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Der ganz normale Schulwahnsinn â und DĂ€monen
The Incandescent von Emily Tesh, 2025 bei Orbit. Auf Deutsch Der Phoenix und der DĂ€mon, 2027 bei Heyne.
The Incandescent bedient sich dem beliebten Setting eines magischen Internats, prĂ€sentiert die Geschichte aber aus Sicht der Lehrkraft. Protagonistin Saffy ist Direktorin der Chetwood School und unterrichtet dort DĂ€monenbeschwörung. Wir erleben also einerseits den klassischen Mikrokosmos einer abgegrenzten Schulumgebung, inklusive vertrauter Unterrichtsstunden und kriegen andererseits mit, was das Ganze aus Lehrerinnenperspektive noch bereithĂ€lt, nĂ€mlich endlose E-Mails, Termine, Unterrichtsvorbereitung, oh, und natĂŒrlich DĂ€monenabwehr, um die Sicherheit der SchĂŒler*innen zu gewĂ€hren.
Ich persönlich mag diese detaillierte Schilderung von Alltagsaufgaben und den Einblick in dieses Berufsfeld. Dazu kommen Saffys Beobachtungen der Teenager um sich herum. Es ist spannend, wie sie deren Dynamiken wahrnimmt und interpretiert, wie sie sowohl die VerhĂ€ltnisse untereinander als auch zu sich im Blick hat und das nur im passenden Moment zu erkennen gibt oder versucht, zu lenken. SchlieĂlich mĂŒssen die Teenies nicht wissen, dass sie ganz genau weiĂ, wer in wen verschossen ist. Im Laufe des Buches gesellt sich auĂerdem eine gewisse Klassenkritik hinzu, die anerkennt, dass nur Kinder aus bestimmten Familien ĂŒberhaupt das Geld aufbringen können, eine Schule wie Chetwood zu besuchen.
In Saffys Perspektive geht es auch viel ums Ălterwerden und die Frage, was du mit deinem Leben angefangen hast und ob du damit zufrieden bist. Saffy ist beispielsweise Single und geht in ihrer Karriere auf â denkt sie zumindest. Ăhnlich sicher fĂŒhlt sie sich in der Annahme, dass sie den DĂ€mon, den sie verbirgt, unter Kontrolle hat âŠ
Obwohl der Roman sich viel Zeit fĂŒr die Schilderungen des Lehrberufs und die Lebensentscheidungen einer alternden Frau nimmt, gibt es auch einige Actionszenen, die mir persönlich oft zu lang waren. Ansonsten habe ich den komplexen Schreibstil aber sehr geschĂ€tzt, denn die Autorin vertraut ihren Lesenden â vielleicht auch mal zu sehr, denn an manchen Stellen habe ich nicht mehr ganz durchgeblickt. Cool ist dafĂŒr das Spiel mit der Perspektive, das im letzten Teil getrieben wird. Das Tempo des Romans ist eher ungewöhnlich, da sich bereits nach den ersten 150 Seiten ein GefĂŒhl von Finale einstellt, obwohl es danach noch 250 Seiten weitergeht. Hat mich aber nicht weiter gestört.
Die Magie selbst wird nicht allzu vertieft erklĂ€rt â an Chetwood werden auch ganz normale Disziplinen unterrichtet â, viel mehr geht es um die verschiedenen Klassen von DĂ€monen und ihre GefĂ€hrlichkeitsstufen. DĂ€monen gelangen in die Menschenwelt, indem sie etwas oder jemanden heimsuchen. Besonders leicht funktioniert das bei GegenstĂ€nden, die von Menschen personifiziert wurden, z. B. Computer, die beschimpft werden, weil sie nicht wie gewĂŒnscht funktionieren (âDu blödes Ding, du!â). So sitzen kleinere DĂ€monen schon mal im Kopierer im Lehrer*innenzimmer und werden geduldet, weil nach einer Austreibung kurze Zeit spĂ€ter die nĂ€chste Heimsuchung stattfinden wĂŒrde. Es gibt aber auch DĂ€monen, die mensch weder in im Drucker noch auf dem SchulgelĂ€nde haben möchte, und genau solche schleichen sich natĂŒrlich ebenfalls in die Handlung.
In Geschichten ĂŒber das Aufeinandertreffen von Menschen und ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen, seien es DĂ€monen, Aliens oder XY, fehlt mir persönlich oft die Auseinandersetzung mit den Wesen und ihren Rechten. Meist wird direkt auf Bedrohung und Kampf geschaltet, womit ein Auslöschen gerechtfertigt wird. The Incandescent nimmt sich hingegen Zeit, das Thema Menschlichkeit bzw. personhood der DĂ€monen zumindest zu diskutieren und im Verlauf der Handlung zu hinterfragen. Denn Persönlichkeit haben diese DĂ€monen definitiv: Sie sind mal sĂŒĂ, mal beĂ€ngstigend, mal witzig. Letzteres vor allem, weil sie so unmenschlich denken und immer eher blutrĂŒnstig und aufbrausend reagieren.
Ein bisschen DĂ€monologie, ein wenig Midlife Crisis und das alles im Rahmen eines magischen Internats, feinfĂŒhlig und witzig erzĂ€hlt. Aus meiner Sicht absolut empfehlenswert.
Reading Buddy: Magic for Liars Auch in Magic For Liars erleben wir die akademische Welt eines magischen Internats aus der Sicht einer Erwachsenen. Ivy Gamble geht zwar an die Osthorne Academy, um dort einen Mord aufzuklĂ€ren, aber gerade deshalb verbringt sie viel Zeit damit SchĂŒler*innen und LehrkrĂ€fte genau unter die Lupe zu nehmen.
Nachrufe auf ausgestorbene Arten
Wir dachten, wir könnten fliegen von diversen Autor*innen, herausgegeben von Matthias JĂŒgler, 2025 bei Penguin
Ausgestorbene Arten sprechen mich immer an, weshalb auch dieses groĂformatige Buch seinen Weg in meinen Besitz gefunden hat. Es ist eine interessante Auseinandersetzung mit einer vielfĂ€ltigen Auswahl an Arten (Pflanzen wie Tiere, von Vögeln bis zu Meereswesen aus verschiedenen Gegenden auf der Welt), die allerdings von kleinen Irritationen gespickt ist. Aber erstmal zum Inhalt.
Ich mochte, wie Julia Schoch mit den Pronomen des Auerochsen spielt, auf was fĂŒr eine abstrakte Art Katerina Poladjan und Henning Fritsch die Stellersche Seekuh wieder auferstehen lassen, wie ein bisschen bescheuert, aber auch witzig Caroline Wahl ihren GroĂstadt-Beutelwolf klingen lĂ€sst, wie optimistisch Alex Capus ĂŒber den Chinesischen Flussdelfin schreibt, dass Kim de lâHorizon mir nicht nur den Geisterruf des KauaÊ»i Ê»ĆÊ»Ć verlinkt hat, sondern mich auch mit einem experimentellen Schreibstil bestens unterhalten konnte und wie herrlich innovativ Charlotte GneuĂâ kindliche Perspektive ĂŒber das Mithuhokko-Huhn klingt.
Schade fand ich hingegen, wie dröge und trostlos John Burnside ĂŒber meinen Liebling, den Riesenalk, schreibt (alternativ empfehle ich Der Letzte seiner Art), dass T. C. Boyles Text ĂŒber die Goldkröte von 1999 recycelt wurde, dass Melanie Raabe mit dem St. Helena-Olivenbaum auf einen eher abgedroschenen Kniff zurĂŒckgreift und wie unspektakulĂ€r ich Iris Wolffs Text ĂŒber den Kaspischen Tiger fand.
Und wo gab es die eingangs erwĂ€hnten Irritationen? Das Vorwort hat mir beispielsweise gar nichts gegeben, es ist zu kurz und wirkt erschreckend zurĂŒckhaltend, was den Mensch als Ursache vieler ausgestorbener Arten angeht. Auch der Titel des Buches erschlieĂt sich mir aus der kurzen ErlĂ€uterung nicht. Vielleicht viben mein Denken und das des Herausgebers einfach nicht miteinander. Ich hĂ€tte z. B. das Biografie-Verzeichnis, in dem sich auch immer ein kleiner Text ĂŒber die ausgestorbene Art findet, nicht nach den Namen der beitragenden Menschen sortiert, weil das die Hoheitsmacht des Menschen hervorhebt, aber das ist ein sehr verkopfter Ansatz, fĂŒr den ich die Literary-Animal-Studies-Phase wĂ€hrend meiner Unizeit verantwortlich mache. Dazu kommen eine Handvoll Tipp- und Inhaltsfehler (Das letzte Einhorn ist kein Disneyfilm (S. 103) und im Dschungelbuch gibt es nur einen Tiger, keine Löwen (S. 221)). AuĂerdem verstehe ich nicht, warum das Buch mit â19 Geschichten ĂŒber âŠâ untertitelt wird, wenn ein Teil der Texte Sachtexte sind. Ich finde diese Mischung total gut, aber den Untertitel irrefĂŒhrend.
Trotz der Kritikpunkte habe ich die Sammlung gern gelesen und freue mich immer, wenn ausgestorbene Arten auf kĂŒnstlerischem Weg im kulturellen GedĂ€chtnis verankert werden.
The Raven Scholar
von Antonia Hodgson, 2025 bei Hodderscape
After twenty-four years on the throne, it is time for Bersun the Brusque, emperor of Orrun, to bring his reign to an end. In the dizzying heat of mid-summer, seven contenders will compete to replace him. Trained at rival monasteries, each contender is inspired by a sacred animal â Fox, Raven, Tiger, Ox, Bear, Monkey, and Hound. An eighth â the Dragon proxy â will be revealed only once the trials have begun. Eight exceptional warriors, thinkers, strategists â the best of the best. Then one of them is murdered.
It falls to the brilliant but idiosyncratic Neema Kraa to investigate. But as she hunts for a killer, darker forces are gathering. If Neema succeeds, she could win the throne â whether she wants it or not. But if she fails, she will sentence herself to death â and set in motion a sequence of events that could doom the empire.
Ah, das GefĂŒhl, endlich mal wieder eins von den FantasybĂŒchern in der Hand zu halten, bei denen einfach alles stimmt. Der Einstieg ist packend: Ein Geschwisterpaar, dessen Vater als VerrĂ€ter gilt, wird vom Imperator vor eine grausame Wahl gestellt, die Schockierendes ĂŒber die familiĂ€ren Bande enthĂŒllt. Gerade davon erholt, wechselt das Buch ĂŒberraschend zur eigentlichen Protagonistin, die wir den Rest des Romans begleiten â aber keine Sorge, wir kommen auf unser Geschwisterpaar noch mal zurĂŒck.
Dass das Buch 650 Seiten lang ist, habe ich null gespĂŒrt, denn die Kapitel fliegen nur so dahin. Nach dem dramatischen Einstieg nehmen Tempo und Wendungen kaum ab. Kennt ihr das, wenn in Romanen anklingt, dass etwas Schlimmes passieren könnte, weil dies oder jenes ziemlich heikel ist? Und dann erhöht das die Spannung, aber das Schlimmste tritt nie ein? Nun ja, The Raven Scholar hat es sich zur Aufgabe gemacht, all diese BefĂŒrchtungen im Seitenumdrehen wahr zu machen. Und dann mĂŒssen die Charaktere mit dem Schlamassel umgehen und es ist natĂŒrlich schlimm, aber auch fantastisch, weil insgeheim habe ich mir vom Plot schon gewĂŒnscht, dass genau das passieren wird. Â
In dieser Art treten auch die unerwarteten Wendungen auf. Sie sind vielleicht nicht die raffiniertesten und ĂŒberraschendsten, die ich je gelesen habe, aber sie sind juicy und treiben die Geschichte voran. Die Autorin versteht es, mit Geheimnissen und EnthĂŒllungen zu arbeiten, so dass Lesende stets neugierig bleiben, aber auch immer wieder kleine InformationshĂ€ppchen bekommen, die sie am Ball halten. Generell revolutioniert Hodgson das Genre mit ihren Ideen nicht, aber sie setzt sie extrem gut in Szene und reiĂt beim Lesen mit. Da fĂ€llt auch nicht ins Gewicht, dass der sonst so geschliffene Schreibstil hier und da auch ein paar Stolperfallen bietet: Momente, in den unklar ist, auf wen sich ein Pronomen bezieht, wer demnach gerade redet oder handelt; Schilderungen, die zu subtil sind oder einfach unerwartet und durch diese UnkonventionalitĂ€t eigentlich schon wieder cool, aber eben manchmal auch verwirrend.
Der rasante Plot ist gebettet in einen vorzĂŒglich ausgesponnenen Weltenbau, der genau wie die reizvollen Geheimnisse in HĂ€ppchen verabreicht wird. So lernen Lesenden nach und nach mehr ĂŒber die acht HĂ€user, in die Orrun aufgeteilt ist. Jedes Haus folgt einer eigenen tierischen Gottheit und hat seine eigenen GrĂŒĂe, Gesten, Wappen und Ideale, z. B. die schönen KĂŒnste, akademische Forschung oder Gemeinschaft. Diese gestreuten Informationen erleichtern das Verarbeiten, aber haben mich auch nach mehr lechzen lassen, denn es gibt noch so viel zu entdecken. Orte wie die Insel des Drachen oder der Dolrun Forrest wurden nur angerissen, klangen dabei aber so spannend!
Der Ton des Buches, und sicher auch ein Grund, warum es sich so schnell lesen lĂ€sst, erinnert mich an Six of Crows. Dabei liest sich der Text nicht wie ein Jugendbuch, hat aber auch keinen typischen Erwachsenen-Ton, obwohl die Hauptcharaktere um die 30 sind. Die Handlung bietet regelmĂ€Ăig Action, z. B. in Form der Turniere. Die Charaktere schĂ€kern und streiten schlagfertig und humorvoll miteinander und ganz nebenher werden ja auch noch ein Murder Mystery aufgeklĂ€rt, eine Liebesgeschichte entsponnen (in der es ordentlich knistert!) und politische Intrigen entworren.
Auch bei den Figuren setzt Hodgson auf die HĂ€ppchen-Methode und fĂŒhrt sie in Bravur aus. Nach den ersten drei Kapiteln bleiben wir zwar gröĂtenteils unserer Protagonistin Neema treu, lernen aber durch ihre Perspektive auch die anderen AnwĂ€rter*innen auf den Thron kennen sowie weitere wichtige Spieler*innen am Imperial Court. Da kommen ganz schön viele Figuren zusammen, aber die Autorin fĂŒhrt sie so geschickt ein und gibt ihnen so markante CharakterzĂŒge und SchlĂŒsselszenen, dass es leichtfĂ€llt, alle auseinanderzuhalten und sich an sie zu erinnern. Kurzum: Fesselnde Charaktere zum Lieben, Lachen, Verabscheuen und mehr wissen Wollen.
Aber so gerne ich Neema als Protagonistin auch mochte, so muss ich doch eine kleine Dissonanz anmerken: Obwohl sie aus dem Haus der Gelehrten kommt und selbst als schlau und gebildet gilt, ermittelt sie im Mordfall unheimlich naiv. Klar, ist das nicht ihr Spezialgebiet, aber ein bisschen mehr Menschenkenntnis hĂ€tte besser zu ihrer Persönlichkeit gepasst. Stattdessen fĂŒhrt sie Befragungen aus, um den*die TĂ€ter*in zu finden und glaubt dabei anstandslos alles, was ihr erzĂ€hlt wird. Nie stellt sie infrage, ob jemand sie anlĂŒgen könnte. Warum denn auch? Um einen Mord zu vertuschen? Ach, iwo! AuĂerdem braucht sie manchmal zu lange, um eins und eins zusammenzuzĂ€hlen.
Die Gottheiten bekommen ebenfalls den ein oder anderen Auftritt und sind dabei herrlich amĂŒsant, weil sie sich wie die verzogensten Kinder der Welt verhalten, egoistisch und aufbrausend, dabei frech und schlagfertig (um nicht zu sagen erheiternd unverschĂ€mt).
Ich hoffe, mein Enthusiasmus fĂŒr das Buch ist auf euch ĂŒbergesprungen. FĂŒr mich gehört Teil 2 zu den am sehnlichsten erwarteten Fortsetzungen. Ich muss wissen, wie es nach diesem Ende politisch weitergeht, was mit den Figuren geschieht und wie es an all den anderen Orten in Orrun aussieht.
today is day one

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Katabasis von R. F. Kuang, 2025 bei HarperCollins, auf Deutsch unter demselben Titel bei Bastei LĂŒbbe
Es geht so gut los. Ich meine, was fĂŒr eine PrĂ€misse: Eine Doktorandin und ein Doktorand steigen in die Hölle hinab, um ihren verstorbenen Professor zurĂŒckzuholen â schlieĂlich brauchen sie den, um ihren Abschluss in Analytical Magick zu machen. Am Anfang macht das alles richtig SpaĂ, denn zum einen geht es direkt los mit der Katabasis (Reise in die Unterwelt) und fiktive Schilderungen der Hölle sind eine spannende Sache, siehe die literarischen Vorbilder von Dante, Aeneas, T.S. Eliot und Co., die in dieser Welt als Erfahrungsberichte gelten. Zum anderen entwirft Kuang, wie schon in Babel, ein faszinierendes Magiesystem, das auf Logik und Paradoxa basiert. In schönster Dark-Academia-Manier werden philosophische Konzepte, mathematische Ideen und groĂe Namen in HĂŒlle und FĂŒlle gedroppt und auch wenn ich bei Weitem nicht alle/s davon kenne oder verstanden habe, fĂŒhle ich mich wohl in dieser akademischen Bubble, inklusive der Feinheiten des universitĂ€ren Alltags.
Im ersten Drittel wird nur angedeutet, dass die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren aufgrund vergangener Ereignisse kompliziert sind. Sowohl Alice, unsere Protagonistin, als auch Peter, ihr akademischer Rivale und gleichzeitig perfekter Kooperationspartner, wollen einen Mentor aus der Hölle zurĂŒckholen, den sie einerseits bewundern und der andererseits fĂŒr seine Grausamkeit und Skrupellosigkeit bekannt ist. Die Unklarheit ĂŒber ihre genauen VerhĂ€ltnisse zueinander baut im ersten Part Spannung auf und wird im Mittelteil befriedigend aufgelöst. Hier strahlt der Roman meiner Meinung nach am hellsten, denn er setzt sich mit komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen und Fragen auseinander. Heiligt der Zweck die Mittel, wenn du mit ihnen GenialitĂ€t erreichst? Ist dein Verstand mehr wert als dein Körper? Auch Themen wie Sexismus im UniversitĂ€tsbetrieb, toxische MachtverhĂ€ltnisse, Manipulation, akademische Ausbeutung, wahnhafte ProduktivitĂ€t, Leistungsdruck und Suizidgedanken werden adressiert. All das ist messy und ungemĂŒtlich, nicht immer leicht in ârichtigâ und âfalschâ oder ânormalâ und âschĂ€dlichâ zu unterteilen, aber genau diese Ambivalenz ist die StĂ€rke des Textes und der Grund (in Kombination mit dem schwĂ€chelnden Ende), weswegen ich mich frage, ob der Roman nicht als reine Campus Novel bzw. Literary Fiction besser funktioniert hĂ€tte.Â
Kommen wir zum letzten Part, den ich fĂŒr den mit Abstand schwĂ€chsten des Romans halte. Eigentlich sollte hier alles zusammenflieĂen und sich befriedigend fĂŒgen, aber stattdessen irren wir mit Alice weiter durch die Hölle. Die verschiedenen Zonen haben ihre Faszination verloren, es ist ein mĂ€anderndes Voranschlurfen, bei dem ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, je einer der versprochenen Figuren (wieder)zubegegnen. Obwohl Alice keine leicht zu mögenden Protagonistin ist, konnte ich im Mittelteil MitgefĂŒhl fĂŒr sie entwickeln, aber hier flacht ihr Charakter ab und ihr Schicksal wurde mir mit jeder Seite gleichgĂŒltiger. Begegnungen mit neuen und alten Figuren sind, selbst wenn sie die Form eines Showdowns annehmen, langweilig, weil keiner von ihnen eine Tiefe hat, die die Begegnung reizvoll gestaltet hĂ€tte. AuĂerdem hĂ€ufen sich langsam die Plot Holes im Aufbau der Hölle. Sie machen deutlich, dass das fantastische Setting zwar attraktiv gestaltet ist, aber nicht so weit durchdacht, dass es sich vollends organisch anfĂŒhlt.
Und dann kommt ganz schnell der Schluss, Alice macht von einer Seite auf die nĂ€chste eine sprunghafte Charakterentwicklung und das Buch ist zu Ende. Ăhm, was? Da wurde so viel aufgebaut im Mittelteil, was charakterlich spannend, aber sicher nicht so leicht zu ĂŒberwinden ist und jetzt bekomme ich diese Weiterentwicklung, die zeigen könnte, wie Alice nach so einer âMisereâ weitermacht, nicht zu lesen? Da wirkt es auf mich umso mehr, als hĂ€tte Kuang einen Haufen guter Ideen gehabt und zwischen diesen versucht, eine Story zu spinnen, die manchmal gut funktioniert, an anderen Stellen aber wie Frankesteins zusammengenĂ€htes Monster wirkt. Das ist so schade! Das Potenzial ist da! Ich hĂ€tte diese Geschichte wirklich gern aus den HĂ€nden einer erfahreren Schriftstellerin (vielleicht einer Ă€lteren Kuang) gelesen.
Leseerfahrung: Jedes Buch zu seiner Zeit
Jonathan Strange & Mr Norrell von Susanna Clarke, 2004 bei Bloomsbury, auf Deutsch unter demselben Titel, 2004, beim Berlin Verlag, spÀter Heyne
Als ich es 2008 erstmals mit Jonathan Strange & Mr Norrell versuchte, war die Zeit noch nicht reif. Damals begeisterten mich vor allem JugendbĂŒcher, mit zugĂ€nglichen Schreibstilen und modernen Problemen, also kein Wunder, dass ich den Roman nach wenigen Kapiteln abbrach. Ăber die Jahre hat Jonathan Strange & Mr Norrell sich allerdings zu einem Klassiker der Fantasyliteratur gemausert. Immer wieder gibt es neue Sonderausgaben, es taucht in zahlreichen Besten- und Lieblingslisten auf und als ich 2021 auch noch Clarkes zweiten Roman, Piranesi, las und liebte, war meine Neugier endgĂŒltig wieder wachgekitzelt, musste aber noch vier Jahre vor sich hin köcheln. Geschlagene siebzehn Jahre hat es gedauert, bis ich es noch mal mit Jonathan Strange & Mr Norrell versucht habe und diesmal war die Zeit reif. Mein Lesegeschmack und ich haben sich inzwischen verĂ€ndert: Ich habe Literaturwissenschaft studiert, viel, viel mehr Leseerfahrung (gerade auch mit Klassikern) und bin natĂŒrlich erwachsen geworden. Meine LebensrealitĂ€t hat sich verĂ€ndert, mich interessieren andere Probleme als mit 20.
Aber kommen wir mal zum Buch. Ich hatte groĂen Respekt vor dem Unterfangen, diesen 1000-seitigen Schinken zu lesen und zu verstehen. Zuvor hatte ich bereits Clarkes Kurzgeschichtensammlung The Ladies of Grace Adieu gelesen, in der einige Storys im selben Universum wie JS&MN spielen, so dass ich wusste, was fĂŒr ein Stil auf mich zukommt. Und siehe da, es war alles ĂŒberhaupt kein Problem! Ganz im Gegenteil war ich ziemlich schnell gefangen von den lebendigen Settings und den cleveren VerknĂŒpfungen der Figuren.
Es geht in erster Linie um die titelgebenden Figuren und wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Magie zurĂŒck nach England bringen. Norrell ist ein Eigenbrötler, der am liebsten den ganzen Tag in seinen BĂŒchern lesen und die Zauberei fĂŒr sich behalten möchte. Strange ist jĂŒnger und wird Norrells SchĂŒler. FĂŒr ihn ist Magie viel organischer und nichts, was sich allein aus der Theorie lernen lĂ€sst. Auf diesem Konflikt aufbauend, freunden die beiden MĂ€nner sich an, sind aber nicht immer einer Meinung und ziehen zahlreiche weitere Charaktere in den Bannkreis ihrer Machenschaften rund um ihre magischen Forschungen.
Was mir geholfen hat, in der Seitenflut durchgĂ€ngig am Ball zu bleiben, war das deutsche Hörbuch. So konnte ich jeden Tag ein bisschen Fortschritt machen, auch wenn ich keine Zeit zum physischen Lesen hatte. Und wenn meine Gedanken im Hörbuch mal abgedriftet sind, habe ich das Kapitel spĂ€ter einfach nachgelesen. Peter Lontzek liest den Stoff so begnadet, dass es nicht nur eine Freude ist, zuzuhören, nein, er erzeugt auch diese, manchen HörbĂŒchern eigene, AtmosphĂ€re von GemĂŒtlichkeit und Beruhigung. Es gibt ja einige Menschen, die bestimmte HörbĂŒcher wiederholt zum Einschlafen hören, weil es sie entspannt. Wenn ich zum Einschlafen nicht immer etwas Neues hören wĂŒrde, wĂ€re dieser Kandidat ganz oben in meiner Dauerschleifenliste.
Der Einstieg ist zwar etwas langsam, aber eigentlich gar nicht so schwierig, denn Clarke fĂŒhrt das riesige Ensemble an Charakteren so geschickt und einprĂ€gsam ein, dass es kein Problem ist, den Ăberblick zu behalten. Und das ist wichtig, denn der Roman lebt von den verschlungenen Verkettungen der Figuren. Eine Tat fĂŒhrt zum nĂ€chsten Ereignis, ein GesprĂ€ch bedingt den nĂ€chsten Handlungsstrang.
Dinge, die ich mit 20 noch nicht an Texten geschĂ€tzt habe, bewundere ich heute in Clarkes Roman, z. B. die SubtilitĂ€t, mit der sie schreibt und wie sie Lesenden vertraut, die ZusammenhĂ€nge selbst zu erkennen. Aber auch den Witz, der stĂ€ndig mitschwingt und extrem an Jane Austen erinnert. Oder wie ambivalent viele der Charaktere sind. Es gibt keine strikte Einteilung in gute und böse Zauberer oder Menschen (na ja, auĂer vielleicht der Faerie King, aber der ist kein Mensch und den liebe ich fĂŒr seinen Hang zu blutrĂŒnstiger Gewalt, weil der immer so unschuldig aus dem Nichts kommt). Selbst SympathietrĂ€ger wie Strange handeln nicht immer im erstrebenswertesten Sinne: Ja, er liebt seine Frau Arabella, aber, hach, ja, er liebt die Zauberei eben auch und die kann einen ganz schön fĂŒr sich einnehmen.
FĂŒr ein Buch von 2004 wird mit dem Thema Rassismus erstaunlich sensibel umgegangen. Der Charakter Stephen, Schwarz und versklavt, bekommt seine eigene Perspektive, die geprĂ€gt ist von den grausamen Erfahrungen, die seine Mutter machen musste, und der Art, wie er vom weiĂen England tagtĂ€glich behandelt wird. Seine Kapitel gehören zu meinen liebsten im Buch, weil er ein so warmherziger Charakter ist und mit dem Blick eines AuĂenstehenden auf die reichen Leute GroĂbritanniens blickt. Auch der an die Seite gedrĂ€ngten Rolle der Frau ist Clarke sich bewusst, wobei sie daraus meiner Meinung nach mehr hĂ€tte machen können. Sie hat starke weibliche Figuren geschaffen, die unter den UmstĂ€nden der Zeit leiden und generell ist es hochinteressant, wie die Geschichte fĂŒr alle marginalisierten Figuren ausgeht, aber die Frauen bekommen fĂŒr meinen Geschmack zu wenig SpielflĂ€che (ganz ehrlich, ich hĂ€tte am Ende noch 300 Seiten mehr ĂŒber Mrs Strange, Lady Pole und Lady Greysteel gelesen).
Vom Ende habe ich erwartet, dass alles noch beeindruckender zusammenkommt. Obwohl ich die letzten Seiten total mochte (mein Herz </3), hat mir davor ein bisschen der Aha-Moment gefehlt. Ich dachte, alles wĂŒrde sich noch mehr fĂŒgen und mich ĂŒberraschen mit der Erkenntnis, wie clever alles zusammengestrickt wurde. Nichtsdestotrotz ist das Gesamtwerk durchaus beeindruckend konzipiert, durchweg packend geschrieben und bietet mit dem Gut der Magie eine reiche Metaphorik fĂŒr Privilegien, Wohlstand und Gatekeeping.
Die HĂ€kchen sind blau, meine Nachrichten immer auf gelesen. WĂŒrde ich nicht dauernd schreiben, wĂ€rs als hĂ€tte es unsere Freundschaft nie gegeben.