5. Dezember 2025
Wieso eigentlich Kugelschreiber?
Im Seminar über Handschrift kommt die Frage auf, warum eigentlich Kugelschreiber eingeführt wurden, wo sich doch alle darüber einig sind, dass man damit hässlicher schreibt. Ich vermute, dass das auch damals schon so gesehen wurde, der Kugelschreiber aber irgendwelche Vorteile gehabt haben muss, für die man die schlechtere Handschrift in Kauf genommen hat. Nur welche?
Ich lese den deutsch- und den englischsprachigen Wikipediaeintrag und erfahre, dass es ums schnelle Trocknen der Tinte ging, man verschmiert also nicht so leicht versehentlich das Geschriebene, wichtig insbesondere für Linkshändige. Außerdem kann man mit einem Kugelschreiber viel weiter ohne Nachfüllen schreiben als mit einem Füller, nämlich 1 bis 10 Kilometer, der Füller schafft mit einer Patrone gerade mal 300 Meter. Vor dem Füller, mit Tintenfass und Schreibfeder, waren es sogar nur wenige Zentimeter, bis man nach-tunken musste. Ich schreibe in den Chat des Seminars: "Nachfüllen war das Akku-Laden von früher!"
Im Wikipediaeintrag steht außerdem, dass man mit einem Kugelschreiber auch im Flugzeug schreiben konnte. In der Kabine eines Flugzeugs herrscht derselbe Luftdruck wie in 2500 Meter Höhe. Die Luft im Füller dehnt sich dann aus und kann Tinte aus dem Reservoir drücken. Jetzt erinnere ich mich tatsächlich ganz dunkel daran, dieses Problem schon selbst erlebt zu haben, mit einem Retro-Kolbenfüller von Pelikan, den ich gegen Ende meiner Schulzeit und im Studium hatte, weil es mir irgendwie attraktiv erschien, mit altmodischen Tintengläsern zu hantieren. In dieser Zeit bin ich zweimal geflogen, einmal nach New York und einmal nach London. Bei einem dieser beiden Flüge muss der Kolbenfüller Tintenflecken in meinem Gepäck und meinem Gedächtnis hinterlassen haben.
Hanna Engelmeier bestätigt das live im Seminar. Sie habe in einem Flugzeug mit dem Füller in ihr Tagebuch geschrieben und dabei gekleckst.
Auch diese Anzeige aus den 1940er Jahren erwähnt schon die Höhentauglichkeit, allerdings ohne Flugzeug-Erwähnung. Vielleicht mussten die meisten damals noch auf einen hohen Berg steigen, um Tintenflecken im Gepäck zu bekommen. Zusätzlich werden zwei weitere Vorteile genannt: Man kann auch auf nassem Papier schreiben und bis zu sechs Kopien mit Durchschreibepapier herstellen. (Womit hat man das wohl vor dem Kugelschreiber gemacht? Vielleicht nur mit der Schreibmaschine?)
Als der Kugelschreiber noch erklärungsbedürftig war: Anzeige aus den 1940er Jahren
Mehrere Seminarteilnehmende berichten, noch nie einen Kugelschreiber gekauft zu haben. Ich kann mich selbst auch an keinen Kugelschreiberkauf erinnern. Kugelschreiber sind einfach immer irgendwie da.
(Kathrin Passig)













