauern liegt ein Trümmerhaufen, eine Ruinenstadt. Halb oder gar gänzlich zusammengefallene Gebäude. Diese Stadt ist nichts weiter als nur noch ihr Skelett. Einfach vollkommen kaputt. Naja vielleicht nicht ganz, ein paar wenige Gebäude stehen schon noch, zumindest zum Teil, aber auch sie sind dem Tod ein Dorn im Auge.
Und ich bin für diese Stadt verantwortlich, für die Mauern, die Ruinen und die Gebäude die noch nicht komplett dem Verfall verfallen sind. Wenn nun eine Person an den Toren klopfen würde und um Einlass bittet, dann kann ich die Tore nicht öffnen und die Person in die Stadt eintreten lassen. Es stellt einfach ein viel zu großes Risiko dar und die Folgen könnten immens sein. Ich habe Angst und ich kann nicht zulassen, dass jemand die Trümmer sieht die sich hinter den Mauern befinden, was für eine enorme Ruine diese Stadt ist. Und was wenn ich der falschen Person Einlass gewähre und sie dann noch mehr Schaden anrichtet, noch mehr Gemäuer und Gebäude zum einstürzen bringt. Sie ist so zerbrechlich und schon so kaputt, wie kann ich sie da noch dieser Gefahr aussetzen? Was wenn sie am Ende vollkommen zusammenfällt?
Wie soll ich eine Person mit guten Absichten von einer mit bösen unterscheiden, wenn alles was ich habe um das zu erkennen ein Klopfen am Tor ist?
Aber selbst wenn es jemand mit guten Absichten sein würde, dann wäre die Scham und Erniedrigung zu groß um jemanden das alles, diese Ruine in der ich lebe sehen zu lassen. Für all das bin schließlich ich verantwortlich, es ist meine Schuld das diese Stadt in sich zusammenfiel, das alles morsch ist. Wie könnte ich das jemanden zeigen, mein versagen?
Aus diesen Gründen muss das Tor geschlossen bleiben. Ich würde es so gerne öffnen können, aber ich darf es nicht.
Manchmal da liege ich auf dem Dach eines Gebäudes und schaue in die Sterne und frage mich wie diese Stadt wohl aussehen würde wenn sie unbeschädigt wäre, wenn jeder Stein auf dem anderen säße. Wie sehr wäre sie belebt, würde sie in einem schönen Glanz erstrahlen, würde der stehende Tümpel zu einem klaren Fluss werden?
Zu viele Fragen, zu wenig Antworten. Ich kenne diese Stadt eigentlich schon lange nur noch in diesem Zustand. Falls sie tatsächlich mal geglänzt hat und erblüht war, dann kann ich mich daran einfach nicht mehr erinnern. Zu lang muss es her sein, zu lang schon lebe ich in diesen Trümmern und atme den Staub der in sich zusammenfallenden Mauern ein, der mir die Sicht raubte.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass auch nur irgend ein Mensch in dieser ausgestorbenen Stadt leben wollen würde oder auch nur zu Besuch kommen würde um mir Gesellschaft zu leisten. Ja, eigentlich würde ich selber gerne einfach die Tore hinter mir schließen und diesen Ort für immer verlassen, denn er ist nur ein Haufen Dreck in der Wüste, aber ich bin an ihn gebunden, ich kann ihn nicht verlassen. Ich bin dazu verdammt hier auszuharren und entweder auf ihren Untergang und totalen Zusammenfall zu warten oder darauf, dass sich vielleicht unerwartet der Keimling einer gelben Chrysantheme aus dem unfruchtbaren Boden Kämpft.
Ich weiß nicht was passieren wird.
Hab Angst es herauszufinden.