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2. Juni 2017
Rumstromern mit dem Klapprad
Während Aleks “Rücken” hat, hab ich “Bauch”. Beides ist doof. Beides wird man nicht so einfach wieder los. Während “Rücken” schmerzt und einen auf diese Weise am sich Bewegen hindert, tut “Bauch” eigentlich nicht weh – es sei denn, die Hose kneift – sorgt aber ebenfalls dafür, dass man sich nicht bewegt, obwohl das als Gegenmaßnahme durchaus hilfreich wäre.
Fahrradfahren wird ja von vielen propagiert. Darauf angesprochen zetere ich immer rum, dass das viel zu gefährlich ist, was ich auch mit zahlreichen Unfallakten in meinem Büro belegen kann. Schließlich nahm meine Zur-Arbeit-mit-dem-Rad-fahren-Karriere auch in den Straßenbahngleisen an der Kreuzung Alte Schönhauser Straße / Torstraße ein jähes Ende. Das Knie schmerzte noch mehrere Jahre!
Fahrradfahren finde ich seither so richtig scheiĂźe. Es macht mir einfach keinen SpaĂź. Punkt. Keine Diskussion. Etliche Freunde und Bekannte haben das zu spĂĽren bekommen, wenn man mich mal wieder zu einer Radtour ĂĽberredete. Es war furchtbar (mit mir und fĂĽr mich). Fahren ohne Antrieb ist einfach nichts fĂĽr einen Petrolhead wie mich. Sobald ein kleiner Berg kommt, zieht mich mein Gewicht runter. Sowohl mental, als auch physikalisch.
Aber was tun? Die Waage klettert mal wieder weiter. Das sich Bewegen wird beschwerlicher. Das ist keine gute Entwicklung. Gleichzeitig werden die morgendlichen Staus auch nicht lustiger, und das Autofahren macht mir auch nicht mehr so viel SpaĂź wie frĂĽher. Vielleicht ein E-Bike, vulgo Pedelec? Die Technik finde ich groĂźartig, wenngleich ich bislang nur ein paar 100 m damit gefahren bin. Oder finde ich es gerade deswegen gut, weil ich noch nicht länger damit gefahren bin? Ohne es zu versuchen, werde ich es nicht herausfinden. Aber die Anschaffung ist nicht gerade gĂĽnstig. Aleks konnte das ja ĂĽber seinen Arbeitgeber angenehmer gestalten. Da ich mein eigener Arbeitgeber bin, nutzen mir etwaige Finanzierungsmodelle nicht viel. Der Widerstand im Familienrat war eh größer. “Wieder was, das nur rumsteht.” sagt sie. Hmpf. Das Problem ist: Sie kann Recht haben.Â
Vielleicht aber auch nicht.Â
Während Aleks mehr ein Tourenfahrrad suchte, muss meins andere Anforderungen erfĂĽllen. Es muss handlich sein, weil ich damit in einen Fahrstuhl passen muss; nicht zu schwer, um auch mal eine Treppe zu bewältigen. Idealerweise passt das Gerät auch noch in den Kofferraum. Logisch, dass ich mich sofort bei Klapprädern, heute sagt man eher “Falträdern”, umsehe. Erstes Problem: Viele E-Falträder haben ein zulässiges Gesamtgewicht von 100 kg. Das. Reicht. Nicht. Dann nerven mich Kettenschaltungen. Also suche ich nach Rädern mit Nabenschaltung. Ich finde dann eins, das sogar keine Kette hat. Es hat einen Kardanantrieb! Keine vollgeschmierte Hose beim Transport! Das rechte Rohr der Hinterradgabel ist gleichzeitig die FĂĽhrung fĂĽr die Kardanwelle. Jetzt erwacht die mĂĽde glimmende Flamme des Maschinenbauers langsam in mir. Akku IM Rahmen, nicht irgendwo doof hinter dem Sattelrohr, witterungsunabhängige Rollenbremsen (so ne Art Trommelbremsen) sind weitere tolle Features, die die Entscheidung reifen lassen. Problem: In und um Berlin finde ich nirgendwo einen Händler, wo man so eins probefahren kann.Â
Mitte Mai kaufe ich eins blind ĂĽber eBay. Ein VorfĂĽhrmodell in der gehobenen Ausstattung. Mit Bullenmotor, Bullengetriebe, Bullenrei äh, 7-Gang-Nabenschaltung, “Komfortdisplay” und größerem Akku (8,7 Ah). Dass der ganze Kram dennoch aus China kommt, lässt sich nicht ändern. AuĂźerdem, wenn irgendwo elektrisch gefahren wird, dann dort! Ruckzuck-Paypal: Her mit dem Ding.Â
Das dauert dann doch noch etwa 2 Wochen, und zwischendurch habe ich ein sehr schlechtes GefĂĽhl, dass ich fortan mehrere Stunden am Tag damit verbringen könnte, mein Geld wiederzubekommen. Aber nein: Am 2. Juni trifft es ein, und es ist groĂźartig. Und hat einen Transportschaden. Den verbogenen Tretkurbelarm werde ich aber selbst richten bzw. tauschen. Ich gebe es so schnell nicht mehr her, mein Kadanie.Â
Der Antriebsmotor mit 250 Watt sitzt im Vorderrad. Davon bin ich erst nicht so ĂĽberzeugt, es ist bei vielen Falträdern aber gängig.Â
Die Zweifel am Antriebskonzept schwinden schnell, denn es fährt sich prima! Nach 2 Kurbelumdrehungen setzt der Motor spĂĽrbar ein und hört sanft wieder auf, wenn man nicht mehr weitertritt.  Man ist aber längst nicht so schnell wie mit dem Rad von Aleks. Fährt man schneller als 20 km/h, muss man zwar dank der 9 UnterstĂĽtzungsstufen nicht viel Kraft aufwenden, aber man strampelt dann mit einer irren Tretfrequenz, will man dem Motor wenigstens ein bisschen beim Vortrieb helfen. Also fahre ich eben nur 20 km/h. Mir ist das schnell genug. Ich will ja auch mal wieder zum Stehen kommen können. Ich nehme an, dass die Nabenschaltung eher fĂĽr 28″-Räder ausgelegt ist, weniger fĂĽr die kleinen 20″-Kullerrädchen.Â
Da ich mit dem Auto im Büro bin, wohin das Fahrrad geliefert wird, muss ich als erstes testen, ob es in den Kofferraum meines alten BMW Z3 Coupé passt.
Erfolgreich, und es wird sogar eine fancy Tasche fĂĽr den Transport mitgeliefert. Allerdings ist es dann doch nicht so leicht, dass man es sich locker ĂĽber die Schulter wirft wie weiland Sascha Hehn die Tennistasche in der Schwarzwaldklinik. 21 kg mit Akku zeigt die Kofferwaage, mit der ich es wiege.Â
Zum Tragen hat es einen schwerpunktnahen Griff ...
... und auĂźerdem klappbare Pedale. Das ist super, weil man sich die Dinger dann nicht auf Treppen vor das Schienbein oder in die Waden haut.Â
Am Lenker befindet sich ein Display, das einen über die Spannung des Akkus, Unterstützungsstufe, Geschwindigkeit und diverse Kilometerzähler informiert. Mit einem Bedienteil rechts vom linken Lenkergriff kann man die Unterstützungsstufen wählen, zwischen den diversen Kilometerzählern hin- und herspringen und die Displaybeleuchtung ein- und ausschalten. Vielleicht kann ich ja, wenn ich ein bisschen “im Training bin”, mal die eine oder andere Unterstützungsstufe herunterschalten.
Am Bedienteil ist auch gleich eine USB-Buchse angebracht, die ausreicht, um den Handy-Ladezustand auch bei PokĂ©mon Go zu halten.Â
Besonders wichtig: Der Hauptschalter mit blauem Licht. Was er macht? Er leuchtet blau.
(Markus Winninghoff)