Ich habe in den Therapien gelernt, die Ellbogen auszufahren. âDenk an dichâ, haben sie gesagt. âNimm dir deinen Raum.â Jetzt stehe ich hier, bereit, diesen Schritt zu gehen und starre fassungslos auf den unbezahlbaren Preis, den ich dafĂŒr zahlen soll.
âEs gab keinen Plan, keine Absicht, nicht einmal ein leises Kokettieren mit dem Chaos. Und doch trat dieser fremde Mensch in mein Leben und riss mein mĂŒhsam betoniertes Fundament mit einer einzigen Bewegung ein. Er hat etwas in mir freigelegt, das ich vor Ewigkeiten tief in mir vergraben, zubetoniert und fĂŒr tot erklĂ€rt hatte.
âEs ist eine surreale, fast beĂ€ngstigende Wucht, die ĂŒber mich hereinbricht. Ungebeten. Ungewollt. Und doch absolut unaufhaltsam.
âIn den Therapiesitzungen saĂ ich meistens nur meine Zeit ab,stumm, innerlich weit weg, völlig âout of tuneâ. Ich hatte keine Nerven fĂŒr das theoretische Gerede, wĂ€hrend in mir der Sturm tobte. Meine RĂŒstung war mein Meisterwerk, ĂŒber Jahre hinweg millimetergenau maĂgeschneidert, eine zweite Haut aus kaltem Stahl. Sie hielt jedem Schlag stand, blockte jeden Schmerz ab, funktionierte perfekt. Aber auf diesen einen Angriff war sie nicht vorbereitet. Denn dieser Mensch kam nicht mit roher Gewalt. Er hat nicht versucht, meine RĂŒstung zu zertrĂŒmmern.... dieser Mensch hat einfach nur ganz leise den Verschluss geöffnet.
âJetzt stehe ich im brutalsten Spagat meines Lebens. Auf der einen Seite dieser Mensch, der mich mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit aus meinem Panzer schĂ€lt. Auf der anderen Seite der Mensch, fĂŒr den ich meine RĂŒstung noch dicker, noch undurchdringlicher machen muss, um das Geheimnis zu wahren.
âDer eine weckt das schmerzhaft lebendige Flackern in mir. Er rĂŒttelt an SehnsĂŒchten, die wehtun, entfacht ein hungriges Verlangen, eine wilde Begierde, und blickt so tief in meine Seele, dass es mich schaudert. Niemand hat mich je so nackt gesehen.
âIch fĂŒhle mich vor diesem Fremden völlig schutzlos, absolut preisgegeben. Da ist kein Blatt, kein Schatten, hinter dem ich mich noch verstecken könnte.
âDoch was ist daran eigentlich falsch?
âEs ist die Bindung. Die LoyalitĂ€t. Der Partner, der zu Hause wartet.
Der Preis dafĂŒr, endlich wieder Atem in den Lungen zu spĂŒren, ist ein FlĂ€chenbrand. Er legt ganze Welten in Schutt und Asche. Und der Preis zu bleiben? Der verbrennt mich selbst bei lebendigem Leib von innen heraus. Was ist das eigene Leben wert, wenn man das GlĂŒck eines anderen Menschen dafĂŒr opfern, vielleicht gĂ€nzlich vernichten muss?
âJeder Schritt auf dieser Rasierklinge ist ein Tanz mit dem Abgrund. Ein einziger Fehltritt, und die Narben werden hĂ€sslich, tief und dauerhaft sein. Wenn die wichtigste Lektion meines Lebens sein sollte, endlich an mich selbst zu denken, warum fĂŒhlt sich die Umsetzung dann plötzlich an wie ein Verbrechen?
âIst SelbstfĂŒrsorge ein Preisschild, das meine Existenz ruiniert, oder ist es der einzige Weg zurĂŒck ins echte Leben? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Denn das Leben lĂ€sst sich nicht kalkulieren, sein einziger Wert liegt im mutigen, oft schmerzvollen Akt des Lebendigseins.
âIch zermartere mir den Kopf, suche verzweifelt nach einem Ausweg, und drehe mich doch nur im Kreis: Was richte ich mit diesem Feuer in meinem Herzen bei meinem Partner an? Und warum frage ich mich das, statt mich endlich zu fragen: Wie fange ich an zu leben?
âIst es nicht die reinste Tragödie, ein sterbendes Leben weiterzuspielen, wĂ€hrend da drauĂen jemand existiert, der wie ein Spiegel meiner wahrsten Seele wirkt?
âSind wir verdammt dazu, uns fĂŒr das GlĂŒck der anderen aufzuopfern? Ist unser eigenes Dasein am Ende doch nur zweitrangig, wenn der Preis fĂŒr ein StĂŒck echtes Leben zu hoch ist?
âAber diese Fragen atme ich nur lautlos aus.
Das bleibt aber unter uns und wird nie ausgesprochen.











