Die Dunkelheit bricht herein
Der schmĂ€chtige Junge schwankte leicht unter dem schweren Tablett und ging dann mit zĂŒgigem Schritt zu einem Tisch voller MĂ€nner, um das Met zu servieren. Die kleine Taverne seines Onkels war gut gefĂŒllt an diesem dunklen Herbstabend. Die MĂ€nner hatten die Ernte eingebracht und saĂen nun zusammen, um den Feierabend zu genieĂen.Â
Ein Feuer prasselte im Kamin, der mal wieder gekehrt werden musste, denn er ruĂte ein wenig. DrauĂen war die Sonne unter gegangen und der Mond stand hoch am Himmel und tauchte die Landschaft in sein fahles Licht.Â
âHey, Flann!â, rief eine Stimme von einem anderen Tisch. Sie gehörte zu einem der Nachbarn. Der schmĂ€chtige Junge drehte sich um und ging zu dem Tisch. âWas ist, Nugs?â Der Bauer hob seinen leeren Krug und wollte gerade etwas sagen, als die TĂŒr mit einem WindstoĂ aufging und drei MĂ€nner hereinkamen.
Stille senkte sich ĂŒber die Taverne bei der Ankunft der Neuankömmlinge. Viele der Bauern kauerten sich tiefer in die Ecken. Flann starrte mit groĂen Augen die MĂ€nner an, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie wurden angefĂŒhrt von einem Mann, dessen Gesicht halb verdeckt war von einem dunklen Tuch und einer Kapuze. Â
Der andere Mann war wesentlich jĂŒnger und trug gold gewirkte Kleidung. Er blickte sich offen in der Taverne um. Sein langes schwarzes Haar wurde von einem traditionellen Knoten am Hinterkopf gehalten.
Den dritten Mann konnte man nicht erkennen. Sein Gesicht lang im Schatten seiner Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. An seinem GĂŒrtel baumelte ein Köcher voller Pfeile und zwei ArmbrĂŒste waren auf seinem RĂŒcken.Â
Die drei gingen mit geschmeidigen Bewegungen zu einem Tisch und lieĂen sich auf die BĂ€nke nieder. âBei den Götternâ, murmelte Nugs neben dem Jungen. Nachdem sich die Fremden gesetzt hatten, nahmen die GĂ€ste ihre GesprĂ€che wieder auf.Â
Der Junge ging zögerlich auf den Tisch mit den Fremden zu. Das Gesicht des Kapuzenmannes konnte man nicht erkennen, was den Jungen sehr nervös machte. Der JĂŒngste schaute ihn offen und freundlich an.
âHrmpfâŠĂ€hâŠmöchtet ihr etwas trinken?â, der Junge fuhr sich erschrocken an den Hals, denn er hatte die Worte hervor gekrĂ€chzt. Der Mann mit der goldenen Kleidung musterte ihn durchdringend und lĂ€chelte dann leicht. Jetzt aus der NĂ€he sah er nicht mehr so jung aus. Er wirkte seltsam alterslos und etwas an ihm war dem Jungen ganz und gar nicht geheuer.Â
âDu hast doch etwa keine Angst vor uns?â, die Stimme des Fremden war weich. âNatĂŒrlich hat er das.â Der Junge zuckte zusammen als er die dunkle Stimme des Kauzenmannes vernahm. Der andere Mann funkelte den Kapuzenmann an. âDazu besteht aber kein Grund.â Der Kapuzenmann lehnte sich leicht vor. âDazu hat er jeden Grund.âÂ
Dem Jungen lief ein schaudern ĂŒber den RĂŒcken und sein Magen krampfte sich zusammen. Die beiden MĂ€nner starrten sich eine Weile an, bis der Mann ohne Kapuze plötzlich sanft lĂ€chelte. Dann lehnte er sich entspannt zurĂŒck und machte eine nonchalante Handbewegung. Er verzog kurz seinen Mund und meinte "Nun, ich wĂŒrde gerne einen Becher Wein trinken und das ist ja wohl kein Grund so dramatisch zu werden.â Der Kapuzenmann zischte nur als Erwiderung.
Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte sich der Schwarzhaarige zu dem Jungen und lĂ€chelte ihn freundlich an. âIch hĂ€tte also gerne einen Becher Wein. Mein Freund hier, â er deutete auf den Kapuzenmann, ânimmt einen Krug Met und dieser Mann hierâ, nun deutete er auf den Mann mit dem verdeckten Gesicht, âeinen Krug Wasser.â
Der Junge blieb wie angewurzelt stehen und konnte nur nicken. Einen Moment starrte er den Fremden noch an und dann platze es auch ihm heraus. âWas seid ihr?"Â
Der Fremde schaute ihn kurz forschend an und grinste dann. "Oh, eine gute Frageâ, er machte eine Handbewegung und zwischen seinen Fingern erschien eine kleine blaue Kugel, âIch bin ein Zauberer. â Mit einer weiteren Bewegung war die Kugel verschwunden und er schaute den Jungen streng an. âWo bleiben denn unsere GetrĂ€nke?â
Der Junge nahm hastig sein Tablett und lief Richtung KĂŒche, um das GewĂŒnschte zu holen.
âAlso wirklich, Arangar, mĂŒsst Ihr ihn so erschrecken?â Der Zauberer schaute miĂbilligend den Kapuzenmann an. Der schnaubte nur. âEr lernt besser frĂŒher als spĂ€ter seine Angst zu kontrollieren.â Damit schob er seine Kapuze nach hinten. Zum Vorschein kam ein Gesicht, das zur dunklen Stimme passte. Die dunklen Haare wurden von einem Band zusammengehalten und ein Bartschatten war auf seinem Gesicht.Â
Lorath seufzte innerlich. Was hatte ihm Tyrael da nur fĂŒr eine Aufgabe aufgetragen? Nach langem Suchen hatte er die beiden Nephalem gefunden und nun zusammengebracht. Unterschiedlicher konnten zwei MĂ€nner nicht sein. Jingim, der Zauberer, blendete einen fast mit seinem Auftreten. Er trug ausschlieĂlich goldene Kleidung und schaffte es trotzdem irgendwie nicht weibisch auszusehen. Sein Wesen war ziemlich schwer zu ertragen, wenn man ihn nicht nĂ€her kannte, denn er war unglaublich von sich selbst ĂŒberzeugt. Arangar, ein DĂ€monenjĂ€ger, hingegen trug ausschlieĂlich dunkle Kleidung und war auch sonst eher abweisend und schroff. Das bedeute allerdings nicht, das sein Ego in irgendeiner Weise dem von Jingim nachstand. Vielleicht war das so eine Nephalemsache, dachte Lorath bei sich.
Der Junge brachte die GetrĂ€nke an den Tisch und verteilte sie mit fahrigen Bewegungen an die MĂ€nner. Jingim nahm den Becher Wein in die Hand und verzog etwas den Mund. âBring mir noch ein paar GewĂŒrze, Junge. Nelke, Sternanis, was du so in der KĂŒchen finden kannst.âÂ
Flann nickte nur und lief aufgeregt in die KĂŒche zurĂŒck. Arangar musterte den Zauberer mit einem abschĂ€tzenden Blick und trank dann einen kĂ€ftigen Schluck. Lorath versuchte sich seine Frustration nicht anmerken zu lassen, als er das Wort ergriff. âTyrael hat mich beauftragt Euch zu finden, denn es gibt eine Ă€uĂerst wichtige Mission, die nur Ihr beiden zusammen erledigen könnt.â
Der Zauberer lehnte sich zurĂŒck und blickte Lorath kalt an. âDas ist vollkommen lĂ€cherlich. Es gibt keine Mission, die ich nicht alleine erledigen könnte.â âIch arbeite mit niemanden zusammenâ, die dunkle Stimme des DĂ€monenjĂ€gers war leise, aber sie hatte etwas Zwingendes.Â
Lorath war zurĂŒckgewichen bei der offensichtlichen Feindseligkeit der beiden Nephalem. Er hatte eine ganz gute Vorstellung davon, wozu sie fĂ€hig waren und er wollte es nicht bis zum ĂuĂersten kommen lassen. Er atmete tief durch. Gerade als er zum Sprechen ansetzen wollte kam der Junge wieder an den Tisch.Â
Flann spĂŒrte die angespannte Stimmung zwischen den MĂ€nnern sofort. WĂ€hrend der Zauberer den Mann mit dem verdeckten Gesicht kalt anschaute, schien der dunkelhaarige seltsam abwesend.Â
Flann legte die GewĂŒrze neben den Zauberer auf den Tisch. âHier, mein Herrâ, zumindest hatte er seine Stimme im Griff, als er die GewĂŒrze ablegte. Jingim lĂ€chelte den Jungen an, nahm die GewĂŒrze und lieĂ sie in den Wein fallen. Flann verstand. âSoll ich den Wein fĂŒr Euch erwĂ€rmen, Sire?â Offensichtlich wollte der Zauberer einen GewĂŒrzwein trinken.Â
Jingim lachte kurz auf und schĂŒttelt dann den Kopf. âNicht nötig, mein Junge.â Fasziniert beobachtete Flann, wie der Zauberer eine kleine Flamme in seiner Hand beschwor und so den Becher mit dem Wein erhitze.Â
In diesem Moment sagte der Dunkelhaarige in einem ruhigen Ton âSie kommen.â Im nĂ€chsten Moment stand er, hatte Flann hinter sich geschoben und die beiden ArmbrĂŒste im Anschlag.Â
Jingim fragte nicht, wer kommen wĂŒrde. In dem Moment als Arangar es aussprach konnte auch er es spĂŒren. DĂ€monen ging immer ein seltsames GefĂŒhl voraus. Mit einer geĂŒbten Bewegung wirkte er EnergierĂŒstung um sich und stand neben Arangar. Lorath verdeckte er mit seinem Körper.
Die TĂŒr des Gasthauses zersplitterte, als sich mehrere DĂ€monen dagegen warfen. Sie wurden von einem Pfeilhagel und magischen Geschossen zerfetzt. Was dann folgte, war ein Kampf, wie Jingim ihn liebte. Die Gegner wurden förmlich niedergemĂ€ht von den vereinten KrĂ€ften der Nephalem. Jingim lachte und rief den DĂ€monen entgegen âDamit habt Ihr nicht gerechnet, was?!â
Innerhalb von kurzer Zeit war der Spuk vorbei. Arangar packte den vollkommen verĂ€ngstigten Jungen an der Schulter und setzte ihn auf einen Stuhl. Dann schaute er Jingim an. Er hatte schon so manchen Zauberer gesehen, aber keiner reichte an das heran, was dieser konnte. Die beiden MĂ€nner starrten sich an; braune Augen bohrten sich in grĂŒne Augen. Dann hielt Arangar seinen ausgestreckten Arm hin. âIhr könnt mit mir kĂ€mpfen, Bruder.âÂ
Jingim zögerte keinen Moment und ergriff den Arm am Ellenbogen. âNichts lieber als das, Bruderâ, er lĂ€chelte den DĂ€monenjĂ€ger an, der ihm ebenfalls ein kurzes LĂ€cheln schenkte.Â
Lorath atmete tief aus. Sein Auftrag war erfĂŒllt. Doch als er sich die schwarze und die goldene Gestalt ansah, war er sich nicht sicher, ob sich wirklich alles zum Guten wenden wĂŒrde.