Ende 2016
Schaut Batman fern, um sich zu informieren?
Comics lieben Bilder: Meist soll so viel wie möglich visuell erzählt werden, nicht in Sprache, Prosa, Dialog. All jene Informationen aber, die in Worten gesagt statt in Bildern gezeigt werden MÜSSEN, auf einer Comic-Seite unterzubringen, ist oft schwer.
Noch in den 1980er Jahren hatten die meisten US-Superheldencomics allwissende Erzähler, Fußnoten, lange Textpassagen. Heute sind Ich-Erzähler und innere Monologe beliebter: In zwei, drei kleinen “Narration Boxes” pro Seite erzählt z.B. Held Batman oft alles, was sich nicht schon durch die Bilder vermittelt.
Ein Mittelweg, halb visuell, den Superheldencomics besonders gerne nutzen: Nachrichtensprecher und -sendungen:
Seit den 80er Jahren wurden die vielen “Talking Heads” des US-Kabelfernsehens und ihre Live-Schaltungen und -Kommentare im US-Alltag immer präsenter. In Comics wie Frank Millers “The Dark Knight Returns” (Abbildung, 1986) wird dieser Medienzirkus abgebildet (und persifliert):
Noch heute beginnen viele Comics mit einer Live-Schalte und einem Moderator, der Dinge sagt wie “Superman steht vor Gericht” oder “Seit zwei Monaten ist Catwoman verschollen”. Manchmal sitzen die Heldinnen und Helden selbst am TV und hören gerade zu. Manchmal sind solche TV-Studio-Szenen auch einfach in Comics eingestreut, ohne dass deutlich wird, ob auch die Comic-Helden selbst zusehen. Und zunehmend wird statt einer Kabel-TV-News-Sendung ein Twitter- oder Facebook-Feed gezeigt.
In Detective Comics 950 (Text: James Tynion IV), erschienen Ende 2016, wird der Bürgermeister von Gotham City ermordet. Batman findet den sterbenden Mann, und als Polizisten am Tatort eintreffen, flieht er. Die übernächste Szene zeigt eine Nachrichtensendung, in der News-Sprecher all das nacherzählen – bis sie plötzlich kollabieren: Das Nervengas des Jokers hat sie vergiftet.
Das nächste Bild/Panel zeigt Batman und eine große Gruppe von Mitstreitern, die alle fassungslos auf diese TV-Ausstrahlung reagieren.
Ich rolle die Augen: Standen Batman, Batwoman, Batwing, Clayface, Cassandra Cain und Azrael – sechs Profis, die täglich und seit Jahren Verbrecher jagen und Batmans modernste Überwachungstechnologie nutzen, um informiert zu sein - gerade zufällig zu sechst im selben Raum? Und sahen eine Lokal-Nachrichtensendung über den Mord am Bürgermeister (... in der nichts Neues gesagt wird)?
Wie armselig, wie unbeholfen, wie unrealistisch erzählt: Hätte Batman nicht mittlerweile bessere Warn-Algorithmen? Sind solche Helden Ende 2016 noch auf TV-Sendungen angewiesen, um zu wissen, was gerade in der Stadt, die sie beschützen, geschieht?
Dann erst, im nächsten Panel, sagt Batwing: “That was twenty minutes ago, Batman”. Es wird klar: Batwing (der junge afro-amerikanische Mann ganz rechts) sah oder fand diese TV-Szene – und rief das Team zusammen, damit alle sechs eine Aufzeichnung ansehen können.
Das ist realistischer. SO funktioniert die Szene gut für mich.
(Eine Kleinigkeit: Batwing, der die Szene aus dem TV-Studio offenbar schon kennt, schaut leider genauso schockiert/überrascht wie die anderen fünf Figuren, die sie offenbar noch nicht kennen. Ein Fehler/eine Nachlässigkeit des Zeichners, Christian Duce.)
(Stefan Mesch)















