Das mit Daniel Bierofka und mir begann im Keller. Es war ein sonniger, brütend warmer Oktobersamstag im Jahr 2001- so sonnig und brütend warm wie Oktobersamstage eben sein können im süditalienischen Kampanien, wo ich damals wohnte. Ich war 14 Jahre alt und räumte mit meinem Vater Brennholz in den Keller unter unserem Haus, in das wir anderthalb Jahre vorher gezogen waren. Und auf einem Fenstersims stand der Weltempfänger. Mittelwelle, 801 Kilohertz, ich werde die Frequenz nie vergessen, die mir in meinen ersten Italien-Jahren das Heimweh linderte - und mir Samstag für Samstag die Bundesliga in mein Zimmer holte. Die Bundesliga, in der der 1860 München damals eine feste Größe war - der Verein, in den ich mich schon unsterblich verliebt hatte. Damals, an diesem Oktobertag 2001, war Münchner Derby. Und mein Herz hüpfte jedesmal ein bisschen, wenn aus dem Radio der Reporter krächzte, der 1200 Kilometer entfernt im Münchner Olympiastadion saß. Neun Spielminuten waren erst vorbei, da hörte ich „Bierofka“ und „Traumtor“ - und lief näher zum Lautsprecher. 1:0 für Sechzig. Ich ballte die Faust, jubelte durch den stickigen, grauen Keller. Und war kurz ganz, ganz glücklich.
Ich wusste es noch nicht, doch damals begann eine große Fanliebe.
Daniel Bierofka war im Oktober 2001 eines der großen deutschen Fußball-Talente - in einer Zeit, in der deutsche Fußball-Talente ähnlich rar waren wie 1860-München-Fans in Süditalien. Ein paar Monate später machte Bierofka sein erstes Länderspiel, bei seinem zweiten Einsatz schoss er sein erstes Tor. Er wurde als heißer Kandidat für den Kader zur WM in Japan und Korea gehandelt - doch Teamchef Rudi Völler entscheid sich gegen ihn. Im Sommer wechselte er von 1860 München zu Bayer Leverkusen. Aber irgendwie blieb ich Daniel Bierofka trotzdem treu. Ein bisschen, weil auch sein Vater Willi Bierofka eine 1860-Legende gewesen war. Ein bisschen, weil ich auch über Mittelwelle 801 mitbekommen hatte, dass Biero ein Kämpfer war. Einer, der auf dem Platz nie aufzugeben schien.
Drei Jahre später erlebte ich den Wendepunkt in Daniel Bierofkas Karriere am Fernseher mit. Sommer 2005, Bierofka war gerade zum VfB Stuttgart gewechselt, quasi gleichzeitig mit der italienischen Trainerlegende Giovanni Trapattoni. Wahrscheinlich auch deshalb zeigte ein italienischer Fernsehsender damals - ich lebte noch immer in Italien - das Teststpiel des VfB Stuttgart gegen den Serie-A-Klub AC Siena. Und so sah ich live, wie Siena-Verteidiger Daniele Portanova Daniel Bierofka in den Fuß sprang, sich Bierofka auf dem Boden wälzte. „Scheiße, nicht der Bierofka“ murmelte ich damals vor dem Fernseher, das glaube ich noch genau zu wissen. Für Biero, wie ihn jeder Löwenfan mit ein bisserl Sinn für Romatik nennt, war es der Beginn einer harten Zeit. Er wurde zwölfmal in einem halben Jahr operiert, schrammte knapp an der Sportinvalidität vorbei. Nach seiner Rückkehr tat er sich schwer in Stuttgart. Und dann, im Sommer 2007, kehrte er zu den Löwen zurück. Im gleichen Jahr, in dem ich aus Italien nach Bayern zurückzog. Endlich sah ich meine Löwen live. Und wenn Biero am Ball war, ging mir das Herz auf. Seine Sprints auf dem Flügel, sein besessener Blick, seine Aufmunterungsrufe an die Mitspieler, die durch das Stadion hallten.
Er hatte es auch nach seiner Rückkehr zu 1860 nicht leicht: immer wieder Verletzungen, nach denen er sich aber immer wieder zurückkämpfte. Bis er dann, im Mai 2014, nach sieben Jahren bei 1860 - sieben Jahre ohne Aufstieg, sieben Jahre voller Löwen-Turbulenzen samt Fast-Insolvenz - sein letztes Profispiel absolvierte. Standing Ovations im Stadion. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich hatte Biero auch neben dem Stadion erlebt: als unkomplizierten, völlig un-arroganten Zeitgenossen, der nach der Partie gerne mit seinem Papa Willi plauderte und sogar schüchterne Kinder am Spielfeldrand mit einem Lächeln zu einem Erinnerungsfoto überredete. Einer ganz ohne Fußballstar-Allüren, ganz anders als einige seiner Teamkollegen.
Dass es jetzt, im Frühjahr 2016, Daniel Bierofka gewesen ist, der als Interimscoach die Löwen mit drei Siegen in drei Spielen vor dem Abstieg in die Dritte Liga gerettet hat, ist fast so fußballromantisch wie der Premier-League-Triumph von Leicester City. Und wenn Biero bald den Trainerschein macht, wird er ja vielleicht irgendwann auch offizieller 1860-Chefcoach. Und vielleicht schafft er dann den Aufstieg. Und dann ist wieder Derby gegen Bayern. Und dann geht 1860 vielleicht in Führung. Und dann…
Dann geht es vielleicht aus wie damals, im Oktober 2001. Nach der 1:0-Führung für 1860 gewannen die Bayern mit 5:1. Und Werner Lorant, damals seit acht Jahren Cheftrainer, wurde Tags darauf entlassen.