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2008 Hamburg
Schilleroper
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Schmieristen und Syphilis: Schiller-Oper, 2. Akt
Die Schiller-Oper – ein halb verfallenes Gebäude mitten in Hamburg. Erbaut um 1890 als Zirkus, dann Umbau zum Theater, in dem sich Hans Albers erste Sporen verdient. Später wird aus dem Gebäude ein Opernhaus. Im zweiten Weltkrieg dient es als Gefangenenlager. Dann ziehen Asylbewerber ein, Restaurants, ein angesagter Club. Inzwischen steht die Stahl- und Wellblechkonstruktion unter Denkmalschutz. Doch das Gebäude verkommt. NDR.de erzählt in drei Teilen die kuriose Geschichte der Schiller-Oper.
Die Schiller-Oper in Hamburg: Das Gebäude steht seit mehr als 120 Jahren, dahinter steht ein tragisches Auf und Ab. Die Geschichte beginnt als hoffnungsfrohes Start-Up im 19. Jahrhundert.
1889 beantragt Paul Busch bei der Stadt Altona die Erlaubnis zur Errichtung eines „Circus mit Stallgebäuden und Restauration“. Ihm schwebt ein zwölfeckiger Bau aus Stahl und Wellblech vor.
Das Hauptgebäude misst dreißig Meter im Durchmesser. Es soll 3.000 Zuschauern Platz bieten. Das Gerüst baut die Firma Hein Lehmann. Sie ist auch für die Wellblechverkleidung der Wände zuständig.
1892 feiert der Zirkus Busch in Altona Eröffnung.
Direktor Paul Busch ist ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat auch in Berlin ein festes Zirkusgebäude. Für seine Shows werben bunte Plakate.
Die Aushänge stellt damals der bekannte Hamburger Lithograf Adolph Friedländer her. Seine Druckerei befindet sich in der Nachbarschaft des Zirkus.
Ob die phantastischen „Wasser-Pantomimen“ des Zirkus-Busch auch in Altona liefen, ist ungewiss. Hartnäckig hält sich jedoch der Bericht, dass damals 120 Eisbären über eine Rutsche ins Zirkusrund rodelten.
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts geht auch die Zirkusgeschichte des Gebäudes zu Ende. 1899 gibt Busch den Standort in Altona auf. Er siedelt in den von ihm aufgekauften Bau des Konkurrenz-Betriebes Renz in Hamburg um. Sein alter Zirkus wird 1905 zum Schiller-Theater umgebaut.
Die bisherige Manege wird jetzt auch als Zuschauerraum genutzt.
Den Namen erhält das Theater in Anlehnung an Friedrich Schiller. Dessen Stück „Wilhelm Tell“ läuft 1905 zur Eröffnung.
Regelmäßig erscheint die Zeitschrift „Die Volksbühne“, in der die Theaterleitung damals über das Geschehen auf und hinter der Bühne informiert.
Geboten werden neben klassischen Theaterstücken auch volkstümliche Programme in niederdeutscher Sprache, Liederabende – und handfeste Auftritte. 1909 wird dem Publikum zum Beispiel ein „Internationaler Ringkampf“ angekündigt.
Das Ensemble von 1913: In diesem Jahr elektrisiert das skandalträchtige Stück „Die Schiffbrüchigen“ von Eugène Brieux das Publikum. Es handelt von der Syphilis. In Altona wird die Aufführung von der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gesponsert.
Im Ersten Weltkrieg geht das Theater pleite. 1918 gibt es einen Neustart. Der neue Leiter Hans Pichler lässt das abgewirtschaftete Haus renovieren. Hier ist der Kassenbereich um 1920 zu sehen. Doch auch Pichler geht 1921 das Geld aus
Das Theater liegt in einer ärmlichen Gegend. Viel Geld haben die Menschen nicht für Kultur übrig. Kinder dürfen kostenlos in die Vorstellungen. Sie machen stets einen großen Teil der Besucher aus. Oft wirken die Nachbarskinder auch selbst auf der Bühne mit.
Auch im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre hat das Schiller-Theater schwer zu kämpfen. Hier ist das angeschlossene Restaurant zu sehen. 1930 lässt die Baupolizei den Betrieb schließen.
1932 erfolgt der Umbau zur Schiller-Oper.
Auch der Zuschauerraum und die Bühne werden umgestaltet. Es gibt nach dem Umbau 1.250 Klappsitze und 100 Stehplätze.
Die Foyerräume erstrahlen nach dem Umbau ebenfalls in neuem Glanz. Am 4. September 1932 wird Eröffnung des Opernhauses gefeiert. Intendant Hanns Walther Sattler erklärt, er wolle das Haus in der Tradition eines Volkstheaters pflegen.
Auf den Eintrittskarten bleibt der alte Name Schiller-Theater zunächst noch erhalten. Gunhild Ohl-Hinz vom St. Pauli-Archiv zeigt ein Original-Ticket von 1933.
Der Sozialdemokrat Sattler stemmt sich lange gegen die „Nazifizierung“ des Betriebes. Doch die Nationalsozialisten drücken mehr und mehr ihr Programm und ihre Leute in die Schiller-Oper. Sattler setzt auf unpolitische Stücke, doch die Besucherzahlen gehen zurück.
1939 kommt das Aus. Dabei beginnt das Jahr mit der Aufführung von Franz Léhars Operette „Giuditta“ noch recht vergnüglich. Der Komponist dirigiert bei der Premiere sogar selbst. Doch im August ist Feierabend für die Schiller-Oper – angeblich wegen mangelnder Luftschutz-Vorkehrungen.
Den Krieg übersteht die Schiller-Oper mit lediglich leichten Schäden. In den nächsten Jahrzehnten wird der Aufführungsraum praktisch nicht mehr genutzt und verfällt. Heute darf das Herzstück des Gebäudes aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden.
Doch auch die Anbauten, in denen in den 1990er-Jahren Asylbewerber wohnten, können schon lange nicht mehr genutzt werden.
Was aus dem maroden Bau werden soll, ist seit Jahrzehnten umstritten. Die Stahlkonstruktion steht unter Denkmalschutz, weil sie „die Zirkusarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts gut dokumentiert und die Ingenieurbauweise des Industriezeitalters hervorragend bewahrt“.
2. Akt: Schmierentheater, Syphilis und Gesang
Ernst Friedrich Michaelis aus Lokstedt kauft Anfang des 20. Jahrhunderts das leer stehende Gebäude und lässt es zum Theater umbauen. Es ist das 100. Todesjahr von Friedrich Schiller – zu Ehren des Dichters nennt Michaelis sein Haus Schiller-Theater. Der Zuschauerraum ist nach Art eines Amphitheaters um eine 12 Meter breite und 16 Meter tiefe Bühne angelegt. Rund 1.500 Besucher finden Platz. Die Eröffnung ist für den 19. April 1905 angesetzt. Doch es gibt Probleme, wie sich die Nachbarskinder Lili und Max Rober später erinnern:
„Da war ein Riesengedränge, die Feuerpolizei ließ die Leute nicht rein. Der Feuerwehrmann hat den eisernen Vorhang probiert, der wollte nicht hoch gehen – da wurde die Eröffnung eben um einen Tag verschoben. Die Leute gingen alle brav nach Hause und kamen am nächsten Tag wieder.“
„Unwürdig von der ersten Szene bis zum letzten Vorhang“
Die künstlerische Bedeutung des Schiller-Theaters wird von Hamburger Seite nicht allzu hoch geschätzt. Zum einen wird ein bisschen herablassend auf das neue Volkstheater in Altona geschaut, zum anderen wittert man Konkurrenz. Und so schreibt der Theaterkritiker Paul Möhring über die Eröffnungs-Vorstellung:
„Es war eine schaurig-schöne Aufführung, unwürdig von der ersten Szene bis zum letzten Fall des Vorhanges. Schon nach dem Auftakt stand fest, dass von dem neuen Theater nicht viel zu erwarten war.“
Den damaligen Direktor Hermann Kampehl-Gürcke nennt Möhring gar einen „Schmierist erster Ordnung“.
Weil ein Großteil des Publikums aus dem umliegenden Arbeiterviertel sich keine teuren Eintrittskarten leisten kann, müssen die Theatermacher knapp kalkulieren: Es wird wenig geprobt, die Bühnenarbeiter sind Werftarbeiter, die sich nach Feierabend noch etwas dazu verdienen, Kinder aus der Nachbarschaft geben das Tanzensemble. Auch haftet die Zirkus-Vergangenheit noch an dem Bau: Unter den Bühnenbrettern müffelt es nach Tier, Ratten flitzen herum. Eigentümer Michaelis, von Beruf eigentlich Architekt, erklärt sich 1909 selbst zum Theaterdirektor – als weitere Sparmaßnahme.
Die Mär vom Sprungbrett für den „blonden Hans“
Neben Klassikern und modernen Werken lässt Michaelis gerne Stücke in niederdeutscher Sprache aufführen. In zwei dieser Schauspiele tritt 1913 ein junger Mann auf, der später weltberühmt wird: Hans Albers. Ist das Schiller-Theater das Karriere-Sprungbrett für den „blonden Hans von der Waterkant“, wie später immer wieder behauptet wird? Schiller-Oper-Expertin Anke Rees meint, dass Albers für das Schiller-Theater eine ähnliche Rolle spielt wie zuvor die Eisbären für den Zirkus: Eine Marginalie, die im Nachhinein aufgebauscht wurde. Albers habe lediglich ein paar kleine Auftritte gehabt. „Aber solche Legenden sind wichtig für die Erinnerung der Menschen. Sie geben den vielen kleinen Dingen, die noch im Gedächtnis sind, einen Rahmen, auch wenn der gar nicht immer passt. Und sie verstärken die Atmosphäre bestimmter Bauwerke.“
Sogar Ringkämpfe auf dem Spielplan
Das Schiller-Publikum bekommt damals nicht nur Sprechtheater geboten: Im Sommer bucht Michaelis die saisonbedingt arbeitslosen Künstler der Staatsoper und lässt sie in Altona spielen. Auch Artisten-Auftritte und selbst Ringkämpfe stehen auf dem Spielplan. Michaelis holt auf die Bühne, was dem Volk gefällt. „Die Volksbühne“ heißt auch das regelmäßig erscheinende Heft, das über das Geschehen im und am Schiller-Theater informiert. Und der Direktor nutzt diese Schrift gerne auch in eigener Sache: „Er war ja ein heimlicher Dichter, hat immer Gedichte geschrieben, die er dann in den Programmheften veröffentlichen ließ“, erinnert sich Tochter Edith.
Wilde Dramen auf und hinter der Bühne
Kleine und große Dramen gibt es auch außerhalb des Spielplanes: Direktor Michaelis wird eine Affäre mit einer jungen Schauspielerin nachgesagt. Seine eifersüchtige Ehefrau stürzt daraufhin mitten in einer Aufführung auf die Bühne des Schiller-Theaters und vertrimmt die Nebenbuhlerin mit einer Reitpeitsche. Andere Ensemble-Mitglieder, so erfuhr der inzwischen verstorbene Filmemacher und NDR Redakteur Horst Königstein um 1980 in Zeitzeugen-Interviews, vergnügen sich damals mit Verehrerinnen aus dem Publikum. Wenn sich die Verliebten heimlich treffen, stehen Kinder aus der Nachbarschaft für ein paar Groschen Schmiere.
Eine Geschlechtskrankheit füllt die Kassen – dann folgt die Pleite
Einen der größten Erfolge feiert das Theater mit dem Stück „Die Schiffbrüchigen“ von Eugène Brieux. Die Aufführung wird von der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gesponsert, denn in dem Werk geht es um die Syphilis. Conrad Kayser, dessen Vater damals die Programmhefte druckte, erzählt:
„Das war ja ein ganz hartes Thema. Das handelte davon, dass es Krankheiten gibt, die man nicht so gern erwähnt. Und die man vor allem nicht gerne hat. Das war ein großer Renner! Es war so, dass man sich schämte, wenn man sich dieses Stück ansah. Ich bin mit Schulkameraden reingegangen, aber mit gesenktem Kopf.“
„Die Schiffbrüchigen“ läutet auch das Ende der großen Zeit des Schiller-Theaters ein: Michaelis schickt sein Ensemble mit der erfolgreichen Inszenierung auf Tournee. Als 1914 der Krieg beginnt, brechen die Einnahmen ein. 1916 ist der Architekt mit seinem Theater pleite.
„Hinhaltetaktiken, Behördenwillkür und falsche Zusagen“
Das Schiller-Theater wechselt mehrfach den Besitzer. Doch Krieg, Revolution und die unruhigen Nachkriegsjahre lassen keine große Blüte mehr aufkommen. Dabei beschert eine Fusion mit dem Altonaer-Stadttheater dem privaten Schiller-Theater sogar erstmals öffentliche Zuschüsse. Und auch künstlerisch findet das Haus unter Max Ellen, der 1923 das Ruder in die Hand nimmt, durchaus positive Beachtung. Doch es fehlt an Geld, um das Haus zu erhalten und das Personal zu bezahlen. Historikerin Rees vermutet, dass Ellen wegen seiner jüdischen Herkunft bewusst Steine in den Weg gelegt werden. Sie spricht von „Hinhaltetaktiken, Behördenwillkür und falschen Zusagen“. Im April 1931 wird das Haus zwangsversteigert. Es fällt für 28.500 Reichsmark an den Justizrat Dr. Otto Wolff aus Altona.
Opernzeit im Nationalsozialismus
Wolff lässt das Theater erneut umbauen – zum Opernhaus. Für die Leitung engagiert er den aufstrebenden Theatermacher Hanns Walther Sattler. 1932 ist Eröffnung mit dem „Freischütz“. Die Premiere wird sogar im Radio übertragen. Doch die Zeiten sind nicht sehr kulturfreundlich: Immer wieder gibt es jetzt in der Nachbarschaft blutige Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Kommunisten. Direktor Sattler, Sozialdemokrat und Freimaurer, überlässt die Bühne zwar nachts gerne mal linken Aktivisten. Doch auch die „Nationalsozialistische Gastspielbühne“ muss er nach der NS-Machtübernahme auftreten lassen – mit einem Stück von Joseph Goebbels. Sattlers ursprüngliches Ensemble schwindet dahin, weil immer mehr jüdische Mitarbeiter fliehen müssen. Noch einige Zeit kann sich Sattler mit dem Regime arrangieren. Er holt Mitläufer und Nazis in sein Haus, verhält sich aber andersdenkenden Mitarbeitern gegenüber loyal, wie Zeitzeugen später betonen. Der Schlingerkurs funktioniert bis 1939. Dann machen die Behörden die Schiller-Oper dicht. Offizielle Begründung: Es gebe keinen Luftschutzraum. Das letzte Programm am Silvestertag trägt den Titel „Drei heitere Stunden“.
Lesen Sie, wie die Geschichte der Schiller-Oper weitergeht! Absurdes Theater, nachdem das Theater längst geschlossen ist:
3. Akt: Gefangene, Verfall und ungewisse Zukunft – zu lesen ab Sonntagmittag gegen 12 Uhr
Den ersten Akt können Sie hier nachlesen:
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Schiller-Oper: Wo in Altona der Eisbär steppte
Altona im Jahr 1892: Eisbären stampfen durch die Manege, Akrobaten fliegen durch die Luft. In Scharen strömen die Besucher in den runden Wellblech-Zirkus. Gleiches Gebäude, ein paar Jahre später: Wilhelm Tell trifft auf der Bühne ins Schwarze und Hans Albers hat seine ersten Auftritte. Dann schmettern Tenöre schmalzige Arien in der Rotunde. Die Schiller-Oper – erst Zirkus, dann Theater, später Opernhaus. Und heute? Ein Schrotthaufen unter Denkmalschutz, mitten in Hamburg. NDR.de erzählt in drei Teilen das tragische Auf und Ab der Schiller-Oper.
Die Schiller-Oper in Hamburg: Das Gebäude steht seit mehr als 120 Jahren, dahinter steht ein tragisches Auf und Ab. Die Geschichte beginnt als hoffnungsfrohes Start-Up im 19. Jahrhundert.
1889 beantragt Paul Busch bei der Stadt Altona die Erlaubnis zur Errichtung eines „Circus mit Stallgebäuden und Restauration“. Ihm schwebt ein zwölfeckiger Bau aus Stahl und Wellblech vor.
Das Hauptgebäude misst dreißig Meter im Durchmesser. Es soll 3.000 Zuschauern Platz bieten. Das Gerüst baut die Firma Hein Lehmann. Sie ist auch für die Wellblechverkleidung der Wände zuständig.
1892 feiert der Zirkus Busch in Altona Eröffnung.
Direktor Paul Busch ist ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat auch in Berlin ein festes Zirkusgebäude. Für seine Shows werben bunte Plakate.
Die Aushänge stellt damals der bekannte Hamburger Lithograf Adolph Friedländer her. Seine Druckerei befindet sich in der Nachbarschaft des Zirkus.
Ob die phantastischen „Wasser-Pantomimen“ des Zirkus-Busch auch in Altona liefen, ist ungewiss. Hartnäckig hält sich jedoch der Bericht, dass damals 120 Eisbären über eine Rutsche ins Zirkusrund rodelten.
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts geht auch die Zirkusgeschichte des Gebäudes zu Ende. 1899 gibt Busch den Standort in Altona auf. Er siedelt in den von ihm aufgekauften Bau des Konkurrenz-Betriebes Renz in Hamburg um. Sein alter Zirkus wird 1905 zum Schiller-Theater umgebaut.
Die bisherige Manege wird jetzt auch als Zuschauerraum genutzt.
Den Namen erhält das Theater in Anlehnung an Friedrich Schiller. Dessen Stück „Wilhelm Tell“ läuft 1905 zur Eröffnung.
Regelmäßig erscheint die Zeitschrift „Die Volksbühne“, in der die Theaterleitung damals über das Geschehen auf und hinter der Bühne informiert.
Geboten werden neben klassischen Theaterstücken auch volkstümliche Programme in niederdeutscher Sprache, Liederabende – und handfeste Auftritte. 1909 wird dem Publikum zum Beispiel ein „Internationaler Ringkampf“ angekündigt.
Das Ensemble von 1913: In diesem Jahr elektrisiert das skandalträchtige Stück „Die Schiffbrüchigen“ von Eugène Brieux das Publikum. Es handelt von der Syphilis. In Altona wird die Aufführung von der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gesponsert.
Im Ersten Weltkrieg geht das Theater pleite. 1918 gibt es einen Neustart. Der neue Leiter Hans Pichler lässt das abgewirtschaftete Haus renovieren. Hier ist der Kassenbereich um 1920 zu sehen. Doch auch Pichler geht 1921 das Geld aus
Das Theater liegt in einer ärmlichen Gegend. Viel Geld haben die Menschen nicht für Kultur übrig. Kinder dürfen kostenlos in die Vorstellungen. Sie machen stets einen großen Teil der Besucher aus. Oft wirken die Nachbarskinder auch selbst auf der Bühne mit.
Auch im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre hat das Schiller-Theater schwer zu kämpfen. Hier ist das angeschlossene Restaurant zu sehen. 1930 lässt die Baupolizei den Betrieb schließen.
1932 erfolgt der Umbau zur Schiller-Oper.
Auch der Zuschauerraum und die Bühne werden umgestaltet. Es gibt nach dem Umbau 1.250 Klappsitze und 100 Stehplätze.
Die Foyerräume erstrahlen nach dem Umbau ebenfalls in neuem Glanz. Am 4. September 1932 wird Eröffnung des Opernhauses gefeiert. Intendant Hanns Walther Sattler erklärt, er wolle das Haus in der Tradition eines Volkstheaters pflegen.
Auf den Eintrittskarten bleibt der alte Name Schiller-Theater zunächst noch erhalten. Gunhild Ohl-Hinz vom St. Pauli-Archiv zeigt ein Original-Ticket von 1933.
Der Sozialdemokrat Sattler stemmt sich lange gegen die „Nazifizierung“ des Betriebes. Doch die Nationalsozialisten drücken mehr und mehr ihr Programm und ihre Leute in die Schiller-Oper. Sattler setzt auf unpolitische Stücke, doch die Besucherzahlen gehen zurück.
1939 kommt das Aus. Dabei beginnt das Jahr mit der Aufführung von Franz Léhars Operette „Giuditta“ noch recht vergnüglich. Der Komponist dirigiert bei der Premiere sogar selbst. Doch im August ist Feierabend für die Schiller-Oper – angeblich wegen mangelnder Luftschutz-Vorkehrungen.
Den Krieg übersteht die Schiller-Oper mit lediglich leichten Schäden. In den nächsten Jahrzehnten wird der Aufführungsraum praktisch nicht mehr genutzt und verfällt. Heute darf das Herzstück des Gebäudes aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden.
Doch auch die Anbauten, in denen in den 1990er-Jahren Asylbewerber wohnten, können schon lange nicht mehr genutzt werden.
Was aus dem maroden Bau werden soll, ist seit Jahrzehnten umstritten. Die Stahlkonstruktion steht unter Denkmalschutz, weil sie „die Zirkusarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts gut dokumentiert und die Ingenieurbauweise des Industriezeitalters hervorragend bewahrt“.
1. Akt: Zirkus Buschs Tempel der Versuchung
Im August 1889 stellt der aufstrebende Zirkusbetreiber Paul Busch ein Baugesuch bei der Stadt Altona, die damals noch nicht zu Hamburg gehört. Ein „Circus mit Stallgebäuden und Restauration“ schwebt ihm vor. Es entsteht ein zwölfeckiger Kreisel aus Stahl und Wellblech. Das Hauptgebäude misst dreißig Meter im Durchmesser. Es soll 3.000 Zuschauern Platz bieten. Herzstück ist die Arena, die von einem riesigen Kronleuchter beschienen wird. Im Mai 1892 ist Eröffnung. Busch verspricht auf bunten Plakaten sensationelle Unterhaltung: „Engel im Löwenkäfig“ und „Tempel der Versuchung“ heißen seine Shows. Sie drehen sich um tollkühne Artisten, exotische Tänzerinnen, dressierte Hengste und wilde Tiere.
„Zwischen harten Kämpfen zeigten unsere Springpferde ihr Können“
Ein Stück heißt „Klondike“. Es thematisiert den Goldrausch in Kanada. Paula Busch, Tochter des Zirkusdirektors, schreibt später darüber:
„Im ersten Akt soffen und schossen die Desperados, die Goldsucher und ihre Hyänen, in wüsten Hafenkneipen herum. Dann folgte ein veritabler Indianer-Sketch, und am Klondike-River zeigten bei harten Kämpfen zwischen Gut und Böse, zwischen Weiß und Braun, unsre Springpferde ihr Können.“
Als Höhepunkt sei eine große Platte von der Zirkuskuppel heruntergelassen worden, auf der eine indianische Tempelhöhle nachgebaut war.
„In diesen Felsendom aus purem Gold legt der Graue Wolf reumütig einen entführten Knaben der Weißen nieder und entflieht. Das in einer magischen Strahlenaureole ruhende Kind wird nun umtanzt von den Elfen des Glücks. Also kurzum: das große Ballett tritt in Aktion.“
Aufwendige Zirkus-Shows haben Konjunktur im ausklingenden 19. Jahrhundert: Unweit von Buschs Neubau residiert seit Jahren am Rande der Reeperbahn der Zirkus Renz in einem festen Gebäude. Auf dem Heiligengeistfeld stehen fast ständig Zirkuszelte. Und auch ein Raubtierdompteur namens Willy Hagenbeck findet sein Publikum.
Elefanten und Pygmäen als Attraktion in Altona
Der inzwischen verstorbene Filmemacher und NDR Redakteur Horst Königstein hat um 1980 mit betagten Hamburgern gesprochen, die diese Zeit selbst miterlebten. Lilli Rober und ihr Bruder Max wohnten als Kinder neben dem Zirkus.
Lili: „Entsinnst Du, wie der Elefant gestorben ist?“ Max: „Ja. Da habe ich dagestanden, wie sie ihn auseinandergeschnitten haben, damit sie ihn aus dem Hof rauskriegten.“
Lili erzählt, wie sie als Vierjährige im Zirkusballett mittanzte. Und sie berichtet von einem Pygmäenpärchen aus der Show, das bei ihrer Familie zur Untermiete wohnte.
„Ein richtiges kleines Paar, so groß wie Champagnerflaschen.“ Max erinnert sich an die Musik, die man ständig auf den Straßen hörte: „Tsching – Tsching – Tschingdarassabumm.“
Wie ein Kohlenhändler an Tiger und Löwen kam
Altona ist damals eine ärmliche Stadt und völlig überbevölkert. Handwerker leben dort, Angestellte und Arbeiter. Wer überhaupt einen Job hat, kann froh sein – Altona hat zu der Zeit in ganz Deutschland die meisten Arbeitslosen. Für die Kinder ist es eine Sensation im tristen Alltag, dass plötzlich wilde Tiere aus Afrika durch ihre Gassen brüllen. „Bubi“, der Sohn des Kohlenhändlers Schwartau, erzählt, dass nach der Zirkus-Vorstellung immer eine große Bühnen-Leiter bei ihnen untergestellt wurde.
„Sie wurde mit einem Elefanten zu uns rübergefahren.“ Und es wurde noch aufregender: Weil es im Zirkus Platzprobleme gab, kamen mitunter Raubtiere beim Kohlenhändler unter: „Löwen und Tiger. Die mussten dann bei uns nachts im Lager abgestellt werden.“
Im angrenzenden Hamburg wütet in jenen Jahren die Cholera.
Die fabelhafte Revue mit 120 Polarbären
Es gibt Berichte über spektakuläre Tiernummern damals bei Zirkus Busch: „Ludwig XIV. und seine Abenteuer“ heißt eine Show und eine andere: „Nach Sibirien“. Sie soll darin gegipfelt haben, dass der Boden der Manege abgesenkt und mit Wasser gefüllt wurde. 120 Eisbären sollen dann über eine Rampe von der Zirkuskuppel aus in das Becken gerutscht sein. Das klingt unglaublich und ist es auch. Die Hamburger Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Anke Rees hat jahrelang über die Geschichte der Schiller-Oper geforscht. Sie diese Schilderung der legendären Eisbärnummer für deutlich übertrieben. Die Arena sei für so viele Tiere zu klein gewesen. Und es habe dort wohl kein derartiges hydraulisches Wasserbecken gegeben. Dafür allerdings in anderen Busch-Zirkussen – in Berlin und auch in dem Gebäude an der Hamburger Reeperbahn, in das Busch später übersiedelte. „Immer wieder ranken sich Mythen um die Schiller-Oper“, meint Rees.
Nach einigen Jahren endet die aufregende Zirkuszeit in Altona. Grund ist allerdings kein Misserfolg – im Gegenteil: Paul Busch ist so erfolgreich, dass er 1899 den Konkurrenten Renz aufkauft. Busch zieht mit seinem Zirkus in dessen Gebäude am Millerntor um.
Lesen Sie morgen und übermorgen bei NDR.de, wie die Geschichte der Schiller-Oper weitergeht!
2. Akt: Schmierentheater, Syphilis und Gesang – zu lesen ab Samstagmittag gegen 12 Uhr
3. Akt: Gefangene, Verfall und ungewisse Zukunft – zu lesen ab Sonntagmittag gegen 12 Uhr
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