307 Playlist: âUnterwegs zwischen Heimatenâ
Keine meiner Playlists ist ein Sammeln von Songs. Diese hier ist ein Bewegungsprotokoll. Mein Weg ist nie eine gerade Linie, sondern ein mĂ€andernder Fluss durch eine Landschaft aus Zeit, Welt, Erinnerungen, Menschen, aber auch banal Haltestellen, VerspĂ€tungen und falschen Gleisen. Und nichts könnte dies alles gleichzeitig schöner ausdrĂŒcken als Musik, finde ich.
Ich liebe das Losfahren. Egal wohin, wenn es eine lÀngere Strecke gehen soll, dann freue ich mich. Also erst mal das feiern:
âIâm on My Wayâ von The Proclaimers: Aufbruch mit Dialekt im Mund und einer Richtung⊠vorwĂ€rts.
âRoad to Nowhereâ von den Talking Heads: eine nĂŒchterne Wahrheit, die niemanden schockieren sollte: Wir wissen nicht, wo wir ankommen. Das macht das Leben in jeder Sekunde zu einem Abenteuer, aber selten so sehr wie wenn man eine Reise antritt. âEs ist eine gefĂ€hrliche Sache, aus deiner TĂŒr hinaus zu gehen. Du betrittst die StraĂe und wenn du nicht auf deine FĂŒĂe aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.â [J.R.R. Tolkien]. Und selbst wenn du das Ziel erreichst weiĂt du nicht als wer du ankommst⊠darum geht es ja in den Blitzlichtern zu dieser Reise.
âHighway to Hellâ von AC/DC: Dieser Song steht fĂŒr meine Lebenshaltung. Wenn es einen Richter gĂ€be, irgendein Schöpferdings, wĂŒrde ich zu allem stehen und ehrlich bereuen wo ich anderen weh getan habe. Ich wĂŒrde jede Konsequenz dafĂŒr akzeptieren. Wenn mich aber irgendwas oder irgendwer fĂŒr meine Liebe zum Leben und zum Körper verurteilt, wenn mir irgendwer auflistet wann ich mit wem nicht hĂ€tte schlafen dĂŒrfen⊠dann kriegt Schöpferdings zwei Mittelfinger und soll verfahren wie es mag, es ist dann mein Feind, egal wie unterlegen ich bin.
âOn the Road Againâ von Canned Heat und âLife Is a Highwayâ von Tom Cochrane: Das sind fĂŒr mich Hymnen des Unterwegsseins, staubig, nach vorn. Besonders Cochrane macht hier einfach Lust auf Reise, egal wohin.
âSweet Home Alabamaâ von Lynyrd Skynyrd: Das ist kein Ort, sondern ein Zustand. Heimat, die nicht geografisch funktioniert, sondern biografisch. Ich habe viele Heimaten und reise zwischen ihnen. Der Spessart, aber auch NĂŒrnberg, Bingen, der Ruhrpott, Wilhelmshaven. Gib mir nen Schlafsack und ich werde davon reden, jetzt heimzugehen, wenn ich schlafen gehe. Denn ich hab mein eigentliches Zuhause immer mit dabei, ich wohne in mir selbst. Und das verdanke ich der starken Verwurzelung im Buntsandstein unter Spessarteichen. Mein Sweet Home Alabama.
âHomeward Boundâ von Simon & Garfunkel: Heimat ist dort wo meine Musik spielt, wo die sind die ich liebe⊠also wieder im Spessart, im Rheinland, in NĂŒrnberg, im Ruhrpott und ja, vor allem in Wilhelmshaven. Egal wie ich es drehe, ich hab viele Heimaten und so bin ich im Gegensatz zum Protagonisten dieses Liedes, fast immer nach Hause unterwegs.
âLeaving on a Jet Planeâ von Peter, Paul and Mary (ich liebe deren Version): Das ist Abschied vom Nordseehimmelmensch ohne Drama, weil RĂŒckkehr mitgedacht ist.
âThe Passengerâ von Iggy Pop: Der Song ist oft das Motto meines Lebens. Der Beobachterposten und die Landschaft ziehen lassen. Besonders wenn alles stressig wird sitze ich auch mal ein paar Wochen in meinem Elfenbeinturm (meist hab ich im Dachgeschoss gewohnt) und schaue nach unten (und ins Internet) was Leute so tun. Dann erst tief durch schnaufen und wieder selbst rein stĂŒrzen.
âGracelandâ von Paul Simon: Ich fahre nicht nach Memphis, nicht zu Elvis, wobei am Ende doch ja, das weiĂ ich aber noch nicht als ich Graceland in die Liste nehme. So ist das auf der âRoad to Nowhereâ, man weiĂ nie wo man ankommt. Ich fahre zu meinem Ursprung und der ist ja immer ein bisschen Elvis, das weiĂ ich ja, immer ein bisschen Musik. Und Menschen und Wald und Boden und FlĂŒsse und HĂŒgel und Geschichte und GeschichtenâŠ
âGoing Up the Countryâ von Canned Heat: Ich liebe die Stadt. Wilhelmshaven ist mir fast zu klein. Ich liebe die Möglichkeiten, die Freiheit, die InternationalitĂ€t, die AnonymitĂ€t⊠aber ich bin vom Kaff. Schlimmer, ich bin Kind eines Bauerns. Das kriegst du aus dem Mensch nicht raus⊠und dann muss ich manchmal raus. Und darĂŒber reden dass der Mais dieses Jahr gut aussieht⊠dabei hatten wir nicht mal Acker⊠na ja, ich verstehe mich da auch nicht.
âIâm Gonna Be (500 Miles)â von den Proclaimers (ich liebe Dialekte): Das ist einer meiner All-time-favorites. Und an der Stelle etwas Ironisch, denn ich fahre von meinem Herr Schmitt ja weg⊠Aber es gibt noch mehr Menschen, die ich liebe. Viele davon treffen sich dieses Wochenende im Spessart. FAMILIE! Ich wĂŒrde 500 Meilen fĂŒr euch laufen⊠oder 500 km DB und wieder zurĂŒck und von meinem Liebsten weg fĂŒr euch fahren, nur um mit euch ein Wochenende zu verbringen. Also ich wĂŒrde nicht nur, ich tue.
âDown by the Riverâ von Albert Hammond: Come in the water is fine⊠das wĂ€re meist eine LĂŒge in deutschen GewĂ€ssern, aber es ist ein Land der FlĂŒsse und ich liebe dieses Lied mit seinem fröhlichen, leicht frechen Klang.
Dann gibt mir mein Nordseehimmelmensch zwei Songs:
âEvery You Every Meâ von Placebo: Muss man in den 90ern eigentlich ein Teeny gewesen sein um nach 3 Sec einen Film dazu vor Augen zu haben? Reiche junge Leute, die nichts besseres zu tun haben als sich gegenseitig zu verfĂŒhren, zu manipulieren und sich dann doch zu verlieben und schlieĂlich zu sterben⊠Haben eigentlich alle diesen Film gesehen damals? Wir waren schrĂ€g⊠Aber die Musik war fantastisch.
Und der zweite Song⊠na ja, der ist viel schwieriger fĂŒr mich.
âLet Me Love Youâ von Mario: Ăh, ja⊠das ist sehr⊠glatt. Mein Ohr findet keinen Ansatzpunkt. Aber er bleibt auf der Liste, weil der Herr Schmitt wohl irgendwas darin findet und ich in Herrn Schmitt.
âGalvanizeâ von den Chemical Brothers: Das ist genau was ich an Hip Hop (ich denke es ist Hip Hop, das ist nicht meine eigentliche Musik Richtung) liebe. Die Beats, der Bass, dieser TANZIMPERATIV. Das fehlt mir bei R&B⊠und wenn es noch dazu glatt durchgestylt wie âLet me love youâ daher kommt, dann finde ich darin nix.
âI (Who Have Nothing)â von Tom Jones: Ich lasse mir aber nicht nachsagen ich wĂŒrde Schmalz grundsĂ€tzlich ablehnen⊠Tom Jones schreit die Verzweiflung ĂŒber unterschiedliche LebensrealitĂ€ten geradezu heraus. NatĂŒrlich passt es nicht ganz zu meiner Situation mit Herrn Schmitt, aber genug um das GefĂŒhl zu kennen, dass hier besungen wird.
âEin ehrenwertes Hausâ von Udo JĂŒrgens: Denn genau dieses GefĂŒhl hab ich schon gehabt: âIch passe nicht in dein Leben. Ich bin nicht angemessen. Hast du eigentlich deinen Eltern schon gesagt, dass ich Erwerbsminderungsrente beziehe?â
âMidnight Cityâ von M83: Steht fĂŒr mich fĂŒr die Stadt ohne Tageszeit. Möglichkeiten in neon, statt grĂŒn. Ein Song, der von einer Person kommt, die irgendwie zum fĂŒr ihn falschen Zeitpunkt da war und trotzdem nicht weg ist.
âSend Me on My Wayâ von Rusted Root: Der Song ist ein entspannter Widerspruch in meiner Liste: Niemand muss mich schicken. Ich gehe selbst. Doch wer ihn mal gehört hat wird wissen warum er bleiben darf.
âDriveâ von Incubus: Den hab ich gar nicht gesucht, sondern zufĂ€llig bei der Suche nach âDriveâ von R.E.M. gefunden und er passte so gut zu mir, er durfte bleiben. Auch wenn ich mich in fĂŒr mich neue Songs erst âeinhörenâ muss. Meine Ăngste, meine Unsicherheit alles ist hier drin.
âDriveâ von R.E.M.: Muss ich dazu viel sagen? Tic Tac⊠What ifâŠ? Maybe⊠Nobody tells you where to go⊠Verdammt noch mal, hört euch den Song einfach an. Meiner Meinung nach der Beste ĂŒberhaupt von R.E.M. und das heiĂt schon was.
âDriverâs Seatâ von Sniff ânâ The Tears: Ich fahre los und ICH sitzâ am Steuer!
âRun Runawayâ von Slade: GALOPP! Der Umstieg wird ernsthaft knapp. Schneller, renn⊠run runawayâŠ
âDie Moldauâ von Bedrich Smetana: Ich hab den Anschluss verpasst. Jetzt Kaffee, FrĂŒhstĂŒck, durch schnaufen und wĂ€hrend des still Stehens: 13 Minuten einem Fluss bei seinem Lauf zuhören. Landschaft, die sich selbst erzĂ€hlt.
âHotel California (Live on MTV, 1994)â von den Eagles: Der Bass ein Herzschlag, die Gitarren streicheln meine Emotionen, der Text wird Nebensache, die Stimme besĂ€nftigt alle Sorgen. Ein Lied aus meiner Notfallliste. Grad bin ich nicht im Notfall, aber ab und an muss der Song auch so sein, zum Beispiel wĂ€hnend ich nen Apfel esse und dem Regen am Bahnhof in Duisburg zusehe bis der nĂ€chste Zug nach Koblenz fĂ€hrt.
âWhat a Wonderful Worldâ von Louis Armstrong: Der Song lief nur an, weil er auf der Notfallliste nach âHotel Californiaâ dran ist. Aber diese Mischung aus Liebe fĂŒr die Welt und sie dennoch realistisch sehen, ist auch meine Art wie ich versuche auf das Leben zu blicken. Und Armstrong hat eine Stimme die schlicht gut tut.
âLay Down Sallyâ von Eric Clapton: Das spielt nicht Mr. Slowhand fĂŒr mich. Das ist meine Mutter, die sagt: âSetz dich erst mal! Hast du schon gegessen?â um dann 2 Minuten spĂ€ter irgendeine Aufgabe fĂŒr mich zu haben⊠Eltern sind halt leider nicht ClaptonâŠ
âNew York Grooveâ von Ace Frehley und âNĂŒrnberg Grooveâ von J.B.O. (als respekt- und humorvolles Cover): MAINHATTAN! Du nervst, ich mag dich, du hast die unhöflichsten Menschen, ich fahr die Ellenbogen aus, sobald deine Skyline glitz⊠nein die glitzert nicht mal mehr, sieht aus als wĂ€rst du in die Jahre gekommen, ich bin dich noch zu sehr gewohnt um dich schĂ€tzen zu können⊠FĂHRT DER VERDAMMTE RE55 SCHON WIEDER VON NEM ANDEREN GLEIS! Du machst das mit Absicht, ich hasse dich FFM, bis ich dich wieder vermisse, du dreggische Real-Version von Ankh-Morpork.
âCountry Trashâ (American Recordings III: Solitary Man) von Johnny Cash: Ich bin ja auch nicht aus FFM, sondern aus nem Kaff im Spessart und wie bereits erwĂ€hnt: Kind von nem Bauern. Doch Cash singt hier keine Verachtung fĂŒr das Kleine und leicht SpieĂige, sondern Anerkennung.
âThree Lions (Footballâs Coming Home)" von Baddiel, Skinner & Lightning Seeds Der Song ist diese alte Abenteurerhoffnung einmal derart frenetisch zu Hause begrĂŒĂt zu werden. Der Held fĂŒr die eigenen Leute zu sein⊠Na ja⊠meine Mutter hatte die TĂŒr offen, sagte: âDa bist du ja. Hast du schon was warmes gegessen? Ich hab Leberknödelsuppe gemacht.â Realistisch betrachtet ist das der bessere Empfang.
Und am Ende steht Elvis mit "Donâtâ.
Nicht als Schluss, sondern als Ursprung. Ich hab mit meiner Mutter begonnen ihre Geschichten aufzuschreiben und sie erzĂ€hlte mir die Kennenlerngeschichte mit meinem Vater, Teile davon kannte ich, auch das Tanzen ein ausschlaggebender Faktor war. Sie erzĂ€hlte mir aber als Premiere, dass es der Song âDonâtâ war zu dem sie das erste Mal mit ihm verliebt getanzt hatte. Und so war meine Reise doch irgendwie nach âGracelandâ.
Danke an Elvis, danke an den Rock ânâ Roll, danke an die Musik. In meiner Familie und meinem eigenen Leben, war die Musik schon immer fast eine eigene handelnde Person. Aber sie ist auf jeden Fall:
Der Soundtrack meines Lebens