Zum GlĂŒck ist Corona jetzt vorbei, und auch das mit der Digitalisierung klappt schon viel besser
In den letzten knapp zwei Jahren waren viele Unternehmungen wegen des Coronavirusâ erheblich erschwert oder konnten gar nicht stattfinden. Nun gibt es (familiĂ€re) GrĂŒnde dafĂŒr, mal wieder eine gröĂere Unternehmung mit der Familie zu machen. Wir möchten einen Escape-Room in Hamburg besuchen, die Beschreibung klingt gut: Wir sollen eine Zeitreise unternehmen und im Mittelalter ein Amulett finden, um eine als Hexe verurteilte Frau vor der Verbrennung zu retten.
In der Gegenwart ist fĂŒr so etwas aber erstmal eine Impfung oder ein negativer Coronatest nötig.Â
Die beiden Erwachsenen und der jugendliche Sohn sind geimpft, das ist ok. Der jĂŒngere Sohn wird in der Schule regelmĂ€Ăig auf das Coronavirus getestet, es sind aber gerade Ferien, deshalb gilt der Nachweis der Schule zur Zeit nicht. Auch er hat zwar bereits seine zweite Impfung erhalten (er stand ĂŒber drei Monate lang auf der Warteliste fĂŒr eine Impfung, wegen der bis vor Kurzem noch ausstehenden Empfehlung durch die StiKo bekam er die Impfung aber zunĂ€chst nicht - und nun dĂŒrfte er in Deutschland mit zu den ersten seiner Altersklasse gehören, die bereits beide Impfungen erhalten haben) - aber die zweite Impfung ist erst 12 Tage her. Damit gilt er noch nicht als vollstĂ€ndig geimpft. Wir mĂŒssen also noch einen offiziellen Coronatest machen lassen.
Zum GlĂŒck gibt es ja unzĂ€hlige Stellen, an denen man diese Tests machen lassen kann, das dauert nur 15 min. Sagen die Webseiten. Wir fahren also zur nĂ€chstgelegenen Teststelle am Marktplatz. Dort hĂ€ngen auch ĂŒberall noch die groĂen Schilder und Plakate: âHier sofort Corona-Schnelltest!â - âMontag - Samstag 8 - 19 Uhrâ - âSofort und ohne Anmeldung testen lassen - Ergebnis in 15 minâ. Auch die Webseite enthĂ€lt diese Information:
Es ist Samstag, 15 Uhr. Der Markplatz ist belebt. Die Schnellteststation ist verlassen. Unter der auf der Webseite angegebenen Mobilnummer ist niemand zu erreichen.
Keine Schilder weisen darauf hin, dass hier etwas anders sein könnte als vor ein paar Wochen, als der Sohn problemlos einen Test machen lassen konnte.
Allerdings: zum 11. Oktober 2021, also vor ungefĂ€hr einer Woche, wurden ja die bisher kostenlosen Schnelltests kostenpflichtig, schlieĂlich hatte ja jetzt jeder die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. HierfĂŒr lassen die verantwortlichen Politiker sich gerne feiern; nur selten denkt ein Politiker daran, in einem Nachsatz zu ergĂ€nzen, dass, naja, fĂŒr Kinder zwischen 12 und 18 Jahren dieses Impfangebot noch gar nicht so lange besteht, und fĂŒr Kinder unter 12 Jahren noch gar kein Impfstoff zugelassen ist. Ebenfalls gibt es u.a. fĂŒr einige Menschen mit Vorerkrankungen Schwierigkeiten, sich impfen zu lassen. Deshalb sollen die Testmöglichkeiten fĂŒr diese Menschen weiterhin kostenlos bleiben; fĂŒr Kinder zwischen 12 und 18 Jahren zumindest bis Ende des Jahres. Allerdings haben wohl viele Schnellteststationen nach dem 11. Oktober fluchtartig das Feld gerĂ€umt, sogar, ohne ihre Schilder abzubauen - wohl, weil jetzt der Betrieb einer solchen Teststation nicht mehr so tolle Gewinne verspricht.
Die auf der Webseite verlinkte Terminbuchung (wwwâ.freecoronacheckâ.de) leitet weiter an eine unklare andere Webadresse, anscheinend der ehemalige Webhoster der Terminbuchung, und ist bereits nicht mehr funktionsfĂ€hig:
Ich suche am Handy die nĂ€chste Schnelltestmöglichkeit und finde ein nahegelegenes Krankenhaus. Dort lĂ€sst sich am Handy ein Termin buchen, das ist gar nicht so einfach, weil die Terminbuchungswebseite nicht fĂŒr mobile Nutzung eingerichtet ist, sondern nur fĂŒr Rechner mit groĂen Monitoren - ich muss viel seitwĂ€rts scrollen, mich registrieren, auf eine BestĂ€tigungsmail warten usw, aber schlieĂlich ist die Terminbuchung bei der Schnellteststelle des Krankenhauses erfolgreich und wir fahren dorthin. Die Schnellteststation am Krankenhaus hat âwegen Personalmangels heute leider geschlossenâ. Es ist ein Schild angebracht, dass Schnelltests im nĂ€chsten - mit dem Auto ca. 20 min entfernen - Krankenhaus durchgefĂŒhrt wĂŒrden.
Wir buchen dort einen Termin fĂŒr den nĂ€chsten Tag, Sonntag.
Am nĂ€chsten Tag, Sonntag (heute wollen wir den Escape Room besuchen), kommen wir zum gebuchten Termin zur Schnellteststation in dem anderen, etwas weiter entfernten, Krankenhaus. Dort stehen wir deutlich ĂŒber eine halbe Stunde an. Erst im Hamburger Nieselregen, dann mit einigen Dutzend anderen Familien in einem muffigen, schlecht gelĂŒfteten Flur. Um uns herum hauptsĂ€chlich UrlaubsrĂŒckkehrer aus Risikogebieten, die den negativen Test benötigen, um Montag wieder in die Schule zu dĂŒrfen. Liebe Testbetreiber! Wenn hier eine infizierte Person ansteht, dann haben sich hier wahrscheinlich gerade ungefĂ€hr 20 andere Personen infiziert, danke dafĂŒr.
Als wir endlich an der Reihe sind, sehen wir, was das Problem ist: Der Drucker der Testregistrierung funktioniert nicht richtig. FĂŒr jede Testperson muss ein Zettel ausgedruckt werden, der Drucker zerknĂŒllt das Papier aber lieber, als dass er es richtig bedruckt. Die Mitarbeiterin ist ziemlich verzweifelt, ich halte mich zurĂŒck und maule sie nicht an, weil sie sich das ja sicher auch alles nicht so ausgedacht hat. Wir sind zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast 2 Stunden unterwegs (die erfolglosen Versuche gestern nicht mitgezĂ€hlt), um einen âSchnelltestâ durchfĂŒhren zu lassen, laut Werbung auf der Webseite gehe das "Sofort und ohne Anstehenâ.
Aber dann bekommen wir den QR-Code ausgedruckt, mit dem sich âin etwa einer halben Stundeâ das Schnelltestergebnis in der Corona-Warn-App abrufen lassen soll.
Wir fahren weiter zu dem Escape Room. Unser Termin ist in knapp zwei Stunden, er ist gebucht und bezahlt, das sollte doch zu schaffen sein. Ist es aber nicht. Es kommt kein Testergebnis. Die Corona-Warn-App zeigt auch nach zwei Stunden noch an âErgebnis liegt noch nicht vorâ.
Meine schlechte Laune steigert sich mittlerweile erheblich und, ja, ich weiĂ, es gibt viele Gruppen, die sich in der Corona-Pandemie benachteiligt fĂŒhlen, aber ich könnte heulen vor Wut und Trauer darĂŒber, wie Kinder und Familien in der Pandemie vergessen und allein gelassen wurden und auch nach fast zwei Jahren im Pandemiemanagement vergessen werden. âSchlieĂlich konnte sich ja jetzt jeder impfen lassen.â Klar, 120 Euro fĂŒr vier Personen fĂŒr ein gemeinsames Erlebnis bezahlt, ein GroĂteil des Wochenendes damit verbracht, durch Hamburg zu fahren auf der Suche nach einem Corona-Schnelltestzentrum, es gibt Schlimmeres, und vielleicht denken manche Leser:innen jetzt: âLuxusproblemâ - aber dass Kinder in den MaĂnahmen einfach nicht berĂŒcksichtigt werden und die âdigitalen Schritteâ (Infos auf Webseiten, Terminbuchung ĂŒber Webseiten, Drucker, ErgebnisĂŒbermittlung an die Corona-Warn-App) nicht funktionieren, scheint mir symptomatisch fĂŒr unser Management der Pandemie.
So ziemlich alle Webseiten von Testzentren zeigen unzutreffende Informationen und Ăffnungszeiten an, wohl, weil die Testzentrumsbetreiber es in der Woche seit dem 11. Oktober nicht hinbekommen haben, ihre Webseite zu aktualisieren. Auch auf der Webseite der Stadt Hamburg steht, es gĂ€be âeine Vielzahl von Möglichkeiten, kostenfreie und kostenpflichtige Antigen-Schnelltestungen oder eine PCR-Testung durchzufĂŒhrenâ. Ja, danke auch, die auf der Webseite verlinkte Karte enthĂ€lt allerdings leider nicht die aktuellen Ăffnungszeiten, und mehrere der auf der Karte angegebenen Teststellen gibt es nicht mehr.
Am Ende ist die Betreiberin des Escape Rooms sehr nett und lĂ€sst uns alle vier in den Escape Room. Was sie ja eigentlich nicht hĂ€tte tun dĂŒrfen: Kein vollstĂ€ndiger Impfschutz und kein negatives Testergebnis bei dem JĂŒngsten. Der Escape-Room macht schlieĂlich trotzdem richtig SpaĂ, es wird ein schöner Abschluss des verkorksten Wochenendes, und wir finden auch das Amulett und können die als Hexe verurteilte Frau vor der Verbrennung retten.
Das Testergebnis liegt ĂŒbrigens auch am nĂ€chsten Tag, am 18.10., nach deutlich ĂŒber 24h, nicht vor, weder in der Corona-Warn-App...
... noch auf der Webseite des Anbieters:
Ich will den Testzentrumsbetreiber kontaktieren um mal zu fragen, was denn da los ist. Die Webseite des Testzentrumsbetreibers verlinkt als verantwortliche Stelle das zugehörige Krankenhaus, es ist auch eine Telefonnummer angegeben, aber dort sagt man mir, nein, mit dem Testzentrum am Krankenhaus habe man nichts mehr zu tun. Ich schreibe schlieĂlich eine Mail ĂŒber das Formular auf der Webseite des Testzentrums, bekomme aber keine Antwort.
Nachtrag am 24.10.: Auch nach einer Woche wird die Probe als âauf dem Weg ins Laborâ angezeigt und es liegt kein Ergebnis vor. Der Testzentrumsbetreiber hat auf meine Anfrage weiterhin noch nicht geantwortet.