Der Epische
1.
Pieter Bruegel ist nicht nur der Ältere (und wesentlich älter als Wit Bräukel), er ist auch der Epische (und wesentlich epischer als Wit Bräukel). Dem Wit Bräukel ist er in Sachen literarischer Bildung/ literaturhafter Bildgebung das Vorbild schlechthin, was nicht zuletzt an seinem Talent liegt, Antike dort nachleben zu lassen, wo das sogenannte Mittelalter und die sogenannte frühe Neuzeit komplex verhäkelt bis verknotet sind. Bei ihm ragen alte bis älteste und neue bis neuste Zeiten ins Bild. Er ist auf Wendezeiten und Kehren fixiert - seine großen Kalenderbilder, die alle in seinem Gipfelsaal in Wien hängen, sind nicht nur Bilder von Jahreszeiten, sondern auch von Kehrzeiten.
Bruegel ist der Erfinder der Zugstrecke, einer landschaftlichen, nämlich in den Horizont gewendeten Treppenszene. Die Zugstrecke ist eine diagonale Trasse. Er ist der Erfinder des großen oder kleinen Bahnhofs also jener Stelle, an der Züge halten und trotzdem abgefahren werden.
2.
Bruegel wird hier als der Inventor dieses Bildes bezeichnet. Philipp Galle hat das Bild 1559/1560 gestochen, die Graphiken nach den Entwürfen von Bruegel waren Bestseller.
Das Bild der Prudentia ist hier das Bild einer kalkulierenden Vorsicht/ Voraussicht/Vorahmung, der providentia und dem Kredit affin bis verwandt. Die Prudentia wird manieristisch zu einer Erben von Carne/ Cardea, also dem sommerlichen und summenden Scharnierwesen mit den zwei Gesichtern. Noch hat Prudentia ein Gesicht, das zweite folgt aber bald. Auf diesem Zug werden Carne/ Cardea und Prudentia auch zu Vorbildern des Engels der Geschichte, wie Walter Benjamin ihn durch ein Bild von Paul Klee betrachtet. Bei Breugels ist die Figur noch eine Angel, ein Scharnier der Geschichte. Sie hält einen Spiegel in der Hand, wie üblich. Aus der Lanze oder dem Stab macht Breugel eine sechskantige, hohe Säule, einen Träger (auf dem ein halbes Kreuz im Licht zu sehen ist). Dieser schwere Träger ist gekippt, Prudentia hält ihm mit ihrem linken Arm. Wir sehen die Form einer Bildökonomie die einer Form der Bildökonomie aufsitzt.
Prudentia ist ein anthropovagues Wesen, es ist mit Schlangen/ Schlingen assoziiert (bei Bruegel/ Galle ist die sonst am Arm situierte Schlange ein Armreif, das ist Schmuck, auch in dem kosmologischen/ kosmographischen Sinne und in damit dem Sinne, den das Medium im Distanzschaffen und bei der Verleibung nach Aby Warburg spielt). Das anthropovague Wesen ist ein Kippwesen, ein polares Wesen. Es geht mit dem Kippen und der Polarität , mit dem elliptischen Kreisen seiner Welt um..Wir assoziieren es jetzt auch mit den Tropen. Das anthropovague Wesen der Prudentia geht mit den Wenden/ dem Wendigen/ den Wendungen um.














