âAls ich erwĂ€hnte, wie ausgehöhlt ich mich, nach der Arbeit morgens in der Fabrik an den Tisch zum Schreiben setzte und mich um die schon wie verflogenen gestrigen SĂ€tze mĂŒhte, sagte er, daĂ eine kĂŒnstlerische TĂ€tigkeit gar nicht denkbar sei ohne eine feste Ebene, wo der Stoff allen Ă€uĂern Angriffen entzogen bleibe, denn wie könnten wir uns sonst die Schöpfungen erklĂ€ren aller derer, die ihr Dasein in stĂ€ndiger Not, stĂ€ndigem Elend verbracht hatten. Was sich uns so oft als Unmöglichkeit der Kunst, der Dichtung zeige, sei in Wirklichkeit die Voraussetzung fĂŒr die Arbeit, mit der sich das Leben ermöglichen lasse. Auch ich muĂte dies empfunden haben, denn es hatte mich nie entmutigt, wenn ich wochenlang nichts zustande brachte, das
Geschriebene immer wieder ausstrich, von vorn begann, ich war ja noch ungeĂŒbt, war noch nicht vorgestoĂen zu jener Schicht, von der Hodann gesprochen hatte, muĂte das Material noch aus der Schwemme von Abfall und Schlamm hervorsuchen. Vielleicht, sagte Hodann, wagst du auch noch nicht, ganz fĂŒr dein Schreiben einzustehen, glaubst, du wĂŒrdest damit deine ArbeitsgefĂ€hrten krĂ€nken. Er hatte recht, in der Fabrik griff ich nur verstohlen zum Notizbuch, das ich bei mir trug, und wenn wir, wĂ€hrend der Pause, mit unsern Thermosflaschen, unsern BlechbĂŒchsen, am Rand des
Waschkessels saĂen, im stechenden Geruch der SĂ€ure, darauf verzichteten, zur Kantine im obersten Stock des HofgebĂ€udes hinter der Rampe zu gehen, weil uns dies fĂŒnf Minuten gekostet hĂ€tte, wĂ€re mir das Eintragen von Stichworten ĂŒberheblich oder wie etwas AnrĂŒchiges vorgekommen. Dabei hatte ich mich doch seit jeher darum bemĂŒht, keinen Bruch entstehen zu lassen zwischen den manuellen und den intellektuellen TĂ€tigkeiten, hatte immer darauf bestanden, daĂ wir das, was sich in den WerkstĂ€tten und Montagehallen mechanisch vollzog, bewuĂt aufnehmen. Gerade weil wir
geduckt, miĂachtet wurden, hatte ich, ermutigt durch die BĂŒcher, deren Autoren aus der Arbeiterklasse stammten, unsern Werkplatz als eine SchulungsstĂ€tte unter andern verstehen wollen, wo das Aufschlagen eines Schreibhefts etwas SelbstverstĂ€ndliches sei. Doch schon die Frage, was ich denn da aufschreibe, erschreckte mich, als wĂŒrde derjenige, der forschen und sich weiterbilden wollte, bezichtigt, er dĂŒnke sich besser als die ĂŒbrigen, und wenn sie gestellt wurde von einem Werkmeister, einem Ingenieur, konnte dies bedeuten, wegen ungebĂŒhrlichen Betragens entlassen, oder wegen Industriespionage verhaftet zu werden. Vor allem aber war die Scheu vor
dem selbsibewuĂten Notieren zurĂŒckzufĂŒhren auf das alte Verharren in der Anpassung, in der das gewohnte Zusammenspiel von Handgriffen und das tĂ€gliche sich aufeinander verlassen eine Art Geborgenheit vermittelte, die wir nicht aufs Spiel setzen wollten.