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21. Oktober 2017
Bye bye Hong Kong â again
Es gibt wohl kaum zwei gegensĂ€tzlichere StĂ€dte als Hong Kong und Berlin. Hier das moderne, saubere, durchgetaktete Zentrum des Kapitalismus, dort der seine kreative LĂ€ssigkeit zelebrierende Zufluchtsort fĂŒr freigeistige Individualisten.
Dies wird mir wieder klar, als wir Hong Kong verlassen. Wir fahren mit dem Airport Express zum weit auĂerhalb gelegenen Flughafen. Die rund halbstĂŒndige Fahrt ist eine einzige beeindruckende, vorbildliche PrĂ€sentation der Technik und Logistik. Alles ist schnell und unkompliziert, alles klappt, von Anfang an. Das Taxi bringt uns in 10 Minuten zum Bahnhof mitten in der Stadt. Dort angekommen geht es nicht in die Bahn zum Flughafen, sondern erst einmal zum Check-in. Ja genau, das GepĂ€ck wird bereits am Bahnhof aufgegeben, nicht erst am Flughafen. Der Flug beginnt bereits am Bahnhof (Edmund Stoiber, fĂŒr die Ălteren unter uns), der Rest der Anreise ist entspannt, ohne Koffer, die im Gang alles verstellen oder SitzplĂ€tze belegen. Beim ersten Mal begleitet einen die Angst, ob die denn wirklich die Koffer nicht nur zum Flughafen, sondern auch ins richtige Flugzeug schaffen. Die BefĂŒrchtungen sind umsonst, es klappt wie am SchnĂŒrchen.
Ganz im Gegensatz zu Berlin, z. B. im Nahverkehr. Eine Fahrkarte fĂŒr die BVG zu kaufen ist bereits eine Expertenentscheidung. ZunĂ€chst die Entscheidung, welche Zone: AB oder BC oder ABC? Die fragenden Gesichter von Touristen in Schönefeld können einem leid tun. Wer je in Schönefeld durch den Tunnel zu den Bahnsteigen gehetzt ist, kennt das Bild: Massen von Reisenden stehen geduldig in Schlangen, um mit dem Fahrkartenautomaten zu kĂ€mpfen.
Der Bildschirm reagiert nur widerwillig, Karte zum Bezahlen reinschieben (mehrfach, weil natĂŒrlich der Magnetstreifen unten rechts sein muss). Die PIN zur Kreditkarte ist vergessen, also nochmal von vorne, diesmal mĂŒssen MĂŒnzen aus dem Portemonnaie gefingert werden, damit man dann der Maschine beim Bedrucken der Tickets in Zeitlupe zuschauen kann. Der Fahrschein ist zwar gedruckt, aber noch lĂ€ngst nicht befahrbar. Ein Entwerter muss gesucht und das Ticket mit einem Zeitstempel versehen werden. In der Zwischenzeit ist die U-Bahn lĂ€ngst ein- und wieder abgefahren. Der nĂ€chste Zug kommt erst in 10 Minuten.
Mit der BVG-App ist es noch schlimmer. Vor der ersten Benutzung muss man sich registrieren. SĂ€mtliche persönliche Daten werden verlangt; dass die SchuhgröĂe nicht dabei ist, ist vermutlich nur auf die NachlĂ€ssigkeit der Programmierer zurĂŒckzufĂŒhren. Aber die Kreditkartennummer ist natĂŒrlich dabei, d.h. diese Angaben mĂŒssen regelmĂ€Ăig aktualisiert werden. Sinnvollerweise wird die App auf einem Telefon benutzt, das genau dann, wenn man eine Fahrkarte buchen will, nicht funktioniert, weil im U-Bahnhof kein Empfang ist. Dann doch lieber die Tortur am Automaten.
Und wie ist das in HK so? Man besorgt sich eine Octopuscard. Das ist so etwas wie eine Geldkarte, nur in funktionierend. In den U-Bahnhöfen gibt es Schalter, an denen man die Karten mit Geld aufladen kann. Die Octopuscard funktioniert kontaktlos, d.h. man legt sie auf eine gekennzeichnete FlĂ€che â fertig. U-Bahn fahren wird zum Kinderspiel. Karte vor dem Drehkreuz aufgelegt, pieps, durch. Keine Tariffragen, kein Fahrschein, nichts. Das alles geschieht buchstĂ€blich im Vorbeigehen. An Stationen wo viele Menschen mit Koffern erwartet werden, sind die DurchgĂ€nge so breit, dass man durchlaufen kann, ohne sich mit dem Koffer im Drehkreuz zu verknoten.
Am Ende der Reise das gleiche Spiel am Ausgang. Das Restguthaben wird auf einem gut lesbaren Display angezeigt, so dass man immer auf dem Laufenden ist. Und das Beste, die Karte wird stadtweit an allen möglichen Kassen akzeptiert: auf der FĂ€hre, in der StraĂenbahn, bei 7-11, bei Starbucks, im Kino, usw. ⊠Noch besser: das Geld ist zu 100% verfĂŒgbar. Keine âServicegebĂŒhrenâ oder andere âTransaktionskostenâ. Keine persönlichen Daten werden abgefragt, keine Protokolle wer, wann, was, wo bezahlt hat, die Karten sind völlig anonymisiert. WĂ€hrend in Berlin der zeitliche Aufwand sowieso fast egal ist, da die Bahn eh unpĂŒnktlich und unzuverlĂ€ssig kommt, kann man in Hong Kong die Uhr nach der U-Bahn stellen. Nicht nur, dass sie fast im Minutentakt fĂ€hrt und die Umsteigeoptionen so getaktet sind, dass man nur den Bahnsteig auf die gleichzeitig andere einfahrende Bahn wechseln muss, sie ist auch noch superpĂŒnktlich.
Das System kann trotzdem immer weiter optimiert werden: Da in der Vergangenheit immer wieder Passagiere von der Rolltreppe sich in die gerade schlieĂenden TĂŒren stĂŒrzten und damit den Fahrplan um Sekunden verzögerten, stehen nun an den entsprechenden TĂŒren Guards mit einem schicken groĂen rundem Schild in der Hand. Kurz bevor die TĂŒren schlieĂen, bauen sie sich vor der TĂŒr auf, halten das Schild vor sich in die Höhe, auf dem eine Figur âSTOP!â schreit. Keiner kommt vorbei, der Fahrplan stimmt wieder.
Hong Kong ist supereffektiv und normiert. In der 8 Mio. Metropole fahren Hunderttausende von Menschen tĂ€glich ohne Verzögerungen schnell, zuverlĂ€ssig und preisgĂŒnstig (eine Fahrt mit der StraĂenbahn kostet umgerechnet ca. 20 Cent, eine 30-minĂŒtige Fahrt mit der FĂ€hre 1,20 âŹ) durch die Stadt. Berlin hingegen lebt von Vielfalt und Abweichungen, Individuen und eigenwilligen Interpretationen. Dass manches nicht immer supergut klappt, ist wohl der Preis, der gezahlt werden muss. Und damit meine ich noch nicht einmal den BER, aber das ist eine andere Geschichte âŠ
(FriFri, zuerst veröffentlicht unter wongchoyalways.wordpress.com/2017/10/21/bye-bye-hong-kong-again/)
^^^ literal meaning lmao
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