9.â12. September 2020
Ich packe meinen Koffer und in meinen Koffer packe ich iPad, Ladekabel, Kopfhörer, BĂŒcher, bĂŒgellose BHs und einen FitnesstrackerÂ
Ich muss nach einer Biopsie fĂŒr eine kleine Brustoperation unter Vollnarkose ins Krankenhaus, voraussichtlich fĂŒr 3 Tage.
Ich weiĂ von meinem VorbereitungsgesprĂ€ch mit der AnĂ€sthesistin, dass ich meine neue Activity Tracker Uhr (das Mi Smart Band 5) wĂ€hrend der OP nicht aufbehalten darf. Es hĂ€tte mich nĂ€mlich sehr interessiert, wie Vollnarkose sich auf meine Pulsaufzeichnung auswirkt und als was fĂŒr einen Schlaf (Tief, leicht, REM) die App das interpretiert.
Ich muss zwei Tag vor der OP einen Covid Test machen und werde einen Tag vor der OP aufgenommen. Ich muss ein zweites Mal eine Telefonnummer einer Vertrauensperson angeben und wundere mich. Das hab ich doch schon gemacht? Bei der Zimmerzuteilung auf der Station zehn Minuten spÀter fÀllt der Krankenpflegerin auf, dass ich zwei unterschiedliche Nummern angegeben habe, weil ich beim Ablesen einen Zahlendreher gemacht habe (oder die Person beim Eintippen). Wie so viele andere Fragen, die ich doppelt und dreifach beantwortet habe, war wohl auch das eine Frage mit eingebautem PlausibilitÀts-Check.
Ich bekomme ein Plastikarmband mit QR Code und meinem Namen und meiner Zimmernummer. Ich werde im Laufe meines Aufenthalts immer mal wieder nach meinem Namen gefragt, aber den Code scannt niemand, zumindest nicht, wÀhrend ich wach bin.
Ich werde noch gefragt, ob ich ein Passwort angeben möchte. Wenn jemand meinen Zustand telefonisch erfragen möchte, mĂŒssen sie dieses Passwort angeben, sonst wird keine Auskunft erteilt. DatenschutzgrĂŒnde. Ich gehe davon aus, dass mein Freund nicht anruft und alle anderen mĂŒssen genau so warten, bis ich wieder tippen kann, um Neuigkeiten zu erfahren.
Ich weiĂ, dass es im Krankenhaus WLAN gibt, aber ich will mich nicht drauf verlassen, also habe ich als Vorbereitung ein paar Sachen von Netflix auf mein iPad heruntergeladen. Es gibt dort eine eigene Rubrik mit allen herunterladbaren Filmen und Serien. Ich bringe noch Kopfhörer und zwei PapierbĂŒcher mit und ein leihe ein eBook am Handy aus. Ich frage also bei der Anmeldung gar nicht nach dem WLAN, weil ich normalerweise mit meinen 10 GB pro Monat am Handy gut auskomme.
Gleich bei der Ankunft im Zimmer stellte ich erfreut fest, dass es eine Steckdose gleich ĂŒber dem Bett gibt, die ich erreiche, wenn ich mich strecke. Der erste Tag verlĂ€uft erwartungsgemÀà ereignislos. Ich stelle mein Handy auf lautlos und lese, surfe, chatte ein bisschen. Das ist auch sehr praktisch, weil eine Mitpatientin um halb neun das Licht ausmachen möchte und mein Handy mir dann eh leuchtet. Ich hĂ€tte zwar ein eigenes Licht am Bett, aber dass ich das mit dem selben Kastl aus steuern kann, wie die Taste mit der man das Pflegepersonal ruft, merke ich erst nach einem Tag.
Vor dem Aufenthalt mache ich mir auch Gedanken darĂŒber wo ich dann mein Handy und iPad aufbewahre, und ob Diebstahl wohl ein Problem ist. Es gibt pro Patientin einen versperrbaren Spind im Zimmer und ich könnte meine Wertsachen da einsperren. Das mache ich aber nicht, weil eigentlich immer jemand im Zimmer ist. Die anderen Patientinnen sind nicht viel unterwegs und auch wegen Corona-bedingten EinschrĂ€nkungen sind insgesamt wenig Leute im Krankenhaus, die dort nicht arbeiten.
Nach der ersten Nacht behauptet mein Mi Band zwar, dass ich 6h 45 min ununterbrochen geschlafen habe, ich erinnere mich aber genau an die Telefonate der schwerhörigen Zimmergenossin um Mitternacht und um vier Uhr und an das Piepsen des GerÀts an dem die Infusion hing und daran, dass mir um 5:30 der Blutdruck und die Temperatur gemessen wurde.
Ich hatte anfangs Sorge, dass mich das stressen könnte, wenn mir eine App sagt dass ich zu wenig schlafe oder der Schlaf qualitativ minderwertig war. Die umgekehrte Psychologie funktioniert jedenfalls: meine App behauptet 6:45 Schlaf, na dann kann es ja nicht so schlimm gewesen sein, wie es sich gerade anfĂŒhlt. Meine Hauptaufgabe fĂŒr den Tag ist auch nur herumliegen und das schaffe ich auch mĂŒde.
Ich werde also operiert und mit gut verpackter Brust und einem Schlauch und Flasche fĂŒr Drainage wieder in mein Zimmer gebracht. Ich bin sehr froh, dass ich mein Handy in Reichweite in die Lade meines NachtkĂ€stchens gelegt habe und nicht weggesperrt. Ich schreibe Whatsapp Nachrichten an Familie, Freund*Innen und Arbeitskolleg*Innen, dass ich alles gut ĂŒberstanden habe. Den restlichen Tag döse ich und lese Facebook und Twitter, und schreibe Nachrichten und spiele Candy Crush. Irgendwann kommt die Chirurgin vorbei und ĂŒberbringt die gute Nachricht: wie erwartet, alles gutartig.
Gegen Abend merke ich, dass mein Handy-Akku leer wird und will aber keinesfalls ohne Akku die Nacht verbringen. Lange NÀchte sind leichter zu ertragen, wenn ich wenigstens gelegentlich sehe, dass Zeit vergangen ist und ich memes auf facebook anschauen kann. Jetzt, wo auf meiner dominanten Seite ein Schlauch steckt, der mit einer Flasche verbunden ist, ist die Steckdose aber nicht mehr in Reichweite. Ich kann den Arm heben, aber strecken stellt sich als keine gute Idee heraus. Mit links bin ich ungeschickt und in der Hand steckt der Zugang, der mich auch ein bisschen einschrÀnkt.
Vor der OP wurde mir mehrmals mitgeteilt, dass ich danach nicht ohne Begleitung aufstehen, sondern unbedingt jemanden rufen soll. Nach der Narkose haben viele Leute Probleme mit Schwindel und Ăbelkeit, also begleitet mich jemand die 4 Meter bis zur ToilettentĂŒr und ermahnt mich, nicht zuzusperren.
Nachdem ich diesem Meilenstein schon im Laufe des Tages geschafft habe, fĂŒhle ich mich am Abend auch in der Lage direkt neben meinem Bett aufzustehen und die Hand zu heben. Es involviert das Manövrieren und Platzieren der Drainage-Flasche am Schlauch und langsame, vorsichtige Bewegungen, aber es funktioniert. Jetzt, beim aufschreiben, fĂ€llt mir auf, dass ich einfach mein Bett hĂ€tte hochfahren können, damit ich die Steckdose besser erreiche. Die Knöpfe zum hinauf und hinunterfahren von Kopf- und FuĂteil und Bett insgesamt waren zu jedem Zeitpunkt in meiner Reichweite.
Ich darf am Tag nach der OP doch noch nicht nachhause, bin aber schon merklich fitter. Ich bekomme den dicken Verband abgenommen. Er wird durch eine Einwegunterhose ersetzt, die mit einem Schnitt im Schritt (fĂŒr den Kopf) in einen BH umgewandelt wird. Sowas Ă€hnliches mit einer MĂ€nnerunterhose hatte ich schonmal in einem Kleidungs-Lifehack-Video gesehen und fĂŒr unrealistisch befunden, dass das so einfach funktioniert.
Meine ZImmergenossin telefoniert noch immer sehr viel und so höre ich mit, dass sie ihr Datenguthaben stark ĂŒberschritten hat. Ihr Mann ermutigt sie, fĂŒr ihren voraussichtlich vorletzten und letzten Tag doch das Krankenhaus WLAN zu nehmen, das nach ihren Angaben 4 bis 8 Euro kostet. Ein Gigabyte zusĂ€tzliche Daten kosten bei ihrem Handyanbieter auch ca. 4 Euro.
Wir reden anschlieĂend ein wenig ĂŒber das Thema und sie erzĂ€hlt dass sie ihre Zeit gerne mit Radiohören am Handy verbringt, viele YouTube Kochvideos schaut (und sich bei interessanten Rezepten Notizen auf Papier macht) und mit einer App SolitĂ€r spielt. Das macht sie alles mit Kopfhörer. Die Patientinnen vor uns haben ihr geholfen den Klingelton abzuschalten und ich bin diesen Leuten dankbar. Ich finde, dass sich das WLAN lohnt und auch, dass man seinen Krankenhausaufenthalt so angenehm wie möglich gestalten soll. Da ist der Preis akzeptabel. Ich kann schlecht einschĂ€tzen wie groĂ YouTube Videos sind aber mit dem Krankenhaus WLAN ist man auf der sicheren Seite.Â
Ich biete sogar an, nachzusehen, ob und wie man bei YouTube die BildqualitÀt herunterschrauben kann um Daten zu sparen, aber sie ist wild entschlossen die letzten 24 Stunden ohne Internet auszukommen.
Bei dem GesprÀch erfahre ich auch, dass sie ihre HörgerÀte nicht trÀgt, weil im Krankenhaus die Temperatur im Ohr gemessen wird und HörgerÀte die Temperatur verÀndern, die da gemessen wird.
Ich verbringe den Tag damit das Papierbuch zu lesen und Podcast zu hören. Ich muss die LautstÀrke voll aufdrehen um die Telefonate auszudröhnen, was ich sonst nur in lauten Verkehrsmitteln machen muss.
Der letzte Tag im Krankenhaus ist erfreulich schnell vorbei. Bei der Entlassung frage ich interessehalber nach dem WLAN Preis und erfahre, dass es 2 ⏠pro Tag sind.
(verenka)







