August 2020, und ein halbes Jahrhundert davor
Im Magen des Wickelfischs
Ich bin kein Freund von Schwimmbädern und frequentiere sie nur in der Not. Sehr viel lieber bade ich “wild” in Flüssen und Seen. Dort gibt es natürlich keine Schließfächer für Wertsachen, deshalb habe ich den Wickelfisch.
Der Wickelfisch sieht zunächst tatsächlich ein bisschen wie ein Fisch aus:
... Man füllt seine Wertsachen hinein (vorzugsweise in einer Plastiktüte, denn ähnlich wie Zeltwände wird der Wickelfisch innen durchaus feucht, läuft jedoch nicht voll), rollt die Öffnung zusammen, und erhält etwas, was (abgesehen vom unfeierlichen Material) eher dem Pompadour einer feinen Dame in der Oper gleicht:
Damit kann man nun schwimmen gehen, durch die mit eingerollte Luft treibt es an der Oberfläche und kann am Bande hinterhergezogen werden.
Der Wickelfisch wurde für das Schwimmen im Basler Rhein erfunden, dort hat er noch eine Zusatzfunktion, er markiert den Schwimmer als eine leuchtfarbene kleine Boje und verbessert so die Sicherheit bei Begegnungen mit Booten und Schiffen.
Es gibt auch einen großen Wickelfisch, in dem man seine gesamten Klamotten samt Handtuch unterbringen kann, das ist schön beim Flussschwimmen, wo Einstiegs- und Ausstiegsstelle Kilometer auseinanderliegen können. Beim diesjährigen Bodenseeurlaub genügt aber der kleine Wertsachen-Wickelfisch.
Beim Befüllen Pensées darüber, dass meine Diebstahlsängste heute ganz andere Gegenstände betreffen als früher.
Als Kind betrachte ich als GAU den Diebstahl meiner Armbanduhr, gefolgt von meinem Taschengeld. Wickelfisch habe ich da noch keinen, ich lasse die Sachen am Ufer und hoffe das Beste. Nie kommt etwas weg.
1997 mache ich mir eher Sorgen um meinen Autoschlüssel. Wickelfisch brauche ich deshalb keinen. Der Schlüssel ist zu dieser Zeit noch aus Blech gefertigt und kann einfach im Reißverschluss-Münztäschchen der Badehose mitgeführt und nach dem Baden abgetrocknet werden. Ich wäre zwar nicht begeistert, wenn jemand mein Geld stiehlt, aber angesichts der geringen Wahrscheinlichkeit kann ich mit dem Risiko gut leben. Ich besitze zwar schon längst eine Kreditkarte, aber sie ist noch kein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, und es ist mir noch nicht in den Sinn gekommen, sie zum Schwimmen mitzunehmen. Am meisten Bauchschmerzen macht mir noch das Handy, das hat immerhin 600 Mark gekostet, aber es wird schon gutgehen. Tut es auch.
Heute lege ich in den Wickelfisch mein Kreditkartentäschchen und den Auto- respektive Fahrradschlüssel. Wenn ich auf dem Heimweg von der Arbeit schwimmen gehe, auch noch den Firmenschlüssel. All diese Gegenstände sind zwar irgendwie versichert, aber ich weiß nicht genau, ob die verschiedenen Versicherungen nicht doch aufhorchen würden, wenn ich zugeben müsste, dass ich die Sachen am Seeufer abgelegt habe und davongeschwommen bin. - Handy und Geldbeutel lasse ich rücksichtslos am Ufer. Mein Handy weiß weder Geheimnisse von mir, noch hat es eine Ahnung, was Onlinebanking ist. Ich würde schon zünftig fluchen, wenn es weg wäre, aber das passiert ja doch nicht.