19. April 2020 bis April 2021 und hoffentlich noch lange
Ein schlechtes Jahr mit einem guten Spreadsheet
Am 19. April 2020 lese ich bei Twitter von einer Idee, die mir sofort einleuchtet:
Ich kopiere den Link zum Tweet in einen Chat mit drei anderen Leuten und frage: âjemand Interesse?â Hanna Engelmeier sagt: âEs auszuprobieren kann wirklich nicht schaden!â
Danach werden nur noch die Details besprochen: âSpreadsheet (Vorteil PlatzbeschrĂ€nkung) oder Doc (Vorteil keine)?â Hanna meint: âTeam Vorteil PlatzbeschrĂ€nkungâ. Die PlatzbeschrĂ€nkung ist dabei nur eine gefĂŒhlte: Man kann zwar auch in einer Tabellenzelle viel Text verstauen, die Verlockung, das zu tun, ist aber geringer als in einem Textdokument. AuĂerdem gefĂ€llt es mir gut, die EintrĂ€ge in zwei Spalten nebeneinander zu sehen. Winziger Nebenvorteil: Das Spreadsheet erzeugt in der Datumsspalte automatisch den Eintrag âMittwoch, 21. April 2021â, wenn ich dort â21.4.â hineinschreibe. In einer Textdatei ginge das wahrscheinlich auch irgendwie, aber es wĂ€re mĂŒhsamer.
Ich eröffne ein gemeinsames Spreadsheet und schreibe hinein, an welche Erfreulichkeiten ich mich aus den letzten Tagen noch erinnern kann. Deshalb beginnt dieses gemeinsame Tagebuch vier Tage vor dem Tweet, am 15. April 2020.
Schon am 11. Mai schreibe ich hinein: âNachts oder morgens noch darĂŒber nachgedacht, dass mir die Superheit des Sonntags ohne dieses Spreadsheet ziemlich sicher gar nicht aufgefallen wĂ€re. Als Erstes möchte ich heute also dieses Spreadsheet loben.â
Samstag, 23. Mai:Â â(technisch schon Sonntag:) Im Traum in dieses Spreadsheet geschrieben âGroĂe Teile der Heckenscherensammlung gingen dabei leider fĂŒr immer verloren.ââ
Mittwoch, 17. Juni: âOhne dieses Spreadsheet wĂ€ren die zwei Monate in meiner Erinnerung nur eine formlose Masse, verlorene Zeit. Schade nur, dass die ersten Wochen fehlen.â (Gemeint sind die ersten Wochen der Corona-Zeit.)
Freitag, 19. Juni: âWenn ich mal an einem Tag vergesse, hier gleich was reinzuschreiben, muss ich am nĂ€chsten schon lange nachdenken, ein Grund mehr, warum dieses Spreadsheet dringend benötigt wird. Ich weiĂ gar nicht, wie man jemals ohne leben konnte. Also gestern ... mein erster Gedanke ist immer âda war doch gar nichtsâ. Aber an den Tagen, an denen ich abends dran denke, gibt es immer was aufzuschreiben. Es wird also auch gestern was Erfreuliches passiert sein. Und das reicht ja eigentlich schon.â
Die vielen unerfreulichen und traurigen Ereignisse dieses Jahres finden hier nicht statt oder erst, nachdem ich sie passend gemacht habe. Montag, 13. Juli: â... die Nazidemo hatte drei erfreuliche Aspekte: sie war sehr klein und ich kannte niemanden persönlich, auĂerdem wirkten die anwesenden Polizisten freundlich und vernĂŒnftig. Das ist alles in Deggendorf nicht selbstverstĂ€ndlich. âBerlin, Berlin, wir wollen nach Berlin!â, skandierten die Coronaleugner-Nazis.â
Im Juli bedanke ich mich bei Linda Xie und Jeremy Rubin:
Hanna wirkt auch zufrieden:
Im September:
24. November: âEs tut mir leid, dass ich vor allem dienstags immer dasselbe schreibe. Andererseits lĂ€sst sich aus den Daten hier drin inzwischen womöglich extrahieren, dass ich dienstags gerade wegen der Kolumne ĂŒberraschenderweise immer gute Laune habe, wĂ€hrend ich z. B. donnerstags gleich im Bett bleiben könnte. Ich werde das morgen nĂ€her erforschen.â Zu dieser Erforschung ist es bisher nicht gekommen.
Zum Aufschreibezeitpunkt im April 2021 liegen 372 EintrĂ€ge hinter mir. Obwohl es technisch möglich wĂ€re, auch Dritten Lesezugriff zu geben, ist das Spreadsheet privat. Ein paar Wochen lang gab es ein Zweitspreadsheet, in dem Aleks meine EintrĂ€ge sehen konnte, das ist wieder eingeschlafen. Seit einigen Tagen gibt es ein Zweitspreadsheet, in dem eine weitere Freundin ihre eigenen EintrĂ€ge neben meine schreibt. Aus dem Aleks-Experiment weiĂ ich, dass ich meine EintrĂ€ge zwar automatisch aus dem ursprĂŒnglichen Spreadsheet kopieren lassen kann, aber das verursacht verschiedene lĂ€stige Probleme unter anderem mit der Formatierung der Tabellenzellen. Deshalb schreibe ich jetzt ins eine und kopiere den fertigen Eintrag dann manuell ins andere.
Weil ich immer wissen will, was Hanna aufgeschrieben hat, sehe ich oft ins Spreadsheet und kann deshalb auch nicht lĂ€nger als höchstens einen Tag lang vergessen, selbst etwas hineinzuschreiben. Der Druck zum tĂ€glichen Aufschreiben bringt andere Ergebnisse als das Abwarten, bis etwas Aufschreibenswertes passiert. An vielen Tagen denke ich âHeute sind aber wirklich nur blöde bis höchstens durchschnittliche Dinge passiertâ, dann fĂ€llt mir nach lĂ€ngerem Nachdenken ein erfreuliches Ereignis ein und dann noch vier weitere. Dadurch, dass ich alles Ăbrige nicht aufschreibe, habe ich es jetzt weitgehend vergessen. Im Spreadsheet war es ein gutes Jahr.
(Kathrin Passig)











