Voll mütterlicher Liebe
Meine liebe, kleine Sonja,
ich weiß nicht, ob dich diese Nachricht erreichen wird, aber dein Opa hat gesagt, dass die HuPods trotz allem doch auch Menschen seien. Und darum ist vielleicht auch noch etwas Gutes in ihnen, weil der Mensch ja im Grunde seines Herzens gut ist. Das ist deshalb wichtig, weil eine der HuPods mich angesprochen hat. Sie meinte, sie würde für mich heimlich diesen Brief für dich überbringen. Leider konnte ich mir ihren Namen nicht merken. Weil ihr Name besteht - wie bei vielen der HuPods - nur aus unverständlichen Nummern und Buchstaben.
Aber sie meinte, sie wolle dir diese Zeilen überbringen. Ich schreibe auch, damit du weißt, was mit deiner Mama passiert ist. Du wirst denken, dass ich einfach so verschwunden bin. Und ich weiß schon gar nicht mehr genau, wie lange es her ist. Ich bin in einer Zelle eingesperrt, ohne Fenster. Da verliert man das Gefühl für die Zeit. Alles ist aus Zement hier. Sehr traurig und kahl. Aber auf dem Weg hierher durch die übrige Residenz, sah alles genauso aus: Roh und dunkel. Ich bin auch an einem Schlafsaal von den HuPods vorbeigekommen. Sie haben auf ihren Betten nicht mal Matratzen oder Kissen! Stattdessen scheinen sie ihren Kopf auf irgendwelche kleinen Nackenstützen zu legen. Aber stelle dir das mal vor, ohne Bettzeug zu schlafen! Sogar ich habe eine Matratze und ein Kissen hier in meiner Zelle. Aber dennoch scheinen die HuPods glücklich zu sein. Allerdings starren sie dabei oft ins Nichts und scheinen mit sich selbst zu reden. Es gibt hier so viel, was ich nicht verstehe.
Ich habe die HuPod, die dir diese Botschaft überbringen wird, über vieles ausgefragt. Aber sie wollte nichts sagen; sagte nur, dass sie hier eindeutig glücklich sei. Und ich habe keinen Grund, ihr nicht zu glauben. Denn trotz der trüben Umstände hier scheint sie zufrieden zu sein.
Beinahe hätte ich vergessen, dir zu schreiben, wie ich hierhergekommen bin. Dazu weiß ich nicht viel. War draußen auf der Suche nach Essen, spürte einen Stich im Nacken und wachte dann in dieser Zelle wieder auf.
Ich glaube, sie wollen wissen, wo dein Papa ist. Zumindest befragen sie mich zu ihm ständig. Aber als er verschwand, hat er mir ja auch nichts gesagt. Er meinte nur, dass es so besser wäre. Und nach zehn Jahren Ehe glaube ich ihm das auch. Alle wichtigen Informationen hat er seiner Schwester, also deiner Tante Xandra, hinterlassen. Und wenn er meint, dass es genüge, dass sie es wisse, dann wird das seine Richtigkeit haben.
In diesem Zusammenhang hoffe ich auch, dass deine Tante gut auf dich aufpasst. Denke daran, nicht die Siedlung zu verlassen und immer auf die Ältesten zu hören. Ich bin mir sicher, wenn die HuPods hier feststellen, dass ich nichts weiß, werden sie mich bald wieder zu dir gehen lassen.
Ich hoffe, der Brief wird dich schnell erreichen. Die HuPod, die ihn überbringt, hat von mir die Wegbeschreibung zur Ansiedlung bekommen.
In liebster Umarmung
Deine Mama
9. Oktober 38
handgeschriebener und geöffneter Brief
Fundort: Residenz S-Alpha
Zeit der Erstellung: 09.10.38 d.K.












