"Linke" und "rechte" Ăkonomen und der Sinn-Aufruf in der FAZ
Ăber den von 172 Ăkonomieprofessoren unterzeichneten Aufruf herrscht offensichtlich ein bisschen Verwirrung.
SchÀlt man die unangenehme Rhetorik vor allem der ersten Fassung des Aufrufs ab, bleiben folgende Thesen:
Die Entscheidungen des EU-Gipfeltreffens fĂŒhrten in eine "Bankenunion, die eine kollektive Haftung fĂŒr die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet". Durch diese Bankenunion mĂŒssten "Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden LĂ€nder Europas" die Bankenschulden absichern.
Es sei absehbar, dass die Banken der sĂŒdlichen LĂ€nder in Krisen geraten, weil sie die "inflationĂ€ren Wirtschaftsblasen der sĂŒdlichen LĂ€nder" finanziert haben.
Mit der Bankenunion könnten Banken nicht mehr "scheitern", also bankrott gehen.
Die Bankenunion liege deshalb im Interesse der von der Krise direkt betroffenen LĂ€nder, die sich auf dem Gipfel durchgesetzt haben. Diese LĂ€nder wĂŒrden aufgrund einer "strukturellen Mehrheit" verhindern, dass Haftungssummen begrenzt werden, auĂerdem wĂŒrden sie die Verhinderung von "Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht" verhindern, ergo Missbrauch fördern oder selbst betreiben, indem sie forderten, "Haftungssummen zu vergröĂern oder die Voraussetzungen fĂŒr den Haftungsfall aufzuweichen".
Dies fĂŒhre zu "Streit und Zwietracht [Deutschlands] mit den Nachbarn", zum Niedergang des europĂ€ischen Gedankens und Zerfall des Euros.
Statt der europĂ€ischen Staaten sollten lieber die GlĂ€ubiger die Lasten tragen, durch Abschreibung ihrer Forderung, "denn sie sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen und nur sie verfĂŒgen ĂŒber das notwendige Vermögen".
Diese GlĂ€ubiger seien Spekulanten und Investoren primĂ€r in Amerika und GroĂbritannien, vereinzelt in Deutschland, darĂŒberhinaus marode Banken im In- und Ausland. Nur sie profitierten von der Bankenunion.
Leidtragende einer Bankenunion seien "BĂŒrger anderer LĂ€nder, die mit all dem wenig zu tun haben".
Ich habe Meinungen von Menschen gelesen, die erklĂ€ren, dieser Aufruf sei offensichtlich "rechts" und die sich wundern, dass auch Leute, die als "Keynesianer" bekannt sind, unterschrieben haben. Bei der Rhetorik des Aufrufs wundere ich mich auch ĂŒber jeden, der unterschrieben hat; aber wie ist es inhaltlich?
Der Aufruf fordert, dass die GlĂ€ubiger der Krisenbanken die Schuldabschreibungen vornehmen und nicht von der Allgemeinheit rausgehauen werden sollten. Das Blöde ist nur, wer sind in einer komplexen, modernen Volkswirtschaft "die" GlĂ€ubiger? Die smarten Investmentbanker mit den vielen Nullen auf dem Konto? Mag sein - aber eben nicht nur, sondern auch Otto Normalverbraucher. Wenn bspw. die Deutsche Bank oder die Sparkasse ihre Forderungen im groĂen Stil abschreiben mĂŒssen und Konkurs anmelden, betreffen diese Abschreibungen viele Menschen, die ihre Sparkonten bei den Banken haben, die aber selbst nicht ex ante ĂŒber deren Solvenz urteilen können.
Um solch unangenehme Verteilungs-Effekte zu vermeiden, gibt es Einlagensicherungssysteme und Bankenaufsicht. Und um so etwas geht's ja bei der "Bankenunion".
Die Frage ist also: Sind uns die Verteilungseffekte eines Konkurses egal, wenn sie einen spanischen Rentner betreffen (und nicht egal, wenn es um einen deutschen Rentner geht)? Wenn wir diese Frage mit "ja" beantworten können, dann sollten wir alles, was in Transferzahlungen irgendeiner Art mĂŒnden könnte, verhindern.
Aber die Frage ist aus drei GrĂŒnden nicht trivial und auch nicht unbedingt schnell nach Rechts-Links-Schema zu beantworten.
Die Rentner in Argentinien und die Kleinsparer in Eritrea kĂŒmmern "uns" (d.h. den deutschen Staat oder den deutschen DurchschnittsbĂŒrger) relativ wenig. Klingt hart, ist aber die fĂŒr mich einzige mit dem Verhalten konsistente Aussage. Dabei hĂ€tten sie vermutlich Umverteilung viel nötiger als Spanier und Griechen.
Aber möglicherweise liegt das unterschiedliche Verhalten daran, dass wir von Argentinien und Eritrea selbst auch keine Hilfe erwarten. Und damit schlieĂt sich die Frage an: Gehen wir davon aus, dass implizit mit der EinfĂŒhrung des Euro trotz aller Beteuerungen gegenseitige Hilfe und Ă€hnliches beschlossen wurden?Â
Es gibt einmal die Umverteilung in Richtung spanischer Rentner, andererseits die Umverteilung in Richtung von beispielsweise reicheren AktionĂ€ren von Banken. Verteilungspolitisch mag es sinnvoll sein, dem Rentner zu helfen, dem reichen AktionĂ€r aber wohl kaum (u.a. deshalb sind Einlagensicherungen gedeckelt). Aber angenommen, eine Bankenaufsicht schĂŒtzt (etwa aus "politökonomischen" GrĂŒnden) immer gleichzeitig den armen Rentner und den reichen AktionĂ€r - will man das?
Bankenpleiten erhöhen die Unsicherheit und es nicht immer klar, wer wann wie betroffen sein wird - sind Verteilung und Allokation da klar zu trennen?
Die Forderung nach "GlĂ€ubigerhaftung" ist sicher nicht per se "rechts" (sie ist, aus völlig unterschiedlichen GrĂŒnden, womöglich fĂŒr Linke und Rechte unterschreibbar - aber es kommt auf die Ausgestaltung an). Mit der Bankenunion soll so etwas sogar eher ermöglicht werden (vgl. Mark Schieritz beim Herdentrieb oder Gerhard Illing bei Wirtschaftswunder).
Eher "rechts" hingegen scheint mir an dem Aufruf die national gefĂ€rbte StoĂrichtung zu sein. Der hart arbeitende Deutsche wird den faulen oder verpeilten KrisenlĂ€ndern einerseits und der heimtĂŒckischen Wallstreet andererseits gegenĂŒbergestellt (vor den Abmilderungen noch stĂ€rker als hinterher). Und das obwohl es bei dem Aufruf anscheinend um eine fiktive Bankenunion geht und nicht den realen Entschluss.